Serbien

Nach Grenzschließung Ungarns: Ärzte ohne Grenzen stockt Hilfe in Serbien auf

Nach der Schließung der Grenze durch Ungarn: Unsere Teams leisten in Horgos in Serbien Hilfe für Flüchtlinge. In den Wochen davor waren wir in Röszke in Ungarn für Flüchtlinge im Einsatz.

Nachdem Ungarn seine Grenze zu Serbien abgeriegelt hat, verstärkt Ärzte ohne Grenzen seine Teams auf der serbischen Seite der Grenze. Die Hilfsorganisation verurteilt den Einsatz von Gewalt gegen Flüchtlinge, die auf der Suche nach Schutz sind, und fordert die EU erneut auf, sichere Fluchtwege zu schaffen.

Nach den Zusammenstößen mit der ungarischen Polizei und der Armee am Mittwochnachmittag hat Ärzte ohne Grenzen zwei mobile Kliniken an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien eingesetzt, um die betroffenen Flüchtlinge medizinisch zu versorgen. Sie behandelten eine verletzte Person, die von einem Plastikgeschoss getroffen worden war, 12 Menschen, die sich am Stacheldraht verletzt haben, sowie rund 15 Menschen gegen die Folgen des Tränengaseinsatzes.

„Mit Gewalt gegen Menschen vorzugehen, die vor Krieg und Gewalt aus ihren Heimatländern fliehen, ist unangemessen“, sagt Florian Westphal, Geschäftsführer der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen. „Die Menschen müssen auf der Suche nach Schutz und Sicherheit quer durch Europa reisen, um eine offene Grenze zu finden. Dies und der Einsatz von Gewalt zeigen, wie absurd die Reaktion der EU auf die aktuelle Situation ist. Die EU muss diesen Menschen sichere und legale Fluchtwege nach Europa eröffnen, und auch die deutsche Bundesregierung trägt hierfür eine Verantwortung.“

„Die Schließung der Grenzen ist keine Lösung“

Der von Ungarn errichtete Zaun blockiert die Weiterreise der Flüchtlinge, rund 5.000 Personen hatten sich deshalb am Mittwoch im Niemandsland zwischen Serbien und Ungarn versammelt. Viele suchen nun nach alternativen Routen, etwa über Kroatien. Ärzte ohne Grenzen hat deshalb Teams an die serbisch-kroatische Grenze geschickt, um die dortige Situation zu erheben. Am Donnerstag befanden sich aber weiterhin zwischen 500 und 1.000 Flüchtlinge an der ungarischen Grenze, in der Hoffnung, dass diese wieder geöffnet wird. Ärzte ohne Grenzen ist bemüht, den Flüchtlingen rund um die Uhr medizinische Hilfe zu leisten und verteilt Zelte an die Familien.

 „Die Schließung von Grenzen ist keine Lösung, sondern schiebt die Verantwortung bloß einem Nachbarland zu und zwingt die Menschen, größere Risiken einzugehen“, sagt Ana de Lemos, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen. „Solange es Konflikte in ihren Heimatländern gibt, werden die Menschen zur Flucht gezwungen, egal, auf welche Hindernisse sie dabei stoßen.“

Vergangene Woche bereits 500 Flüchtlinge in Röszke versorgt

Während der vergangenen Wochen haben täglich 2.000 bis 4.000 Menschen das Camp im ungarischen Röszke passiert. Am vergangenen Wochenende und am Montag ist das Lager von den ungarischen Behörden geräumt worden. Die Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Lager aufhielten, wurden erst in Bussen und später in Zügen in Richtung der österreichischen Grenze gebracht. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen waren in der Nacht zum Montag und am Montag ununterbrochen so lange im Einsatz, bis der letzte Zug abgefahren war. Trotz der schwierigen Bedingungen versorgten sie rund 500 Flüchtlinge, darunter schwangere Frauen, und behandelten unter anderem offene Wunden und Atemwegsprobleme.

Nachdem das Camp und der Bahnhof in Röszke geräumt waren, begann das dortige Team von Ärzte ohne Grenzen die Teams auf der serbischen Seite der Grenze zu unterstützen. Hier versorgt Ärzte ohne Grenzen Menschen auf der Flucht seit Dezember 2014 in Horgos, Belgrad und Presevo mit mobilen Kliniken und Hilfsgütern. Die Teams behandeln vor allem Haut- und Atemwegserkrankungen – beides direkte Folgen der schwierigen Bedingungen, unter denen die Menschen auf der Flucht durch Griechenland und den Balkan leben müssen –, und bieten außerdem psychologische Hilfe an. Im Zeitraum von Ende 2014 bis Ende August 2015 haben die Teams insgesamt 5.072 medizinische und psychologische Konsultationen in Serbien durchgeführt.

Transitländer können nicht auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge reagieren

Serbien ist auf die dringenden Bedürfnisse von Menschen auf der Flucht nach wie vor schlecht vorbereitet. Die fünf serbischen Asylzentren bieten Platz für maximal 1.000 Menschen. Im Laufe des Sommers haben sich die Behörden darum bemüht, die Aufnahmekapazität des Landes zu erhöhen, und drei weitere Zeltlager in Presevo und Miratovac im Süden und Kanijza im Norden errichtet, mit einer maximalen Aufnahmekapazität von 1.200 Plätzen.

„Die an der serbisch-ungarischen Grenze gestrandeten Menschen befinden sich derzeit in einer Art Schwebezustand, sie können weder vor noch zurück, und haben dabei keinerlei Informationen, wo sie Schutz finden können”, sagte Aurelie Ponthieu, Migrationsexpertin von Ärzte ohne Grenzen. „Kein einziges der europäischen Länder, die sie bislang durchquert haben, war in der Lage, auf ihre Bedürfnisse adäquat zu reagieren.”