Geschichte: 2009 - 2010

2010 leistet Ärzte ohne Grenzen nach einem verheerenden Erdbeben Nothilfe in Haiti. Lebensrettende Operationen müssen zunächst in Zelten stattfinden. Später werden intakte Gebäude zu Kliniken umfunktioniert und ein aufblasbares Krankenhaus errichtet.

2010

  • Am 12. Januar 2010 erschüttert ein verheerendes Erdbeben Haiti. Dabei werden geschätzte 222.000 Menschen getötet und 1,5 Millionen obdachlos. Da Ärzte ohne Grenzen bereits seit 20 Jahren in dem durch Armut und Gewalt geprägten Land arbeitet, können Mitarbeiter sofort Nothilfe leisten. Auch die Einrichtungen, in denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet, sind größtenteils zerstört, so dass lebensrettende Operationen zunächst unter Zeltplanen stattfinden. Später werden Gebäude zu Kliniken umfunktioniert und ein aufblasbares Krankenhaus errichtet. Vom 12. Januar bis zum 31. Oktober 2010 behandelt Ärzte ohne Grenzen mehr als 358.000 Menschen, nimmt mehr als 16.500 chirurgische Eingriffe vor und begleitet mehr als 15.000 Geburten. Von Oktober bis Ende Dezember 2010 werden von der Organisation mehr als 84.500 Menschen gegen Cholera behandelt. Ärzte ohne Grenzen geht davon aus, dass bis Ende 2010 die gesamten 104 Millionen Euro ausgegeben wurden, die Privatpersonen für die Nothilfe-Aktivitäten spendeten.
  • Laut Aussagen des NATO-Generalsekretärs Rasmussen im März 2010 soll Afghanistan den "Prototyp" für die Zusammenarbeit zwischen NATO und Nichtregierungsorganisationen darstellen. Später im Jahr folgt die FDP diesen Aussagen. Ärzte ohne Grenzen fordert Rasmussen sowie alle anderen Konfliktparteien auf, zwischen politischen und militärischen Zielsetzungen einerseits und der Unabhängigkeit medizinischer humanitärer Hilfe andererseits zu unterscheiden. Ärzte ohne Grenzen arbeitet nie als Teil von oder gemeinsam mit einer militärischen Strategie; nur völlige Unabhängigkeit und Neutralität ermöglichen der Organisation den Zugang zu der Bevölkerung, die medizinische Nothilfe benötigt.
  • Im Nordwesten Pakistans gibt es Mitte des Jahres Überflutungen, die zu massiven Zerstörungen von Häusern und Infrastruktur führen. Hunderttausende Menschen sind von den schweren Überschwemmungen betroffen. Teams von Ärzte ohne Grenzen helfen an mehr als einem Dutzend Orten landesweit. Bis Ende Oktober werden 57.000 Konsultationen durchgeführt, die Mitarbeiter sind mit sieben mobilen Kliniken unterwegs und es gibt sechs Behandlungszentren für Durchfallerkrankungen. Mehr als 3.600 mangelernährte Kinder werden behandelt und täglich 1.250.000 Liter Trinkwasser, sowie insgesamt mehr als 58.000 Hilfsgüterpakete und 14.500 Zelte verteilt.
  • Im Juni startet Ärzte ohne Grenzen die Kampagne "Starved for Attention" gegen Mangelernährung. Denn diese ist vermeid- und behandelbar und betrifft dennoch 195 Millionen Kinder weltweit. Sie ist die eigentliche Ursache für mindestens ein Drittel der jährlich acht Millionen Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren. Ärzte ohne Grenzen fordert daher von den Top-Geberländern der internationalen Nahrungsmittelhilfe zum wiederholten Male, für Kleinkinder keine minderwertige Nahrungsmittel mehr einzusetzen. Geber wie die USA, Kanada, Japan und die Europäische Union finanzieren und verteilen nach wie vor minderwertige Nahrungsmittel in ärmeren Ländern, obwohl wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass diese kindliche Mangelernährung nicht reduzieren.
  • Ärzte ohne Grenzen warnt anlässlich des Welt-Aids-Tags Anfang Dezember davor, dass geringe Finanzierungszusagen und teurere Medikamente die Behandlung von HIV/Aids in ärmeren Ländern gefährden. Während die Preise für neuere, dringend benötigte Medikamente rapide steigen, ziehen sich Geldgeber zurück. Dabei zeigen aktuelle Untersuchungen von UNAIDS, dass sich die Investitionen in Aids-Programme auszuzahlen beginnen. Die Zahl der Neuinfektionen und Tode sinkt.
  • Wenige Wochen vor dem Referendum zur Unabhängigkeit des Südsudans am 9. Januar 2011 kämpft der Südsudan gegen den größten Kala Azar-Ausbruch seit acht Jahren. Das ist nur ein Symptom für die umfassende medizinische und humanitäre Krise, in der sich die Region befindet. Zugang zu medizinischer Versorgung gibt es praktisch nicht, es herrscht chronische Mangelernährung, regelmäßig brechen vermeidbare Krankheiten aus und Unsicherheit führt zu Vertreibungen. Ärzte ohne Grenzen fordert dazu auf, angesichts des bevorstehenden Referendums nicht die problematische humanitäre Lage der Bevölkerung zu vergessen. Die Organisation hat 27 Projekte in 13 Bundesstaaten des Sudans. Die Mitarbeiter leisten medizinische Nothilfe und arbeiten unter anderem in Ernährungs- und chirurgischen Programmen, in der Kinder- und Geburtshilfe, behandeln Kala Azar und bieten psychologische Betreuung.

2009

  • Während der israelischen Offensive im Gazastreifen Anfang Januar haben medizinische Hilfsteams mit extremen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind mit Verletzten überfüllt, und wegen der anhaltenden Bombardements traut sich die Bevölkerung nicht, Hilfe zu suchen. Drei internationale und fast 70 palästinensische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen leisten seit Beginn der Offensive ihr Möglichstes, um die Gesundheitseinrichtungen im Gazastreifen zu unterstützen und Verletzte zu versorgen, doch wegen noch ausstehender Genehmigungen fehlt es an Nachschub von medizinischem Material und Mitarbeitern.
  • In Afghanistan eskaliert der Konflikt und Ärzte ohne Grenzen kehrt in das Land zurück. (2004 hatte die Organisation Afghanistan nach 24 Jahren unabhängiger Hilfe verlassen, nachdem fünf Mitarbeiter bei einem gezielten Anschlag erschossen worden waren.) Die Organisation handelt mit allen kriegführenden Parteien, mit afghanischen und internationalen Sicherheitskräften sowie mit Oppositionsgruppen aus, dass die Krankenhäuser in Kabul und Lashkar Gah, in denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet, frei von Waffen bleiben. Nur so fühlen sich die Menschen, die medizinische Hilfe benötigen, sicher genug, um in eine Gesundheitseinrichtung zu kommen.
  • Ärzte ohne Grenzen appelliert angesichts einer verheerenden Cholera-Epidemie über den Jahreswechsel an die Regierung Simbabwes, eine unabhängige Einschätzung der Bedürfnisse zu ermöglichen und sicherzustellen, dass humanitäre Helfer dort arbeiten können, wo sie gebraucht werden, sowie bürokratische Hürden abzubauen. Allein von August 2008 bis Februar 2009 behandelten die Teams der Organisation fast 45.000 Cholera-Patienten. Viele Gesundheitseinrichtungen sind geschlossen oder funktionieren nicht, andere verlangen exorbitante Behandlungsgebühren. All dies macht den Zugang zu medizinischer Versorgung für die meisten Simbabwer unmöglich.
  • Ärzte ohne Grenzen muss im März nach Anweisung durch die sudanesische Regierung fünf Projekte in der Krisenregion Darfur einstellen. Die Organisation äußert wiederholt ihre Besorgnis über diese Entwicklungen, da mehr als 400.000 Patienten ohne medizinische Versorgung zurückgelassen werden müssen. Die Ausweisung von insgesamt 13 Nichtregierungsorganisationen folgt direkt auf den Haftbefehl gegen den sudanesischen Präsident Omar al-Bashir durch den Internationalen Strafgerichtshof am 4. März. Ärzte ohne Grenzen befürchtet, dass die großen Erfolge, die humanitäre Organisationen in den letzten fünf Jahren vor Ort erzielen konnten, zunichte gemacht werden.
  • Der jahrzehntelange Bürgerkrieg zwischen den Sicherheitskräften Sri Lankas und der tamilischen Rebellenorganisation Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) wird im Mai 2009 beendet. Während der letzten Phase des bitteren Konflikts saßen Zehntausende Zivilisten auf einem engen Streifen Strand und Urwald im Nordosten des Landes fest, wo sie kaum Zugang zu medizinischer Hilfe hatten. Ärzte ohne Grenzen arbeitete u. a. in Krankenhäusern im Norden des Landes und behandelte Menschen, die aus der Kriegszone geflohen waren. Viele benötigten medizinische Hilfe, nachdem sie monatelang kaum Zugang dazu hatten. Andere waren durch Granatsplitter, Gewehrschüsse oder Landminen schwer verwundet.
  • Nach zehn Jahren beendet Ärzte ohne Grenzen im Dezember die Arbeit in Turkmenistan, weil die Aktivitäten der Organisation immer stärker eingeschränkt werden und die Mitarbeiter riskieren, sich der Verschleierung der Probleme im Gesundheitssystem mitschuldig zu machen. Das Land hat, wie andere Regionen Zentralasiens, eine hohe Tuberkuloserate. Besonders besorgniserregend ist die Zunahme von Fällen multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB). Ärzte ohne Grenzen hat daher wiederholt den Versuch gemacht, ein MDR-TB-Programm zu starten, was von der Regierung jedoch wiederholt abgelehnt wurde. Diese leugnet zudem ansteckende Krankheiten, medizinische Daten werden systematisch manipuliert und internationale Standards und Protokolle kaum in die Praxis umgesetzt. Mit Ärzte ohne Grenzen verlässt die letzte internationale Nichtregierungsorganisation das Land.

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