Griechenland

Flüchtlinge auf den griechischen Inseln: Die gestohlene Hoffnung

Ahmad und seine Frau sind aus Syrien geflohen und sitzen mit ihrem kleinen Baby seit mehr als sechs Monaten auf der griechischen Insel Samos fest. Sie erzählen von einem Leben in fast unerträglicher Ungewissheit und Angst.

Zum ersten Mal seit dem Abschluss des EU-Türkei-Deals konnten mehr Menschen die griechischen Inseln Richtung europäisches Festland verlassen, als diese aus der Türkei erreichten: Von November 2017 bis Ende Februar 2018 wurden 8.380 Einreisende und 9.768 Ausreisende registriert. Diese kleine positive Entwicklung verändert sich jedoch mit Frühjahrsbeginn. Die Zahl derer, die auf den Inseln ankommen, steigt bereits wieder. Die Neuankömmlinge werden zu den Hunderten von Geflüchteten stoßen, die auf Samos und anderen Inseln festsitzen. Oftmals seit langer Zeit harren die Menschen dort in den überfüllten EU-Hotspots unter sehr schlechten Lebensbedingungen und ohne ausreichenden Schutz vor Gewalt aus. Es herrscht ein psychosozialer Notstand, medizinische Hilfe fehlt. Diejenigen wiederum, die das Festland erreicht haben, sitzen dort fest und können ihre Reise nicht fortsetzen. Der EU-Türkei-Deal verursacht großes Leid.

„Ich ging zurück zum Container, in dem wir leben, um ihnen die schlechten Nachrichten zu überbringen. Sie warteten im Bett auf mich, zusammengekauert wie kleine Kaninchen, und ihre Augen schimmerten erwartungsvoll. Ich sagte ihnen, dass unser Asylantrag in Griechenland ein zweites Mal abgelehnt wurde. Sie brachen alle in Tränen aus“, sagt der 46-jährige Guhdar, der mit seiner Familie aus dem Irak fliehen musste. Nun muss die Familie fürchten, in die Türkei abgeschoben zu werden. Dort aber fühlen sie sich als Kurden nicht sicher.

Laut Zahlen der Vereinten Nationen (UN) befinden sich im Januar 2018 ca. 1.700 Asylsuchende auf Samos. Mehr als zwei Drittel von ihnen sind aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Nahezu die Hälfte sind Frauen und Kinder, nahezu ein Drittel haben besondere Bedürfnissen.

Samos: Vielen Ladenbesitzer wollen Asylsuchende nicht bedienen

Besonders schwierig ist es für Menschen wie Guhdar, deren Asylantrag abgelehnt wurde und denen daher die Inhaftierung droht. Aufgrund der Flüchtlingskrise ist die wirtschaftliche Lage in Samos sehr angespannt. Viele Ladenbesitzer machen die Asylsuchenden für das Ausbleiben von Touristen verantwortlich und wollen sie deshalb nicht bedienen.

Der Hotspot ist mit uniformierten Beamten besetzt, die mit den Asylsuchenden kühl und abgeklärt kommunizieren. Das Gelände wird von Kameras überwacht und ist umgeben von hohen Stacheldrahtzäunen. Zu den Essenszeiten ertönt ein lauter Signalton auf der gesamten Anlage, gefolgt von einer Lautsprecherdurchsage. Die Asylsuchenden bilden rasch eine Schlange, dicht aneinandergedrängt, um zur Essensausgabe zu kommen. Aufkommende Handgreiflichkeiten werden von der Polizei unterbunden.

„Selbst Heilige würden aufeinander losgehen, wenn sie so lange festgehalten würden“

Abo Arab, ein 28-jähriger Syrer aus Damaskus, hat Haft und Folter in Syriens berüchtigten Gefängnissen überlebt. Nun sitzt er auf Samos fest. Er macht die Lebensbedingungen in den Hotspots für gelegentliche Gewaltausbrüche verantwortlich. „Am Ende würden selbst Heilige aufeinander losgehen, wenn sie so lange hier festgehalten würden wie wir“, sagt er.

Unser Psychologe Aliki Meirmaridou stimmt zu: "Die Menschen kommen auf diese Insel, weil sie vor Kriegen und Gewalt geflohen sind. Viele von ihnen haben psychische Verletzungen davongetragen. Jetzt kommen neue psychische Probleme dazu - weil der Aufenthalt im Lager so belastend ist", sagt er.

Die Hälfte der Insassen in Abschiebehaft hatte keinen rechtlichen Beistand

Auf der Polizeiwache werden auch Menschen festgehalten, die in die Türkei ausgewiesen werden sollen. Manchmal müssen sie dort bis zu drei Monaten ausharren. Die Inhaftierten sind in überfüllten Zellen untergebracht. Der Zugang zu sanitären Anlagen ist unzureichend, es gibt keinen Hofgang und praktisch keine medizinische Versorgung - abgesehen von den Konsultationen, die wir einige Monate lang angeboten haben. Die Hälfte der Insassen, die von unseren Teams behandelt wurden, hat nie rechtlichen Beistand gehabt.

Die Geflüchteten aus den Inseln glauben, dass sie wieder ein normales Leben führen können, sobald sie die griechische Hauptstadt erreichen: mit einer anständigen Wohnung, einem guten Job, und ihre Kinder wieder zur Schule gehen können. Diejenigen, die darauf hoffen, in Ländern wie Deutschland und Schweden wieder mit ihren Familien zusammenzukommen, glauben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man ihnen erlauben wird, zu gehen.

„Ich bin ein menschliches Wesen mit Gefühlen, Sehnsüchten und Träumen“

Jamal, ein 50 Jahre alter kurdischer Professor aus dem Iran, hat erfahren, wie die Realität in Athen aussieht. Er kam im September 2016 auf Samos an. Wegen aktivistischer Tätigkeiten wurde er im Iran und im irakischen Kurdistan verfolgt. Im Juni 2017 erhielt er die Erlaubnis, nach Athen zu reisen, nachdem er sieben Monate in einem kleinen, zugigen Zelt verbracht hatte. Mit der Ankunft in Athen verband er die Hoffnung, man werde ihm gestatten, zu seinen Söhnen nach Deutschland zu gehen. Aber Deutschland verwehrte ihm die Erlaubnis, weil diese über 18 sind. Das bedeutet für Jamal, dass er nun dauerhaft in Griechenland festsitzt.

„Ich kann hier nicht weg. Zigaretten und Essen verlieren jeden Geschmack, wenn du alleine und auf dich gestellt leben musst“, sagt Jamal. „Ich bin ein menschliches Wesen mit Gefühlen, Sehnsüchten und Träumen. Ich bin kein Tier“, sagt er.

„Ich kann nur sagen, dass ich mich innerlich tot fühle“

Menschen wie Gudhar und Jamal leben permanent in der Gegenwart, außerstande, irgendeinen konkreten Plan für die Zukunft ins Auge zu fassen. Sie gehen durch die Straßen und fragen sich, ob sie es jemals schaffen werden.

Jamal fühlt sich in Athen verloren. Seine Wanderungen durch eine der schönsten Städte der Welt haben kein Ziel. Er lernt nebenbei etwas Griechisch und sucht verzweifelt nach Möglichkeiten, um die Leere zu füllen. „Mein Herz ist im Iran bei meiner Frau und meine Seele ist in Deutschland bei meinen Söhnen“, sagt er. „Was mich betrifft, so kann ich nur sagen, dass ich mich innerlich tot fühle.“