Irak

Die Arbeit hinter den Schlagzeilen – Ein neues Aufnahmesystem für eine überlastete Notaufnahme

Ein neuer Patient wird in die Notaufnahme des Imam Ali Krankenhauses in Sadr Stadt (Bagdad, Irak) gebracht. Die Einschätzung seines Zustands findet nach der sogenannten Triage statt.

Sadr Stadt ist ein Vorort im Nordwesten Bagdads. Mehr als 3,5 Millionen Menschen leben hier, es gibt aber gerade einmal vier Krankenhäuser. Eines davon ist das Imam Ali Krankenhaus, eine Einrichtung mit 240 Betten, die wir unterstützen. Durchschnittlich werden hier 20.000 Patientinnen und Patienten pro Monat behandelt, das bedeutet für die Ärztinnen und Ärzte bis zu 700 Personen pro Tag. Sian Geraty ist Notfallärztin aus Südafrika und hat die vergangenen sechs Monate geholfen, Ordnung in das Chaos der überfüllten Notaufnahme zu bringen:

„Wenn Leute an Ärzte ohne Grenzen denken, stellen sie sich meist eine Gruppe von ausländischen Ärztinnen und Ärzte vor, die extreme Notfälle behandeln und Krankenhäuser in kürzester Zeit aufbauen, um Menschen zu helfen, deren Leben am seidenen Faden hängt. Es ist zu wenig bekannt über die Arbeit hinter den Schlagzeilen, über den Umgang mit den »alltäglichen Notfällen«. Als ich das erste Mal einen Fuß nach Sadr Stadt setzte, Mitte 2018, habe ich sofort verstanden, dass dieser Teil unserer Arbeit genauso wichtig ist, wie alles andere, was wir tun.

Bis zu 700 Patienten pro Tag - Warum Triage so wichtig ist

Das erste Mal besuchte eines unserer Teams das Imam Ali Krankenhaus 2017 und schlug vor, die Arbeit der Notaufnahme zu optimieren. Wir fingen an, dem Krankenhaus Ausrüstung zu spenden. Dann haben wir die komplette Notaufnahme renoviert. Zudem unterbreiteten wir den Vorschlag, das Triage System einzuführen, was bedeutete, dass der Grundriss der Abteilung verändert werden musste.

Triage bedeutet die Priorisierung von Patientinnen und Patienten je nach ihrem medizinischen Zustand. Bisher ist das System in den meisten Krankenhäusern im Irak noch nicht eingeführt. Darum haben wir über 80 Ärztinnen und Ärzte sowie das Pflegepersonal geschult, damit sie das Triage System korrekt anwenden können. Es folgt einem einfachen Farbcode: „Grün“ steht für Patientinnen und Patienten mit leichten Verletzungen beziehungsweise in einem unkritischen Zustand; „Gelb“ steht für diejenigen, die ernsthaft verletzt oder krank sind, aber nicht lebensgefährlich; „Rot“ steht für all jene, die umgehend medizinisch behandelt werden müssen.

Wir arbeiten jeden Tag Hand in Hand für die beste Versorgung der Patienten

Als das Imam Ali Krankenhaus seine Notaufnahme im Dezember 2018 wiedereröffnete, war das Team bereit, mit dem neuen System zu arbeiten. Seitdem ist das tägliche Chaos viel weniger geworden. Die Ärzte und das Pflegepersonal haben sich das System wirklich zu eigen gemacht und wenden es selbstständig an. Etwas unsicher waren wir, wie die Patientinnen und Patienten das System annehmen – es ist nie leicht, die Gewohnheiten von Menschen zu verändern. Wir haben uns mit ihnen getroffen und erklärt, warum wir dieses neue System vorgeschlagen und eingeführt haben. Das Feedback war sehr positiv.

Die Abteilung ist immer noch überfüllt und sehr geschäftig, aber das neue System hat definitiv mehr Struktur ermöglicht. Die Ärztinnen und Ärzte fühlen sich generell weniger gestresst und einige Pflegekräfte haben mir gesagt, dass sie seit der Implementierung des neuen Systems lieber zur Arbeit kommen.

Unser Team ist nach wie vor in Sadr Stadt. Wir arbeiten jeden Tag Hand in Hand mit den irakischen Medizinerinnen und Medizinern, um die beste Versorgung und Pflege für die Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen erklären den Menschen, die zur Notaufnahme kommen, wie das Triage-System funktioniert und unterstützen die irakischen Kollegen technisch. Das medizinische Personal ist dankbar für die Ratschläge, die wir geben können. Oft wollen sie uns für die Neuerungen danken, die wir eingebracht haben. Aber ich sagen ihnen dann, dass wir zwar geholfen haben, aber sie diejenigen sind, die es zum Laufen gebracht haben.“