Humanitäre Prinzipien

Die Aufgabe der humanitären Hilfe ist es, in Situationen von Krieg und Gewalt, Naturkatastrophen und Epidemien Leben zu retten und Leid zu lindern. Ärzte ohne Grenzen arbeitet dabei oft in politisch komplexen Situationen, und es ist häufig eine große Herausforderung, die wirklich Bedürftigen zu erreichen. Die Mitarbeiter in den Projekten müssen außerdem dafür Sorge tragen, dass sie nicht den Interessen der Konfliktparteien in die Hände spielen und so unter Umständen ihre Hilfe den Menschen letztlich mehr schadet als nützt.

Für ihre Arbeit benötigen sie deshalb Orientierungshilfen, die über das reine Fachwissen hinausgehen: Der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen liegen die Prinzipien der Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität zugrunde, um das Wohl der Not leidenden Bevölkerung als oberste Priorität sicherzustellen.

Unparteilichkeit

Unparteilich zu sein bedeutet, dass es keine guten oder schlechten Opfer gibt. Jeder Zivilist in akuter Not hat ein Recht auf Hilfe, ungeachtet seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts oder politischen und religiösen Überzeugungen. Dabei ist der Grad der Not ausschlaggebend: Ärzte ohne Grenzen versucht stets, sich auf die Bevölkerungsgruppen zu konzentrieren, die am bedürftigsten sind. Nur strikt unparteiliche Organisationen können sowohl von der betroffenen Bevölkerung als auch von den jeweiligen Machthabern als humanitär und deshalb glaubwürdig auf das Wohl der Patienten fokussiert angesehen und akzeptiert zu werden.

Unabhängigkeit

Um unparteilich helfen zu können, muss Ärzte ohne Grenzen unabhängig sein. Die Organisation hält deshalb so weit wie möglich Distanz zu politischen, militärischen, religiösen und wirtschaftlichen Akteuren. Ärzte ohne Grenzen entscheidet - in Konsultation mit den relevanten Akteuren - selbst, wo, wann und wie Projekte gestartet, durchgeführt oder beendet werden. Diese Entscheidungen basieren stets auf eigenen Analysen vor Ort und darauf, ob genügend Personal, logistische Kapazitäten und finanzielle Mittel für diese Projekte vorhanden sind. Wer frei entscheiden will, muss auch finanziell unabhängig sein: Notwendig ist daher ein hoher Anteil an freien privaten Spenden, die sofort und flexibel dort eingesetzt werden können, wo die Not am größten ist. In Kontexten wie Afghanistan und Syrien verzichtet Ärzte ohne Grenzen gänzlich auf staatliche Zuwendungen.

Neutralität

Wo Gewalt und Chaos herrschen und alle Konfliktparteien politische Ziele verfolgen, muss eine humanitäre Organisation neutral handeln, um alle Bedürftigen erreichen zu können. Ärzte ohne Grenzen ergreift daher nicht Partei für oder gegen eine der rivalisierenden Gruppen. Die Organisation äußert sich nicht zu politischen oder militärischen Entscheidungen in Konfliktsituationen. Diese Neutralität ist aber nicht mit Schweigen gleichzusetzen: Wenn Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen miterleben, wie ständige Gewalt oder mangelnde Hilfe die Menschen quälen und zermürben, machen sie dies, wenn möglich, öffentlich.

Respekt für Prinzipien schwindet

Die Arbeit von humanitären Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen wird erschwert durch Äußerungen und Handlungen von Regierungen, die die Humanitäre Hilfe politischen oder sogar militärischen Zielen unterordnen wollen. Seitdem die USA 2001 den „Krieg gegen den Terror“ ausriefen versucht die Politik, einschließlich der deutschen Bundesregierung, immer öfter, humanitäre Hilfe als Mittel für Sicherheit und Stabilität einzusetzen. So forderte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen im Frühjahr 2010 eine engere Zusammenarbeit der NGOs mit dem Militär in Afghanistan und bezeichnete sie als „soft power“. Im Januar 2013 hat der deutsche Außenminister Guido Westerwelle die Unterstützung der militärischen Intervention Frankreichs in Mali humanitär mitbegründet.

Diese Vermischung von politischen und humanitären Zielen ist deshalb so gefährlich, weil durch sie humanitäre Helfer als Teil westlicher Politik und nicht mehr als unabhängig und neutral wahrgenommen werden. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und andere humanitären Hilfsorganisationen laufen so Gefahr, angegriffen zu werden. Sie sind nicht mehr in der Lage den Bedürftigsten zu helfen, da sie keinen Zugang erhalten oder dieser zu gefährlich für die Mitarbeiter ist. Ärzte ohne Grenzen und andere Organisationen wehren sich gegen eine politische Vereinnahmung ihrer Arbeit.