Forschung und Entwicklung zu angepassten Impfstoffen

Kaum adäquate Impfstoffe für den Gebrauch in ärmeren Ländern

In ärmeren Ländern ist es extrem schwierig, Impfstoffe zu verwenden. Lagerung, Transport und Verabreichung zählen zu den größten logistischen Herausforderungen für Ärzte ohne Grenzen. Die meisten Produkte müssen bei 2-8 °C verwahrt werden, da sie sonst verderben.

In wohlhabenden Ländern mit einer zuverlässigen Stromversorgung für Kühlgeräte ist es leicht, Impfstoffe zu transportieren und zu lagern. In ärmeren Ländern, vor allem in Subsahara-Afrika, ist es oft schwierig oder gar unmöglich. Die Stromversorgung kann instabil sein und die Temperaturen betragen in Ländern wie dem Tschad bis zu 45 °C. Dies liegt weit über dem, was für die Impfstoffe empfohlen wird. Ärzte ohne Grenzen muss für einen sicheren Transport zu den Projekten eine kontinuierliche Kühlkette aufrechterhalten – von der Fabrik, wo die Impfstoffe hergestellt werden, bis zu den Kindern, die geimpft werden sollen.

Wie Impfstoffe zu unseren Patienten gelangen

Alles beginnt in einer Lagerhalle wie der, die Ärzte ohne Grenzen in Brüssel betreibt. Dort laden wir die Impfstoffe für die Projekte auf Lieferwagen mit Kühlschränken, die zusätzlich mit Eis ausgekleidet sind, um sich für Stromausfälle abzusichern. Die Ladungen werden dann zu Frachtflugzeugen gebracht. Schiffe werden für den Transport nicht genutzt, da  Lieferungen über den Luftweg schneller erfolgen. So wird das Risiko, dass die Kühlkette unterbrochen wird, gesenkt.

Wenn die Impfstoffe das Zielland erreichen, werden sie zunächst in Kühlschränke in einem Warenlager gebracht. Dort sammeln unsere Logistiker Bestellungen aus den einzelnen Impfprojekten. Zum Weitertransport lagern wir die Präparate in Kühlboxen, die mit Eis ausgefüllt sind und durch Temperaturmonitore überwacht werden. Diese Monitore helfen uns während der Fahrt in die Projekte zu kontrollieren, ob die Impfstoffe zu heiß oder zu kühl gelagert sind. Normalerweise werden die Bestellungen mit allradgetriebenen Autos in die meist entlegenen Gegenden gebracht. Falls dies nicht möglich ist, etwa weil Straßen unpassierbar sind, transportieren wir die Impfstoffe auch per Motorrad. „Je näher wir an die Patienten heran kommen, desto kritischer kann der Transport werden“, sagt der Logistiker Malcom Townsend, „Zum Beispiel müssen große Kühlboxen per Hand über holprige Pfade oder Flüsse transportiert werden.“ Wenn es uns gelingt, die richtige Temperatur einzuhalten, kommen die Impfstoffe intakt in unseren Projekten an. Wir nutzen sie, um hunderte Kinder in so genannten Impfkampagnen zu immunisieren. Dabei werden normalerweise Kinder gegen Masern, Gelbfieber oder Meningitis geimpft. Auch gegen andere Krankheiten beugen wir so zunehmend vor.

Das Management einer Kühlkette ist teuer. Wenn das Kühlsystem versagt, verderben die Impfstoffe. Es werden also Impfstoffe gebraucht, die ohne dauerhafte Kühlung auskommen, weshalb sich Ärzte ohne Grenzen für Alterativen zur Kühlkette einsetzt. Dabei wenden wir uns direkt an Pharmaunternehmen und fordern, dass sie Impfstoffe entwickeln, die eine größere Toleranz gegenüber Hitze haben, so dass sie auch außerhalb von Kühlsystemen aufbewahrt werden können. Darüber hinaus wollen wir, dass die Hersteller Daten sammeln, die zeigen, wie sich die Impfstoffe außerhalb der Kühlkette verhalten. Diese Daten würden dabei helfen, die Empfehlungen für die Lagerung so flexibel wie möglich zu gestalten. Bei einigen Impfstoffen ist bekannt, dass sie weniger empfindlich sind als andere, und daher potentiell auch außerhalb der Kühlkette (für bestimmte Zeit) gelagert werden können.

Bislang ist nur ein Impfstoff für den Einsatz außerhalb der Kühlkette zugelassen. Der Meningitis A-Impfstoff ‚MenAfriVac‘ wurde speziell für den Einsatz im "Meningitisgürtel" Afrikas entwickelt. Dort tritt die Krankheit häufig auf, zugleich sind die örtlichen Temperaturen hoch. Bei klinischen Studien zu dem Impfstoff wurde festgestellt, dass ‚MenAfriVac‘ genauso wirksam ist, wenn man ihn in einer flexiblen Kühlkette hält. Das bedeutet, dass der Impfstoff für kurze Zeit auch außerhalb der Kälte gelagert werden kann. Dadurch, dass die Kosten der teuren permanenten Kühlkette wegfallen, hat sich der Preis der Meningitisimpfung für eine Person halbiert. Zusätzlich können wir mit diesem Impfstoff nun mehr Kinder erreichen.

Ärzte ohne Grenzen hat außerdem begonnen, eigene Daten zu erheben. So führte Epicentre – die Forschungseinrichtung von Ärzte ohne Grenzen – eine Studie im Tschad durch. Das Ziel war, herauszufinden, wie wirksam ein Tetanus-Toxoid-Impfstoff ist, wenn er außerhalb der Kühlkette lagert. Der Impfstoff wurde zu Testzwecken für 30 Tage bei 40 ° C aufbewahrt. Die Ergebnisse  zeigen, dass die Menschen, die den Impfstoff erhalten haben effektiv gegen Tetanus geschützt sind.

Weltweit sind 21,8 Millionen Kinder unter einem Jahr heute laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation und UNICEF nicht geimpft. Mit temperaturunempfindlichen Impfstoffen wären Gesundheitsministerien und Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen in der Lage, mehr Kinder zu impfen. Dies gilt besonders für Orte, die schwer zu erreichen sind.

Impfstoffe für Krankheitstypen, die in ärmeren Ländern häufig vorkommen

Darüber hinaus fordert Ärzte ohne Grenzen mehr Forschung und Entwicklung zu Impfstoffen, die auf die spezifischen Bedürfnisse in ärmeren Ländern zugeschnitten sind. Hierzu zählt etwa das Anpassen an die Krankheitstypen, die vor allem in diesen Ländern auftreten. So wurde der Impfstoff gegen das Rotavirus  für den Gebrauch in Europa und den USA entwickelt. Jedoch bietet er Kindern in Afrika nicht den gleichen Schutz wie Kindern aus beispielsweise Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass das Präparat gegen bestimmte Virenstämme entwickelt wurde, die besonders häufig in reichen, westlichen Ländern vorkommen, aber eben weniger häufig in Afrika.  

Ein erfolgreicher Vorstoß in diesem Bereich stellt abermals der Meningitis A-Impfstoff ‚MenAfriVac‘ dar. Er wirkt  vor allem gegen Meningitis-Stämme, die im so genannten Meningitis-Gürtel in Afrika prävalent sind und wurde durch eine Anschubfinanzierung ermöglicht. Das Projekt war von Anfang an klar definiert: Der zu entwickelnde Impfstoff sollte gegen zuvor bestimmte Meningitis-Stämme wirken und der Preis des Impfstoffs sollte bei 0,40 US-Dollar pro Dosis liegen. Letztendlich kostete die Entwicklung von ‚MenAfriVac‘, einschließlich klinischer Studien, rund 87 Millionen US-Dollar. Dies ist nur ein Bruchteil von dem, was multinationale Pharmaunternehmen als angebliche Kosten für Forschung und Entwicklung eines Impfstoffes anführen. ‚MenAfriVac‘ schützt zudem länger gegen Meningitis als früher entwickelte Impfstoffe und kann auch jüngeren Kindern verabreicht werden.

Impfstoffe, die leichter verabreicht werden können

Ärzte ohne Grenzen setzt sich auch dafür ein, dass Impfstoffe so (weiter-)entwickelt werden, dass sie leichter zu verabreichen sind - etwa durch Schlucken, Inhalieren oder mittels eines Pflasters. Denn das Impfen mit einer Spritze setzt speziell geschultes Personal voraus, in ärmeren Ländern herrscht daran aber oft ein großer Mangel, gerade auch in entlegenen Gegenden. Deutlich praktischer wäre es, könnten auch weniger geschultes Personal und freiwillige Helfer die Impfstoffe herausgeben.  

Spritzen haben zusätzlich den Nachteil, dass sie später im Sondermüll entsorgt werden müssen. Für Länder mit eingeschränktem ein Abfallentsorgungssystem ist dies eine enorme Herausforderung.

Alternativen zur Spritze existieren bereits oder werden bald verfügbar sein. So wurde ein Masernimpfstoff entwickelt, der inhaliert werden kann. Trotzdem müssen mehr Anstrengungen unternommen werden, damit solche Produkte auf den Markt kommen und Menschen in ärmeren Ländern ausreichend zur Verfügung stehen.

Zusammengefasst:

  • Ärzte ohne Grenzen fordert mehr Forschung und Entwicklung zu Impfstoffen, die nicht  durchgehend gekühlt werden müssen, damit Impfungen unabhängig von teuren und aufwendigen Kühlketten durchgeführt werden können.
  • Außerdem fordert Ärzte ohne Grenzen mehr Forschung und Entwicklung zu Impfstoffen, die auf die spezifischen Krankheitsstämme in ärmeren Ländern zugeschnitten sind.
  • Ärzte ohne Grenzen fordert zudem, dass Impfstoffe so (weiter-)entwickelt  werden, dass sie leichter verabreicht werden können - etwa durch Schlucken, Inhalieren oder mittels eines Pflasters.