Uganda

Zehntausende Menschen fliehen aus dem Südsudan nach Uganda

Eine Frau und ihr Kind aus Äquatoria-Region im Südsudan suchen medizinische Hilfe in einer ambulanten Klinik von Ärzte ohne Grenzen . 

Die Menschen im Südsudan leiden weiterhin unter dem anhaltenden Konflikt in ihrem Land. Auf der Flucht vor der massiven Gewalt überqueren derzeit 2.300 Menschen täglich die Grenze nach Uganda. Ärzte ohne Grenzen versorgt die Ankommenden mit  medizinischer Hilfe und stellt sauberes Trinkwasser zur Verfügung. Doch die insgesamt 172.000 Menschen brauchen mehr Unterstützung.

„Ich floh aufgrund der Gewalt im Südsudan nach Uganda. Meine direkten Nachbarn wurden kürzlich von Männern aus ihrem Haus gezerrt, entführt und in Stücke gehackt“, erzählt Rose. „Auch andere Familien nahmen sie mit. Ich hatte große Angst, die nächste zu sein.“ Die 37-Jährige stammt aus der Äquatoria-Region und kam vor etwa vier Wochen mit ihren fünf Kindern in Uganda an. Sie ist eine der mehr als 172.000 Menschen, die in den vergangenen drei Monaten in das nördliche Uganda geflohen sind.

Keine ausreichende Versorgung für Flüchtlinge

Die ugandische Regierung hat ein Stück Land nahe der Stadt Yumbe für die Neuankömmlinge zur Verfügung gestellt. Doch die „Zonen“ - zusammengefasst als Bidi Bidi Flüchtlingslager bekannt - waren schnell voll. Die Behörden eröffnen zwar neue Zonen, sind jedoch mit der Aufnahme der neuen geflüchteten Menschen und der Bereitstellung einer Grundversorgung überfordert. Die ankommenden Menschen sind entweder mit anderen Familien in kleinen Unterkünften zusammengepfercht oder haben überhaupt kein Dach über dem Kopf. Der Zugang zu Nahrung und Trinkwasser ist ein tagtäglicher Kampf.

Als Folge dessen werden viele Menschen krank. Ärzte ohne Grenzen hat daher zusätzlich zu anderen Organisationen eine Ambulanz eröffnet und betreibt im Lager eine mobile Klinik. Unsere SpezialistInnen für Wasser und Sanitär haben am Gelände WC-Anlagen errichtet, Wasserpumpen gebaut und die verfügbare Menge an sauberem Trinkwasser aufgestockt: Täglich werden 66.000 Liter Wasser mit Lastwagen ins Lager gebracht und verteilt.

„Hemmungsloses Töten“ im Südsudan

Am 8. Juli 2016 kam es in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, zu einem erneuten Gewaltausbruch. Rund ein Monat später hatte sich zwar die Lage in der Stadt beruhigt, doch die Spannungen waren immer noch zu spüren - in den umliegenden Gebieten flammten immer wieder Kämpfe auf. Die PatientInnen unserer Ambulanz in Bidi Bidi berichten von entsetzlichen Erlebnissen während der vergangenen zwei bis drei Wochen: 

„Wir arbeiteten auf unserem Feld, als wir Schüsse hörten. Wir liefen von unserem Dorf weg in das umliegende Buschland. Während ich lief, traf mich eine Kugel am Finger und zerschmetterte ihn. Ich blutete sehr stark und verwendete Pflanzen, um die Wunde zu verbinden. Später schlichen meine Nachbarin und ich zurück in unser Dorf – wir versuchten, an Essen zu gelangen. Doch sie wurde von bewaffneten Männern entdeckt: Sie packten und vergewaltigten sie. Sie schrie laut auf, um mich zu warnen. Ich kroch am Boden zurück in das Unterholz. Das war das letzte Mal, dass ich mein Zuhause sah.“ 

Bista kam vor einem Monat in Uganda an. Nachdem sie sich mit ihrer Familie und ihren fünf Kindern über ein Monat lang im Buschland versteckt hatte, machten sie sich auf den Weg zur Grenze. Sie gingen sieben Tage lang zu Fuß: “Wir waren so müde, als wir hier ankamen, und alle unsere Kinder krank.”

Andere Menschen erzählen, wie sie selbst zusehen mussten, als Familienangehörige, Nachbarn oder Freunde getötet wurden. Andere berichten, dass ihre Ehemänner von der Arbeit nicht mehr nach Hause kamen - wahrscheinlich entführt von bewaffneten Gruppen. Viele hatten vor ihrer Flucht nicht einmal Zeit, ihr Hab und Gut mitzunehmen oder auf Familienmitglieder zu warten; sie mussten sich sofort auf den Weg machen. Manche waren bis zu neun Tage lang zu Fuß unterwegs und mussten sich unterwegs immer wieder im Buschland vor Bewaffneten verstecken.

Uganda ist überfordert

Wer nach der gefährlichen Reise endlich in Uganda ankommt, wird erwartet und mit Bussen zu einem der Aufnahmezentren gebracht. Dort werden alle Geflüchteten registriert, einer Parzelle zugeordnet und erhalten Decken, ein Moskitonetz, Material und Werkzeug zum Bau einer Unterkunft, Küchenutensilien, Essenrationen und Wasserkanister.

Im Vergleich dazu, wie Flüchtlinge in vielen anderen Ländern der Welt willkommen geheißen werden, ist das eine relativ freundliche Begrüßung. Doch für die Behörden ist es eine enorme Herausforderung, mit dem großen und plötzlichen Zustrom an Menschen umzugehen - und die Lebensbedingungen im Lager sind schwierig: Von mangelnden Unterkünften über chaotische Nahrungsmittelverteilungen bis zu langen Warteschlangen vor den Wasserstationen. Die schlechten Bedingungen und der Mangel an sauberem Trinkwasser führen zur Verbreitung von Krankheiten wie Malaria, Atemwegserkrankungen, Hautinfektionen, Durchfall oder Ruhr. Unsere Teams haben auch bereits erste Cholera-Fälle registriert.

„Menschen haben ihr Leben zurücklassen müssen.“

„Diese Menschen haben ihr gesamtes Leben im Südsudan zurücklassen müssen. Dann werden sie hier auch noch krank und stecken sich zum Beispiel mit Cholera an“, erzählt Enosh, ein Krankenpfleger in unserer Ambulanz im Bidi Bidi Flüchtlingslager. Täglich versorgen unsere Teams hier zwischen 70 und 200 Menschen: „Von den Patienten, die zu uns kommen, haben rund 60% Malaria - denn es gibt sehr viele Moskitos hier, und die Menschen können hier im Buschland kaum ihre Netze aufhängen. Wir planen gerade Maßnahmen, um die Brutstätten von Moskitos zu zerstören.“ Ärzte ohne Grenzen bemüht sich außerdem um eine dauerhafte Lösung zur Bereitstellung von Trinkwasser. Unter anderem werden derzeit Wasserpumpen und -leitungen verlegt, um die rund 40.000 Menschen in der „Zone 2“ des Lagers zu versorgen.

Trotz schwieriger Bedingungen - endlich ein friedlicher Ort

Das Lager wächst weiterhin an, nachdem täglich tausende weitere Menschen die Grenze zu Uganda überqueren. Ärzte ohne Grenzen wird daher auch zukünftig den gesundheitlichen Zustand der Menschen, ihren Ernährungsstatus und ihren Bedarf in punkto Wasser und Sanitär beobachten. 

und die Menschen mit extrem traumatischen Erlebnissen konfrontiert waren, sind viele dennoch sehr erleichtert, hier etwas Frieden gefunden zu haben. Sie sind zumindest an einem Ort, an dem keine Schüsse zu hören sind und sie ihr Leben neu aufbauen können - wenn auch wieder von Anfang an. 

Mary ist 37 Jahre alt und wartet vor der Ambulanz von Ärzte ohne Grenzen darauf, in ein nahegelegenes Spital gebracht zu werden: „Im Vergleich zum Südsudan haben wir es relativ gut hier. Im Südsudan sterben jeden Tag Menschen, Familienhäuser werden niedergebrannt, das Leben ist ein Kampf. Hier in Uganda ist es zwar auch nicht einfach, aber wir schaffen es, damit umzugehen. Das Hauptproblem ist, genug Essen zu bekommen. Aber wenigstens bin ich jetzt hier, an einem friedlichen Ort. Und bei Ärzte ohne Grenzen bekomme ich medizinische Hilfe und die Medikamente, die meine Familie braucht.“