Der Angriff auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus

Am Samstag, den 3. Oktober 2015 wurde das chirurgische Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus von einer Serie von Luftangriffen getroffen. Die Angriffe fanden im 15-Minuten-Takt zwischen etwa 02:00 bis 02:08 Uhr und 03:00 bis 03:15 Uhr frühmorgens statt. Das Hauptgebäude, in dem sich u. a. die Intensivstation, die Notaufnahme und die Physiotherapie-Abteilung befanden, wurde bei jedem Angriff präzise getroffen und komplett zerstört, während umliegende Gebäude fast gänzlich unversehrt blieben.

  • Insgesamt 42 Menschen wurden bei dem Angriff getötet. Unter den Toten befinden sich 14 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, 24 Patienten sowie vier betreuende Angehörige, die die Patienten im Krankenhaus zusätzlich betreut haben.
  • Verletzt wurden 27 Mitglieder des Ärzte ohne Grenzen-Teams sowie zahlreiche Patienten und Begleitpersonen. Da es nach dem Chaos des Angriffs extrem schwierig war zu allen Patienten Kontakt aufzunehmen, war es nicht möglich, die tatsächliche Zahl der Verwundeten zu ermitteln.
  • Bei der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus handelte es sich um ein voll funktionsfähiges Krankenhaus, das voller Patienten und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen war.
  • Vom Ausbruch der Kämpfe in Kundus am 28. September bis zu dem Angriff auf das Krankenhaus haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen in der Notaufnahme des Krankenhauses 376 Patientinnen und Patienten behandelt.
  • Zum Zeitpunkt des Luftangriffs befanden sich 105 Patienten sowie 80 internationale und einheimische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus.
  • Es waren weder bewaffnete Kombattanten auf dem Krankenhausgelände, noch gab es auf dem Gelände oder von diesem aus Kampfhandlungen.
  • Die Angriffe fanden statt, obwohl Ärzte ohne Grenzen militärischen und zivilen Funktionsträgern – sowohl der internationalen Koalition als auch Afghanistans – die GPS-Koordinaten des Krankenhauses mitgeteilt hatte, zuletzt am 29. September.
  • Obwohl Mitarbeiter des Krankenhauses die Nato-Mission Resolute Support und amerikanische Militärs in Kabul und Washington schon einige Minuten nach Beginn des Angriffs darüber informierten, dass das Krankenhaus getroffen wurde, ging der Beschuss aus der Luft noch mehr als 30 Minuten lang weiter.
  • Nach dem Angriff versuchte das Team von Ärzte ohne Grenzen verzweifelt, die Verletzten in Sicherheit zu bringen. Die Mitarbeiter richteten in einem unversehrten Raum einen provisorischen Operationssaal ein und versuchten, das Leben von verletzten Kollegen und Patienten zu retten.
  • Das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen war die einzige medizinische Einrichtung dieser Art im Nordosten Afghanistans. Sie bot kostenlos hochwertige lebensrettende Chirurgie an. Seit Eröffnung des Krankenhauses im Jahr 2011 wurden dort mehr als 15.000 chirurgische Eingriffe durchgeführt und mehr als 68.000 Notfallpatienten behandelt.
  • Das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kundus wurde bei dem Angriff zerstört und ist nicht mehr in Betrieb. Seitdem haben Tausende Menschen keinen Zugang zu Notfallmedizin mehr – in einer Zeit, in der sie diese besonders dringend benötigen.
  • Ärzte ohne Grenzen fordert eine unabhängige Untersuchung durch die Internationale Humanitäre Ermittlungskommission (International Humanitarian Fact-Finding Commission, IHFFC), die den tatsächlichen Hergang der Ereignisse ermitteln soll. Die IHFFC ist keine UNO-Instanz; sie wurde 1991 durch das Zusatzprotokoll 1, Artikel 90 der Genfer Konvention ins Leben gerufen, die Regeln für den Kriegsfall enthält. Die IHFFC wurde explizit zu dem Zweck eingerichtet, Verletzungen des Humanitären Völkerrechts unabhängig zu untersuchen – wie zum Beispiel Angriffe auf Krankenhäuser, die in Konfliktgebieten unter besonderem Schutz stehen.
  • Die IHFFC ist zwar inzwischen aktiviert worden. Die Kommission wartet aber immer noch auf die Zustimmung der Vereinigten Staaten und Afghanistans, um mit den Untersuchungen beginnen zu können.
  • Die US-Streitkräfte haben am 25. November eine Erklärung zu den Umständen des Beschusses abgegeben. Unsere Stellungnahme dazu finden Sie hier.
  • Am 29. April 2016 hat das US-amerikanische Militär einen Untersuchungsbericht zum Angriff auf das Krankenhaus in Kundus veröffentlicht. Dieser lässt jedoch viele Fragen zum Hergang der Ereignisse am 3. Oktober 2015 unbeantwortet.
  • Ärzte ohne Grenzen leistet in Afghanistan seit 1980 medizinische Nothilfe. In Kundus ebenso wie im Rest Afghanistans arbeiten afghanische und internationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen, um Patienten die bestmögliche Behandlung bieten zu können. Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Gesundheitsministerium im Ahmad Shah Baba-Krankenhaus im Osten Kabuls, die Frauenklinik Dasht-e-Barchi im Westen Kabuls und das Boost-Krankenhaus in Laschkar Gah in der Provinz Helmand. In Chost im Osten des Landes betreibt Ärzte ohne Grenzen eine Mutter-Kind-Klinik.
  • In allen Hilfsprogrammen behandeln die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen die Menschen ausschließlich gemäß ihrer gesundheitlichen Bedürfnisse, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion oder politischen Überzeugung.
  • Ärzte ohne Grenzen arbeitet in Afghanistan ausschließlich mit privaten Spenden und nimmt für die Finanzierung der Projekte keinerlei Regierungsgelder an.