Honduras

Hurrikans, Covid-19 und Gewalt belasten die Bevölkerung dreifach

Eine Mitarbeiterin behandelt eine Patientin in Honduras.

Im vergangenen November trafen gleich zwei Hurrikans Honduras. Mehr als 12.000 Menschen mussten in Notunterkünften Zuflucht suchen. Seitdem hat sich die Situation kaum gebessert: Das Land leidet unter den Folgen der Covid-19-Pandemie und hat bislang mehr als 5.000 Tote zu beklagen. Zudem führen Gewalt, Erpressung und sexualisierte Gewalt zur Vertreibung Tausender Menschen, die oft in Richtung der USA flüchten.   

Unsere medizinische Projektleiterin Marta Jiménez arbeitete in unserem Projekt in Choloma, wo sich unsere Teams insbesondere um die Reduzierung der Müttersterblichkeit bemühen und psychologische Hilfe für Überlebende (sexualisierter) Gewalt anbieten. Eine Woche, bevor der Hurrikan Eta Honduras traf, begann Marta ihren Einsatz in unserem Projekt. Im Anschluss an die Notfallbetreuung während der Hurrikans unterstützte sie die medizinische Versorgung der Tausenden Migrant*innen in der ersten Migrationskarawane* von 2021.

Vor welchen Herausforderungen stand das Team bezüglich der Covid-19 Pandemie und der Hurrikans?

Es war eine ziemlich extreme Erfahrung. Ich musste sehr schnell sehr viele Entscheidungen treffen. Es gibt viele Coronavirus-Sicherheitsmaßnahmen, die eingehalten werden müssen. Die Einfachsten sind das Händewaschen oder das Tragen einer Maske. Doch bei einem Notfall wie diesem muss man natürlich auch andere Einschränkungen beachten, wie beispielsweise die geringe Anzahl von Personen, die in einem Fahrzeug mitfahren dürfen. Man braucht die doppelten Ressourcen für die gleiche Anzahl von Menschen in einem Einsatz. Unser Ziel war jedoch stets, die Qualität der medizinischen Versorgung aufrechtzuerhalten, ohne unser Team zu gefährden.

Wen hat Ärzte ohne Grenzen während des Hurrikans medizinisch versorgt?

Unsere Zielgruppe war die gesamte Bevölkerung. Hurrikans dieses Ausmaßes nehmen alles mit. Es gibt bereits ein Langzeitprojekt in Choloma für einige der stark betroffenen Gemeinden. Oft waren diese schon vor den Hurrikans gefährdet, da sie in schlecht gebauten Unterkünften in Gebieten leben, in denen es häufig zu Überschwemmungen kommt. Unsere Priorität war es, die Grundbedürfnisse der Menschen zu sichern, die alles verloren hatten.  

Was hast du durch deinen Einsatz gelernt?

Für den Notfall gibt es festgelegte Regeln, die zu befolgen sind und theoretisch vorbereitet werden. Das führt dazu, dass man im Ernstfall wie auf Autopilot arbeitet und mit den vorliegenden Informationen sofort anfängt, Entscheidungen zu treffen. Man weiß, was man in der Apotheke bestellen muss und was man bei Vektorkrankheiten**, wie beispielsweise Malaria, braucht. Man muss die Abläufe nur in die Praxis umsetzen.

Auf operativer Ebene habe ich gelernt, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen und Organisationen wie unserer ist. Und auf persönlicher Ebene fand ich die Art und Weise, wie sich die Gemeindemitglieder gegenseitig geholfen haben, bewundernswert. Der Satz, den Betroffene immer sagten, lautete: "Nur das Volk rettet das Volk". Sie halfen sich gegenseitig. Ein Nachbar kochte für alle, eine Person besorgte Decken aus einer anderen Gemeinde.

Wie war es, eine der sogenannten “Migrationskarawanen”* zu versorgen?

Eine Karawane aus flüchtenden Menschen zu bilden, ist ein Weg, den die Honduraner*innen gefunden haben, um das Land zu verlassen. Die medizinische Versorgung einer solchen Karawane war eine intensive Erfahrung. Nichts ist organisiert, alles ist improvisiert, keine der vorhandenen Informationen ist verifiziert. Die medizinische Versorgung von 60 Menschen ist etwas anderes als die für 6.000 Menschen.  

Die Versorgung einer Person zu Beginn ihrer Reise ist etwas ganz anderes als die Versorgung einer Person am Ende ihrer Reise, wenn bereits ein medizinischer oder psychologischer Bedarf besteht. Das Wichtigste ist, die Migrant*innen auf das vorzubereiten, was auf der Migrationsroute passieren kann; ihnen die Mittel und Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um damit fertig zu werden. Wir stellen Rehydrationssalze, Socken und Seife zur Verfügung, um eine einigermaßen stabile körperliche Verfassung zu gewährleisten. Wir stellen Hilfe zur Selbstfürsorge zur Verfügung, um ihnen zu helfen, mit dem umzugehen, was sie auf der Straße erwartet.

Wie bereiten sich Migrant*innen, die Honduras aufgrund von Gewalt oder sexualisierter Gewalt verlassen, vor?

Viele dieser Menschen entschließen sich zur Flucht, weil sie Drohungen erhalten, erpresst werden und emotionale oder körperliche Gewalt erlitten haben. Gewalt ist in Honduras chronisch und wird als normaler Zustand gehandelt.

Jeder Mensch reagiert anders, wenn er oder sie vor einer Gewaltsituation fliehen muss. Manche Menschen empfinden viel Angst und Unsicherheit. Andere haben es geschafft, sich aus Gewaltsituationen zu befreien und empfinden die Flucht als Erlösung. Manche entscheiden sich einfach, von einem auf den anderen Tag zu fliehen, mit dem, was sie zur Verfügung haben und ohne weitere Informationen einzuholen.  

Der Umgang mit den Folgen der Hurrikans und der Migrationskrise erfordern besondere fachliche Kompetenzen unserer Teams. Diese brauchen viel Wissen um den Kontext und tauschen sich regelmäßig über ihre Erfahrungen aus. Das hat es – zusammen mit einer Systematisierung von Prozessen - ermöglicht, die am stärksten gefährdeten Gruppen in acht Gemeinden in Honduras zu identifizieren. Dort und in zwei weiteren Projekten setzen wir unsere Arbeit in diesem Jahr fort. Im sogenannten “Nordprojekt”, kümmern sich unsere Teams um die Folgen der Hurrikans: Wir arbeiten vor allem in den Bereichen Vektorkontrolle2, Gesundheitsförderung und psychologische Unterstützung. Zudem wollen wir die Erkennung und Behandlung von Dengue-Fieber verbessern. Daran werden wir gemeinsam mit den Gemeinden und den lokalen Gesundheitsbehörden arbeiten und Produkte verwenden, die den ökologischen Fußabdruck reduzieren. Das zweite Projekt ist das Covid-19-”Kreislaufprojekt” in Tegucigalpa, das mit drei Krankenwagen Patient*innen-Transfers unterstützt, sich der psychischen Gesundheit von Krankenhauspatient*innen annimmt und das Bewusstsein für Covid-19 in den Gemeinden mit den höchsten Infektionsraten stärkt.

* Die beiden letzten größeren “Migrationskarawanen” im November 2020 und Januar 2021 hatten bis zu 5.000 bzw. 8.000 Teilnehmer*innen. Die meisten von ihnen wurden an den Grenzen aufgehalten oder in den Tagen danach aus Guatemala zurückgeschickt. Die honduranische Regierung berichtet von 15.837 zurückgekehrten honduranischen Migrant*innen im Jahr 2021.  

** Als Vektoren bezeichnet man lebende Organismen, die Krankheitserreger von einem infizierten Tier oder Menschen auf andere Menschen (oder Tiere) übertragen. Viele Krankheiten werden von Mücken (z.B. Malaria) oder Wanzen (Chagas) übertragen. Verhindert man den Kontakt von Insekten und Menschen, kann damit auch die Ausbreitung eingedämmt werden. Maßnahmen wie die Verteilung von Insektennetzen oder die Anwendung von Insektenspray werden als Vektorkontrolle zusammengefasst.