Deutsche G20-Präsidentschaft: Chancen für mehr Gesundheit für alle

Deutschland hat im Jahr 2017 die G20-Präsidentschaft inne. Zum ersten Mal in der Geschichte der G20 werden Gesundheitsthemen dabei eine wichtige Rolle spielen. Themen wie Antimikrobielle Resistenzen (AMR) und die Reaktionsfähigkeit auf Gesundheitskrisen wie Ebola sind auch für Ärzte ohne Grenzen von großer Bedeutung. Wir hoffen, dass die deutsche Regierung  und die G20 hier umfassende Maßnahmen beschließen – und sich ebenfalls deutlich zur UN-Resolution 2286 bekennen, damit Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen endlich aufhören.

Antimikrobielle Resistenzen verhindern

Antimikrobielle Resistenzen breiten sich weltweit immer mehr aus. Gegen heute noch behandelbare Krankheiten könnte es bald keine wirksamen Antibiotika mehr geben. Ob bei der Behandlung von Kriegsverwundeten in Jordanien oder der Versorgung mangelernährter Kinder in Niger: Auch unsere Teams erleben täglich, was es heißt, Menschen aufgrund von Resistenzbildungen nicht adäquat helfen zu können. Es fehlen neue, effektive und gleichzeitig bezahlbare Antibiotika. Auch kostengünstige und einfach einzusetzende Diagnostika werden gebraucht, um zu gewährleisten, dass Antibiotika zielgerichteter verabreicht werden können.

Neue Therapien gegen resistente Tuberkulose

Besonders deutlich wird der dringende Handlungsbedarf zu Antibiotikaresistenzen mit Blick auf Tuberkulose (TB): Im Jahr 2015 sind weltweit 700.000 Menschen an den Folgen von Antibiotikaresistenzen gestorben – allein ein Drittel davon waren an TB erkrankt. Eine Behandlung resistenter Formen der TB ist heutzutage langwierig und mit extremen Nebenwirkungen wie Gehörverlust verbunden. Der Behandlungserfolg liegt nur bei rund 50 Prozent. In den letzten 50 Jahren wurden lediglich zwei Medikamente gegen TB entwickelt. Und obwohl diese sehr erfolgsversprechend zu sein scheinen, hat bislang nur ein Bruchteil der Patientinnen und Patienten Zugang zu den neuen Therapien.

Wir brauchen neue Forschungsmodelle

Das Fehlen neuer und wirksamer Antibiotika stellt nur ein Beispiel für das Marktversagen der kommerziellen pharmazeutischen Forschung dar. Krankheiten, die arme Menschen betreffen (wie TB), nicht häufig auftreten (wie Ebola oder Zika) oder nicht dauerhaft behandelt werden müssen (z.B. mit Antibiotika), haben vergleichsweise geringe Renditeaussichten. Die Folge: Notwendige medizinische Innovationen fehlen, weil privatwirtschaftliche Investitionen sich nicht am medizinischen Bedarf, sondern am größtmöglichen Profit orientieren.

Um diesem Marktversagen zu begegnen, müssen dringend konkrete Forschungsprioritäten gesetzt werden und alternative Anreizmodelle für Innovationen verstärkt gefördert werden. Dabei ist maßgeblich, dass die Kosten für Forschung und Entwicklung vom letztlichen Produktpreis und Verkaufsvolumen entkoppelt werden (de-linkage). Nur so ist gewährleistet, dass dringend benötigte Forschung und Entwicklung auch dann stattfindet, wenn es keine Aussichten auf hohe Profite gibt, und dass Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente dennoch bezahlbar sind.

Auf Gesundheitskrisen wie Ebola reagieren

Die Ebola-Epidemie in Westafrika hat gezeigt, wie schlecht die Welt auf Gesundheitskrisen vorbereitet ist. Die G20 sollten sich dafür einsetzen, Gesundheitssysteme zu stärken. Die betroffenen Länder müssen Gesundheitskrisen nicht nur vorbeugen, sondern im Fall einer Epidemie auch schnell und effektiv reagieren können. Auch im globalen Maßstab müssen unter Koordination der Weltgesundheitsorganisation WHO Strukturen im Falle einer Krisensituation schnell die notwendigen  Ressourcen – vor allem Technik und Fachpersonal – bereitstellen können, um Länder adäquat zu unterstützen.

Gerade Ebola hat gezeigt, dass weitsichtig in Forschung und Entwicklung investiert werden muss, damit im Fall einer Epidemie die nötigen Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente verfügbar  und bezahlbar sind. Die Diskussionen und Ansätze dürfen sich dabei nicht an sicherheitspolitischen Fragen und  Risiken für den globalen Norden orientieren. Stattdessen muss es in erster Linie um die Bedürfnisse der betroffenen Menschen in ärmeren Ländern gehen.

Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen

Allein 2015 hat es über 100 Angriffe auf von Ärzte ohne Grenzen betriebene oder unterstützte Gesundheitseinrichtungen gegeben – in Syrien, Afghanistan und im Jemen. Und das, obwohl der Schutz der medizinischen Infrastrukturim humanitären Völkerrecht festgelegt ist. Diese Angriffe sind nicht nur unerträglich, weil sie besonders schutzbedürftige Menschen und unsere Kolleginnen und Kollegen zur Zielscheibe machen, sondern sie sind damit auch ein Angriff auf die Grundpfeiler der Zivilisation.

Ärzte ohne Grenzen fordert die G20 auf, die Resolution 2286 des UN Sicherheitsrates zum Schutz medizinischer Einrichtungen umzusetzen. Zudem sollten sich die G20 dafür einsetzen, dass Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen umgehend, effektiv und unabhängig untersucht werden.