Deutsche G20-Präsidentschaft: Gipfel in Hamburg bleibt hinter Erwartungen zurück

Nischaya leidet an einer extrem resistenten Form der Tuberkulose (TB) und wird in unserem Krankenhaus in Mumbai behandelt. Damit Menschen mit vernachlässigten Krankheiten wie TB neue wirksame Medikamente erhalten, fordern wir neue Forschungsmodelle.

Unter deutscher Präsidentschaft fand im Juli 2017 der G20-Gipfel in Hamburg statt. Zum ersten Mal in der Geschichte der G20 standen auch globale Gesundheitsthemen auf der Agenda. Die Ergebnisse des Gipfels sind allerdings enttäuschend: Die Staats- und Regierungschefs haben es versäumt, Angriffe auf medizinisches Personal und Einrichtungen in der G20-Abschlusserklärung zu verurteilen. Bei Forschungsanstrengungen im Bereich Antimikrobieller Resistenzen bleibt es bei vagen Ankündigungen. Hingegen ist die Erwähnung von Tuberkulose (TB) als zentral wichtige Krankheit begrüßenswert.

Antimikrobielle Resistenzen verhindern

Antimikrobielle Resistenzen breiten sich weltweit immer mehr aus. Gegen heute noch behandelbare Krankheiten könnte es bald keine wirksamen Antibiotika mehr geben. Ob bei der Behandlung von Kriegsverwundeten in Jordanien oder der Versorgung mangelernährter Kinder in Niger: Auch unsere Teams erleben täglich, was es heißt, Menschen aufgrund von Resistenzbildungen nicht adäquat helfen zu können. Es fehlen neue, effektive und gleichzeitig bezahlbare Antibiotika, in deren Forschung dringend investiert werden muss. Auch kostengünstige und einfach einzusetzende Diagnostika werden gebraucht, um zu gewährleisten, dass Antibiotika zielgerichteter verabreicht werden können. Leider haben die G20 jedoch keine konkreten Beschlüsse zur Steigerung der Forschungsanstrengungen verabschiedet. Der Aufruf zur Gründung einer Kollaborationsplattform zur Förderung bestehender und zukünftiger Forschungsinitiativen ist lediglich eine vage Ankündigung, deren Wirksamkeit noch unklar ist. Lesen Sie hier mehr zum Thema Antimikrobielle Resistenzen.

Neue Therapien gegen resistente Tuberkulose

Wir begrüßen, dass die Staats- und Regierungschefs den besonders dringenden Forschungsbedarf der Krankheit Tuberkulose im Bereich der Antimikrobiellen Resistenzen anerkannt haben. Es muss jetzt darum gehen, dass die G20 nun auch konkrete Maßnahmen zur Forschungsförderung beschließen und sich dafür einsetzen, dass Länder neueste internationale Behandlungsempfehlungen umsetzen.

Im Jahr 2015 sind weltweit 700.000 Menschen an den Folgen von Antibiotikaresistenzen gestorben – allein ein Drittel davon waren an TB erkrankt. Eine Behandlung resistenter Formen der TB ist heutzutage langwierig und mit extremen Nebenwirkungen wie Gehörverlust verbunden. Der Behandlungserfolg liegt nur bei rund 50 Prozent. In den letzten 50 Jahren wurden lediglich zwei Medikamente gegen TB entwickelt. Und obwohl diese sehr erfolgsversprechend zu sein scheinen, hat bislang nur ein Bruchteil der Patientinnen und Patienten Zugang zu den neuen Therapien. Erfahren Sie hier, welche Hindernisse einer Bekämpfung von TB im Weg stehen.

Auf Gesundheitskrisen wie Ebola reagieren

Die Ebola-Epidemie in Westafrika hat gezeigt, wie schlecht die Welt auf Gesundheitskrisen vorbereitet ist. Die G20 sollten sich dafür einsetzen, Gesundheitssysteme zu stärken. Doch an ganz konkreten Maßnahmen hierzu mangelt es in der Abschlusserklärung. Die betroffenen Länder müssen Gesundheitskrisen nicht nur vorbeugen, sondern im Fall einer Epidemie auch schnell und effektiv reagieren können. Auch im globalen Maßstab müssen unter Koordination der Weltgesundheitsorganisation WHO Strukturen im Falle einer Krisensituation schnell die notwendigen Ressourcen – vor allem Technik und Fachpersonal – bereitstellen können, um Länder adäquat zu unterstützen. Gleichzeitig ist es wichtig nicht nur Krankheiten mit globalem Pandemiepotenzial in den Fokus zu rücken. Es muss darum gehen, dass Gesundheitssysteme auf die tagtäglichen Gesundheitsbedürfnisse der Menschen adäquat reagieren können.

Gerade Ebola hat gezeigt, dass weitsichtig in Forschung und Entwicklung investiert werden muss, damit im Fall einer Epidemie die nötigen Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente verfügbar und bezahlbar sind. Die Diskussionen und Ansätze dürfen sich dabei nicht an sicherheitspolitischen Fragen und Risiken für den globalen Norden orientieren. Stattdessen muss es in erster Linie um die Bedürfnisse der betroffenen Menschen in ärmeren Ländern gehen. Das bedeutet für die Forschungsplattform CEPI auch, dass klar sein muss, dass die durch sie entwickelten Impfstoffe für Gesundheitsnotfälle auf die Situationen in armen Ländern zugeschnitten sind und für alle Menschen, die sie benötigen auch zugänglich und bezahlbar sind. Die G20 haben verpasst das sicherzustellen.

Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen

Allein 2015 hat es über 100 Angriffe auf von Ärzte ohne Grenzen betriebene oder unterstützte Gesundheitseinrichtungen gegeben – in Syrien, Afghanistan und im Jemen. Und das, obwohl der Schutz der medizinischen Infrastruktur im humanitären Völkerrecht festgelegt ist. Diese Angriffe sind nicht nur unerträglich, weil sie besonders schutzbedürftige Menschen und unsere Kolleginnen und Kollegen zur Zielscheibe machen, sondern sie sind damit auch ein Angriff auf die Grundpfeiler der Zivilisation.

Allerdings haben es die Staats- und Regierungschefs, im Gegensatz zu den G20-Gesundheitsministern, in ihrer Abschlusserklärung versäumt, Angriffe auf medizinisches Personal und medizinische Einrichtungen zu verurteilen. Daher fordert Ärzte ohne Grenzen die G20 erneut auf, konkrete Schritte zur Umsetzung der Resolution 2286 des UN Sicherheitsrates zum Schutz medizinischer Einrichtungen auf den Weg zu bringen. Zudem sollten sich die G20 auch weiterhin dafür einsetzen, dass Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen umgehend, effektiv und unabhängig untersucht werden.

Publikationen zur Tuberkulose

06. Juli 2017

Out of Step 2017: TB Policies in 29 Countries

Datei
PDF
Größe
3.57 MB
Herunterladen
Inhalte anzeigen
A survey of prevention, testing and treatment policies and practices
22. März 2016

DR-TB Drugs Under the Microscope: Sources and Prices for Drug-Resistant Tuberculosis Medicines - 4th edition

Datei
PDF
Größe
632.62 KB
Herunterladen

Seiten

Pressemitteilungen zur Tuberkulose

Artikel zur Tuberkulose

Seiten