Unsichere Schwangerschaftsabbrüche: Eine übersehene Gesundheitskrise

Rund 45 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche weltweit sind unsichere Abbrüche. Sie sind einer der fünf Hauptgründe für Müttersterblichkeit.

„Es war sehr schwer. Ich würde sagen, bevor du urteilst, sieh dir an, was andere Frauen durchgemacht haben und informiere dich.“ Patricia hat abgetrieben. Damit ist die junge Mutter aus Südafrika nicht allein: Weltweit endet etwa jede vierte Schwangerschaft mit einem Abbruch. Rund 45 Prozent dieser Schwangerschaftsabbrüche sind sogenannte unsichere Abbrüche – und damit potenziell lebensgefährlich.* Unsere Mitarbeiter*innen sind täglich mit den katastrophalen Folgen unsachgemäß ausgeführter Abbrüche konfrontiert. Um Frauen vor solchen Schicksalen zu bewahren, arbeiten wir mit einem Drei-Säulen-Prinzip: Wir bieten Verhütungsmittel an, helfen mit medizinischer Nachsorge nach unsachgemäßen Abbrüchen und ermöglichen sichere Schwangerschaftsabbrüche.

Auch Patricia hatte wenig Hoffnung, eine Möglichkeit für einen sicheren Schwangerschaftsabbruch zu finden. In ihrem Heimatland Südafrika werden Abtreibungen oft in Hinterhofkliniken, so genannten „Backstreet Clinics“, vorgenommen. Für Patricia war das keine Option: „Die Menschen verlieren am Ende ihr Leben wegen dieser Dinge.“

Einer der Hauptgründe für Müttersterblichkeit

Jedes Jahr werden schätzungsweise mehr als 25 Millionen Schwangerschaften unsicher abgebrochen und mehr als 22.800 Frauen und Mädchen sterben an den Folgen.* Unsichere Schwangerschaftsabbrüche sind damit einer der fünf Hauptgründe für Müttersterblichkeit weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert einen Schwangerschaftsabbruch als unsachgemäß, wenn er von Personen vorgenommen wird, die nicht über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen, oder in einem Umfeld stattfindet, das nicht den medizinischen Mindeststandards entspricht, oder beides.

Neben den erschreckend vielen Todesfällen, ist auch das Ausmaß der Komplikationen enorm: Rund sieben Millionen Frauen und Mädchen werden jedes Jahr aufgrund der Folgen eines unsachgemäß durchgeführten Abbruchs in Krankenhäuser eingeliefert.** 2018 haben wir mehr als 24.000 Patientinnen aufgrund solcher  Komplikationen behandelt. In einigen Krankenhäusern, in denen wir arbeiten, dürften bis zu 30 Prozent der Komplikationen in der Geburtshilfe ihre Ursache in unsachgemäßen Schwangerschaftsabbrüchen haben.

Sichere Schwangerschaftsabbrüche gehören zur Gesundheitsversorgung

Ein Schwangerschaftsabbruch ist immer schwierig. Neben der schweren Entscheidung, vor der die Frau steht, ist der Abbruch oft mit Stigma behaftet oder wird tabuisiert. In vielen Ländern gibt es außerdem strenge gesetzliche Regelungen oder Verbote. Restriktive Gesetze oder Traditionen führen aber nicht dazu, dass weniger Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden. Sie resultieren lediglich in einer höheren Zahl unsicher vorgenommener Abbrüche mit den entsprechenden gesundheitlichen und psychischen Konsequenzen für die Frauen. Wo ein sicherer Abbruch nicht möglich ist, riskieren Frauen und Mädchen ihr Leben mit einem unsicher ausgeführten. 2019 haben wir Frauen bei 21.437 sicheren Abbrüchen unterstützt – mit Medikamenten oder ambulanten Eingriffen.

Aufgrund der Covid-19-Pandemie hat sich die Situation für viele Frauen weiter verschlechtert. Gelder werden in die Bekämpfung des Coronavirus investiert und Mittel für die sexuelle und reproduktive Gesundheit gekürzt. Tausende Kliniken mussten schließen, dazu kommt, dass Ausgangssperren und Einschränkungen im öffentlichen Verkehr es Frauen erschweren, Gesundheitszentren zu erreichen.

Drei Säulen für das Leben und die Gesundheit von Frauen

Das Drei-Säulen-Prinzip gilt heute als bewährtes Vorgehen und Teil grundlegender Gesundheitsleistungen. Auch wir arbeiten in unseren Einsätzen mit den lokalen Gemeinschaften, Gesundheitsministerien und anderen medizinischen Organisationen nach diesem Prinzip: Wir versorgen Frauen mit modernen Verhütungsmitteln und bieten sowohl medizinische Nachsorge nach unsachgemäßen Abbrüchen als auch sichere Schwangerschaftsabbrüche an.

Denn auch wenn es ein umstrittenes Thema ist: Sichere Schwangerschaftsabbrüche sind elementarer Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Eine Frau, die sich zu diesem Schritt entschließt, sollte nicht verurteilt werden. Sie braucht eine ausgebildete medizinische Ansprechperson, die ihr zuhört und ihre Fragen beantwortet – sie braucht eine gute medizinische Betreuung.

Unsere Patientin Patricia aus Südafrika fand schließlich in einer Klinik, in der wir gemeinsam mit den lokalen Gesundheitsbehörden arbeiten, genau diese Art der Versorgung. Sie wünscht jeder Frau, die vor der Entscheidung steht, so begleitet zu werden: „Alle waren freundlich. Sie haben uns den gesamten Prozess erklärt, jeden Schritt.“

Mehr erfahren: Fragen & Antworten zu den Folgen unsachgemäßer Schwangerschaftsabbrüche

* https://www.guttmacher.org/report/abortion-worldwide-2017
**https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/preventing-unsafe-abortion