Geschichte: 2007 - 2008

Die humanitäre Krise in Somalia ist besorgniserregend. Die instabile Sicherheitslage rund um Mogadischu behindert dringend benötigte Hilfeleistungen. Im Februar 2008 zieht Ärzte ohne Grenzen sich nach einem Anschlag in der Stadt Kismayo zeitweilig aus dem Land zurück.

2008

  • Im Januar werden zwei Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen, die im Dezember des Vorjahres in der somalischen Region Puntland entführt wurden, wieder freigelassen. Doch im Februar muss Ärzte ohne Grenzen alle internationalen Mitarbeiter aus Somalia abziehen: Bei einem Anschlag in der Stadt Kismayo werden drei Mitarbeiter der Organisation getötet. Bei dem Angriff scheint es sich um einen organisierten Anschlag zu handeln. Vor dem Rückzug der internationalen Kollegen arbeiteten rund 90 internationale und mehr als 800 nationale Mitarbeiter in Somalia. Später kehren an einige Orte, in denen die Sicherheitsbedingungen tragbar erschienen, internationale Mitarbeiter zurück. Doch das Projekt in Kismayo wird im April geschlossen.
  • In Darfur/Sudan zwingen im Februar Luftangriffe und Überfälle Tausende zur Flucht in den Tschad - Ärzte ohne Grenzen fordert Zugang zur zurückbleibenden Zivilbevölkerung. Auch im Mai versorgt Ärzte ohne Grenzen nach heftigen Kämpfen in der sudanesischen Stadt Abyei aus der Stadt Geflüchtete. In Abyei und Umgebung lebten vor dem Gewaltausbruch rund 130.000 Menschen.
  • Im Mai verwüstet ein verheerenden Zyklon Myanmar (Birma). Ärzte ohne Grenzen beginnt innerhalb von 48 Stunden nach Nargis mit der Hilfe für die Überlebenden. Insgesamt erreichten die Teams mehr als 550.000 Menschen. Rund 750 Mitarbeiter arbeiten im Nothilfeeinsatz, ein Großteil von ihnen nationale Kräfte. Die Teams führen mehr als 87.400 medizinische Konsultationen durch, untersuchen fast 36.300 Menschen auf Mangelernährung und betreuen knapp 21.600 Menschen psychologisch. Sie verteilen Nahrungsmittel, mehr als 145.000 Plastikplanen zum Bau provisorischer Unterkünfte sowie andere Hilfsgüter wie Moskitonetze, Decken  und Hygiene-Sets. Außerdem reparierten sie 670 Brunnen und knapp 570 andere Wasserquellen.
  • Die humanitären Krise in Somalia bleibt während des ganzen Jahres ein Thema. Ärzte ohne Grenzen macht immer wieder darauf aufmerksam, dass die Menschen dort dringend lebensrettende medizinische Hilfe brauchen. Allein im Mai behandeln Teams von Ärzte ohne Grenzen in Hawa Abdi und Afgooye, zwei Außenbezirken von Mogadischu, mehr als 2.500 akut mangelernährte Kinder. Bereits im April hatte sich die Zahl der Aufnahmen in die Ernährungsprogramme der Organisation gegenüber dem Vormonat verdoppelt. Im Mai stieg die Zahl noch einmal um 100 Prozent. Die Rate der Mangelernährten liegt in Somalia seit einem Jahr über den Grenzwerten für eine Ernährungskrise. Doch die externe Hilfe nimmt wegen der großen Unsicherheit im Land und vermehrter Angriffe auf humanitäre Helfer ab.
  • Im Juni ruft Ärzte ohne Grenzen zu einem besseren Schutz und mehr Hilfe für die in der Konfliktregion Mount Elgon in Kenia lebenden Menschen auf. Die Bevölkerung in der Region erleiden nun fast zwei Jahre lang willkürliche Gewalt durch einen Konflikt um Landverteilung. Seit August 2006 sind die Menschen am Mount Elgon zwischen der Gewalt der Milizen der Sabaot Land Defence Force (SLDF) und der kenianischen Ordnungsbehörden gefangen. Zehntausende mussten bereits ihr Zuhause verlassen. Viele von ihnen haben Grausamkeiten und Verluste erlebt.
  • Im September werden 29 Leichen an der Küste Jemens angeschwemmt. Sie waren Opfer einer gefährlichen Überfahrt über den Golf von Aden geworden. Den Angaben von Überlebenden zufolge stammen sie vom Horn von Afrika und waren auf der Flucht vor Konflikten und extremer Armut in der Region. Auf der Reise sollen bis zu zehn weitere Menschen gestorben sein. Ärzte ohne Grenzen bietet seit September 2007 medizinische und humanitäre Hilfe für Flüchtlinge an der Südküste Jemens an. Die Organisation hat dort im Jahr 2008 für mehr als 3.800 Menschen Hilfe geleistet, allein 580 im September.

2007

  • Im März 2007 ruft Ärzte ohne Grenzen andere Akteure auf, mehr für die Vertriebenen im Osten des Tschad zu tun. In der Regionalhauptstadt Goz Beida sind zwar einige Hilfsorganisationen präsent, in vielen Orten auf dem Land ist Ärzte ohne Grenzen aber die einzige Hilfsorganisation und kann den enormen Hilfsbedarf allein kaum bewältigen. Trotz angespannter Sicherheitslage bleiben die Teams dort, weil die humanitären Bedürfnisse riesig sind. Ärzte ohne Grenzen versorgt 60.000 Vertriebene mit medizinischer Hilfe, Trinkwasser und Hilfsgütern.
  • Nachdem Zehntausende Menschen vor der erneuten Gewaltwelle in Mogadischu flüchten mussten, weist Ärzte ohne Grenzen äußerst besorgt auf die humanitäre Lage in Somalia hin. Die instabile Sicherheitslage rund um Mogadischu behindert dringend benötigte Hilfeleistungen. In Mogadischu hatten in den vergangenen Wochen viele durch den gewaltsamen Konflikt Vertriebene Zuflucht gesucht. Nach den jüngsten Kämpfen versuchen die Menschen, in andere Landesteile zu flüchten - so etwa in die Lower Shabelle-, Hiiran-, Galgaduud- und Bay-Region. Doch dort fehlen Gesundheitseinrichtungen und Unterkünften.
  • Am 11. Juni 2007 wird im Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik ein Auto von Ärzte ohne Grenzen beschossen. Bei dem tragischen Zwischenfall kommt die französische Mitarbeiterin Elsa Serfass ums Leben, die als Logistikerin für die Organisation arbeitet. Ärzte ohne Grenzen verurteilt den Mord, für den die Rebellengruppe "Volksarmee zur Wiederherstellung der Republik und der Demokratie" (APRD) öffentlich die Verantwortung übernimmt. Die Teams stellen vorübergehend sämtliche mobile Aktivitäten in diesem umkämpften Teil des Landes ein, in dem Gewalt und Repressionen gegen Zivilisten sowie Geiselnahmen, Drohungen und Einschüchterungen gegen humanitäre Helfer zum Alltag gehören.
  • Im August überreicht Ärzte ohne Grenzen dem Schweizer Pharmakonzern Novartis eine Petition mit 420.000 Unterschriften gegen den Versuch des Konzerns, das Patentgesetz in Indien zu verschärfen. Kurz zuvor war eine Patentrechtsklage des Konzerns vom Gerichtshof in Chennai (Indien) zurückgewiesen worden. Ein Entscheid zugunsten von Novartis hätte die Produktion kostengünstiger Generika in Indien und damit die Versorgung von Patienten in ärmeren Ländern drastisch eingeschränkt. Im Juni 2007 hatte Ärzte ohne Grenzen auch anlässlich des G8-Treffens in Deutschland mit Aktionen auf das Zugangsproblem zu bezahlbaren Medikamenten aufmerksam gemacht.
  • Im Herbst 2007 startet Ärzte ohne Grenzen eine Ernährungskampagne, mit der die Organisation einen Strategiewechsel im Kampf gegen Mangelernährung bei Kindern fordert. Um die Zahl der fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren zu reduzieren, die jährlich an Mangelernährung sterben, muss mehr therapeutische Fertignahrung eingesetzt werden. Bislang konzentriert sich die Hilfe vor allem darauf, den Hunger zu stillen und nicht darauf, die Folgen von Mangelernährung zu behandeln. Ärzte ohne Grenzen ruft die Geberländer und die Vereinten Nationen dazu auf, sich für die schnellere Einführung therapeutischer Fertignahrung einzusetzen und deren Gebrauch auszuweiten.
  • Ende des Jahres weist Ärzte ohne Grenzen auf die alarmierende Situation im Osten der Demokratischen Republik Kongo hin. In der Konfliktregion Nordkivu leiden die Menschen an Cholera und Mangelernährung. Die immer schwereren Kämpfe in der Provinz führen zu immer neuen Vertreibungen. Die humanitäre Situation verschlechtert sich, Tausende Menschen bleiben ohne Hilfe. An den Orten, an denen Teams von Ärzte ohne Grenzen in den Bezirken Masisi und Rutshuru arbeiten, sind sie häufig die einzigen internationalen Helfer.

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