Frauengesundheit

Das Risiko, eine Frau zu sein

Sehr wütend und traurig machte es unsere Krankenschwester Meinie Nicolai *, als sie beim Besuch eines kongolesischen Krankenhauses erfahren musste, dass eine junge Frau während der Geburt verstorben war. Auf den ersten Blick mag das Erlebnis nur mit den Strukturproblemen ärmerer Länder verknüpft sein: Zu weite Wege zur Hilfe und fehlende professionelle Ausstattung. Doch sie bewegte dabei etwas Anderes. Es geht bei Themen wie Müttersterblichkeit um die Gesundheit von Frauen: „Frauen haben einfach Gesundheitsrisiken, die Männer nicht haben. Und um die müssen wir uns auch kümmern“, bringt Nicolai es auf den Punkt.

Selbst global betrachtet werden die spezifischen Bedürfnisse von Frauen im Gesundheitssystem und in der Forschung noch immer nicht ausreichend bedacht. Dabei müsste doch längst selbstverständlich sein, dass jede Frau und jedes Mädchen die medizinische Versorgung erhalten muss, die sie für ein gleichberechtigt gesundes und selbstbestimmtes Leben benötigt. Wir müssen unseren Blick für solche Zusammenhänge ausweiten, denn der frauengesundheitliche Aspekt in der medizinischen Hilfe bleibt allzu oft im Verborgenen.

Bei Ärzte ohne Grenzen wollen wir der Gesundheit von Frauen und Mädchen zu mehr Gewicht und Sichtbarkeit verhelfen. Auf dieser Seite, die wir kontinuierlich ausbauen, möchten wir einige Themen vertiefen.
 

Damit Frauen sichtbar bleiben: Frauengesundheit in Konflikten

Das Thema „Frauen in Konfliktkontexten“ ist auch ein Beispiel dafür, dass es darum geht, scheinbar von wichtigeren Themen überlagerten Bedarf von Frauen freizulegen: Unsere Hebamme Liza Ramlow beschreibt, wie die Gewalt in der Konfliktregion Zentralafrikanische Republik bewirkt, dass Frauen keine Einrichtungen mehr aufsuchen können, um sich mit Verhütungsmitteln zu versorgen. Familienplanung ist aber einer von vielen wichtigen Faktoren, die unsichere Schwangerschaftsabbrüche und letztlich auch Müttersterblichkeit reduzieren. Ein Thema, dass angesichts der Kriegsverletzten und anderer Not in einem solchen Konfliktkontext oft plötzlich weniger Gewicht erhält. 

Damit Frauen sich trauen können: Ein ganzheitlicher Blick

Wie wichtig ein ganzheitlicher Blick beim Thema Frauengesundheit ist, zeigt sich in vielen unserer Programme: Im Niger hat zum Beispiel in einem Projekt die Einführung eines geschützten Raums für Frauen dazu geführt, dass diese über schambesetze Themen wie Geburtsfisteln, die ihr Leben schwer beeinträchtigen, sprechen. Erst dadurch konnten sie überhaupt eine Chance bekommen, diese schwerwiegende Verletzung operieren zu lassen.

Damit Frauen Schutz erfahren: Direkte und indirekte Hilfe bei sexualisierter Gewalt

Wir helfen vielen überlebenden Frauen und Mädchen sexualisierter Gewalt mit medizinischer und psychologischer Hilfe und arbeiten oftmals mit lokalen Organisationen, die Betroffenen langfristig zur Seite stehen. Manchmal liegen Lösungen aber auch in ganz anderen Bereichen, als in solchen Formen der Hilfe. So haben wir in Nigeria in einigen mehrheitlich von Frauen und Kindern bewohnten Vertriebenenlagern dafür gesorgt, dass diese das Camp zum Feuerholzsammeln nicht mehr verlassen müssen. Dort waren sie nämlich dem Risiko ausgesetzt, überfallen und vergewaltigt zu werden. Aus Zuckerrohr und anderem im Lager erhältlichen Material haben wir Briketts produziert und zur Verfügung gestellt. Dies sind nur einige wenige Beispiele dafür, wie umfassend frauengesundheitliche Themen gedacht werden müssen.

*Meinie Nicolai ist Krankenschwester und Geschäftsführerin der belgischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen