Irak

„Die meisten Kinder, die in der Region Mossul an Mangelernährung leiden, sind jünger als ein Jahr“

Jawad ist zehn Monate alt. Seine Mutter brachte ihn in die Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Qayyarah, weil er schwer mangelernährt ist.

In unserer Klinik in Qayyarah im Süden von Mossul haben wir seit März mehr als 450 Kinder wegen Mangelernährung behandelt. Unser Landeskoordinator Manuel Lannaud erklärt, warum dort vor allem Säuglinge von Mangelernährung betroffen sind und wie wir sie behandeln. Bei der Bewältigung dieser Krise sind weitere humanitäre Akteure gefordert.

Warum baut Ärzte ohne Grenzen die Anzahl der Betten aus?

Seit März behandeln wir in unserem Krankenhaus in Qayyarah schwer mangelernährte Kinder. Die meisten sind jünger als ein Jahr, und mehr als die Hälfte ist noch nicht einmal sechs Monate alt. Einige Mütter kommen direkt aus Mossul, die meisten leben in Lagern. In den vergangenen Wochen ist die Zahl mangelernährter Kinder, die einer Behandlung bedürfen, deutlich gestiegen. Wir haben oft eine Bettenbelegung von 200 Prozent und mehr. Deshalb sind wir gerade dabei, eine neue 30-Betten-Station zu eröffnen, wo wir Kinder behandeln können, die an schwerer Mangelernährung leiden. Ab Juli versorgen wir dort Mütter und Kinder, die jetzt noch in einem 12-Betten-Zelt untergebracht sind.

Warum leiden die Kinder rund um Mossul an Mangelernährung?

Mangelernährung tritt hier vor allem deshalb auf, weil zu wenig Säuglingsnahrung verfügbar ist. Im vormals belagerten Teil von Mossul leiden zwar auch Erwachsene unter der Lebensmittelknappheit, und tatsächlich kommen viele extrem untergewichtige Menschen in die Lager. Die Erwachsenen nehmen aber rasch wieder zu, nachdem sie die Stadt verlassen haben. Bei den Babys ist das anders. Viele irakische Mütter stillen nicht, und diejenigen, die es tun, hören in der Regel schon nach zwei oder drei Monaten damit auf. Das Stillen wird zusätzlich durch die Bedingungen im Lager, durch Stress und Erschöpfung erschwert.

Es gibt auch eine politische Hürde. Internationale Organisationen wie das Kinderhilfswerk UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation WHO werben für das Stillen – nicht nur im Irak. Säuglingsnahrung stellen sie nur auf Rezept zur Verfügung. Wir glauben, dass wir Krankenhausaufenthalte von Kindern wegen Mangelernährung in einer Konfliktsituation wie im Irak nur vermeiden können, indem wir Säuglingsnahrung verteilen. Darum stellt Ärzte ohne Grenzen Säuglingsnahrung nach der Entlassung der Kinder aus dem Krankenhaus für ihre anschließende Versorgung zur Verfügung. Wir ermutigen Mütter auch zum Stillen und klären sie darüber auf, wie wichtig es ist. Aber wenn sie Babynahrung brauchen, dann geben wir sie ihnen. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass die Wasserqualität in den Lagern den Standards entspricht. Wir instruieren die Mütter, darauf zu achten, dass verunreinigtes Wasser Probleme verursachen kann.

Wie behandelt man Mangelernährung?

Die Kinder, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, stehen unter intensiver medizinischer Beobachtung. Noch immer ist die Zahl von Fällen, in denen Kinder wiederholt zu uns kommen, vergleichsweise hoch. Oft wollen die Mütter das Ernährungszentrum so schnell wie möglich verlassen, um sich um ihre übrigen Kinder kümmern zu können. Zur Behandlung von Mangelernährung braucht man aber Zeit, manchmal bis zu drei Wochen. Einige Mütter handeln anders als wir uns aus medizinischer Sicht wünschen würden. Oft ist es dann für sie schwierig, erneut ins Krankenhaus zu kommen, zum Beispiel weil die Anreise problematisch ist.

Anfang Juli starten wir in einem der Lager ein präventives Ernährungsprogramm, wo wir Mütter bei der Ernährung Neugeborener unterstützen und Vorsorgeuntersuchungen durchführen. Um die Mangelernährung in dieser Region in den Griff zu bekommen und künftig zu vermeiden, müssen weitere humanitäre Hilfsorganisationen in ähnlicher Weise aktiv werden.