Irak

Irak: Für die Jesiden gehen Trauma und Krisen weiter

Ein Baby, das im vergangenen Jahr im Krankenhaus der Stadt Sinuni geboren wurde.

Mehr als sechs Jahre sind seit dem brutalen Angriff des sogenannten Islamischen Staats auf die Gemeinschaft der Jesiden im Nordwesten des Iraks vergangen. Viele Familien leiden noch immer an den psychischen und physischen Auswirkungen der traumatischen Ereignisse. Militäraktionen machen den Menschen Angst, dass ihre Region erneut zur Kriegszone werden könnte. Zudem ist die Arbeitslosigkeit hoch, und die meisten leben weit unter der Armutsgrenze. Die Folgen der Pandemie belasten die Menschen zusätzlich: Die Reisebeschränkungen verschlechtern die Möglichkeiten zu arbeiten und medizinische Hilfe zu erhalten. Außerdem verstärken sich häusliche Gewalt und Depressionen bis hin zu Suizidversuchen.

Die Covid-19-Pandemie verschärft die Notsituation der Jesiden noch weiter, obwohl es bislang in der Region kaum Infektionen mit dem Coronavirus zu verzeichnen gibt. Durch die von der Regierung verhängten Covid-19-Schutzmaßnahmen mussten auch diejenigen zu Hause bleiben, die Arbeit hatten.

Aeed Nasir arbeitet für uns als Leiter des Pflegepersonals im Allgemeinen Krankenhaus in der kleinen Stadt Sinuni. Er beschreibt die Situation so: „Die meisten Menschen in Sinjar leben von der Landwirtschaft oder arbeiten tageweise in Aushilfsjobs außerhalb der Stadt. Das Coronavirus hat das Wirtschaftsleben zum Stillstand gebracht, und die Menschen können die Stadt nicht zum Arbeiten verlassen. Die Ernte deckt nicht annähernd das ab, was die Bauern investiert haben. Händler aus anderen Gouvernements können nicht herkommen, um die Produkte zu kaufen. Deshalb verdirbt die Ernte.“

Suizidgedanken und-versuche nehmen zu

Bei vielen Jesid*innen haben die Ungewissheit über die Zukunft, die Schwierigkeiten, die eigene Familie zu versorgen und die ungewohnt viele Freizeit zu mehr Frust und Stress geführt. Gerade für Menschen, die schon traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit bewältigen müssen, sind solche Umstände besonders belastend. Phoebe Yonkeu, Leiterin unserer psychosozialen Aktivitäten in Sinuni, berichtet: „Wir haben einen Anstieg von häuslicher Gewalt gesehen. Nachdem die Ausgangsverbote gelockert wurden, sind viele Frauen zu uns gekommen, deren Männer ihnen oder ihren Kindern gegenüber aggressiv geworden sind. Aggressives Verhalten und Wut auf Familienmitglieder sind eine Form, Frust und Ängste zu kanalisieren. Wir haben in Sinjar auch vermehrt Menschen mit Depressionen betreut, und wir glauben, dass der Lockdown dabei eine große Rolle gespielt hat. In den vergangenen Monaten sind viele Patient*innen mit Suizidgedanken oder nach Suizidversuchen zu uns gekommen, und das sind schwere Symptome von Depression.“

Reisebeschränkungen behindern Gesundheitsversorgung

Vor der Covid-19-Pandemie wurden Patient*innen, die eine fachmedizinische Behandlung brauchten, in die Krankenhäuser im Gouvernement Dohuk überwiesen. Jetzt ist Mossul aber wegen der Covid-19-bedingten eingeschränkten Reisefreiheit der einzig erreichbare Ort. Um die Checkpoints auf dem Weg nach Mossul passieren zu können, müssen die Patient*innen aber in einem Krankenwagen transportiert werden. Im Schnitt dauert es so vier Stunden dorthin.

Für viele Menschen aus den Dörfern in Sinjar ist das Allgemeine Krankenhaus in der kleinen Stadt Sinuni somit die einzige Möglichkeit, medizinische Versorgung zu bekommen. Doch die Zahl der Frauen, die in die Klinik kommen, ist gesunken. Adelaide Debrah, eine unserer Hebammen, berichtet: „Die Frauen kommen nicht zur den Untersuchungen während der Schwangerschaft oder nach der Geburt oder zu den Terminen zur Familienplanung, weil sie die Checkpoints nicht passieren können. Sie werden nicht als Notfall betrachtet. Nachdem die Reiseeinschränkungen in letzter Zeit etwas gelockert wurden, sind vermehrt Frauen mit unerwünschten Schwangerschaften zu uns gekommen, die erzählt haben, dass ihnen die Verhütungsmittel und Medikamente ausgegangen sind.”

Angst, die Region könnte wieder zur Kriegszone werden

Nicht nur Covid-19 hat bei der Bevölkerung in den vergangenen Monaten zu zusätzlichem Stress geführt. Auch die Luftangriffe in der Region und andauernde Militäraktionen gegen Gruppen, die mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in Verbindung stehen, haben Ängste ausgelöst. Die Menschen fürchten, die Region könnte wieder zur Kriegszone werden.

Unser Pflegeleiter Aeed Nasir erzählt: „Die jesidische Bevölkerung hat nicht vergessen, was ihr 2014 angetan wurde. Die Folgen des Massakers beherrschen die Region noch immer. Nach wie vor werden Massengräber gefunden. Ich sehe die Hoffnungslosigkeit in den Gesichtern der Menschen. Manche von ihnen haben nicht einmal genug Geld, um Nahrungsmittel kaufen zu können. Oft sammeln wir – das Krankenhauspersonal – Spenden für Patient*innen. In Sinjar gibt es einfach nichts, manchmal kann man nicht einmal das Wasser trinken.

Unsere Hilfe in Sinuni

Wir unterstützen das Krankenhaus in Sinuni ab Dezember 2018, zunächst in den Bereichen Notfallversorgung und Geburtshilfe. Weil schnell klar wurde, wie enorm der Bedarf an psychologischer Hilfe ist, bauten wir diese aus. Am Berg Sinjar führten wir für die Vertriebenen auch mobile psychiatrische Kliniken und Gruppensitzungen ein. Unser Team bietet mehr als 90.000 Menschen in der Region medizinische Versorgung. Allein im vergagenen haben wir über 14.500 Patient*innen in der Notaufnahme des allgemeinen Krankenhauses in Sinuni behandelt, bei 755 Geburten Hilfe geleistet und 8.700 Beratungen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit sowie über 1.400 psychosoziale Beratungen abgehalten.