Italien

Ärzte ohne Grenzen: EU muss Seenotrettung von Flüchtlingen auch in internationalen Gewässern im Mittelmeer fortsetzen

Rom/Berlin, 2. Oktober 2014 - Ein Jahr nach dem verheerenden Schiffsunglück mit mehreren hundert Toten vor der italienischen Insel Lampedusa fordert Ärzte ohne Grenzen die Fortsetzung der umfassenden Seenotrettung im Mittelmeer durch die Europäische Union. Unter den Bootsflüchtlingen, die die Teams der Organisation im vergangenen Jahr auf Sizilien medizinisch versorgt haben, sind immer mehr schwangere Frauen und Kinder.

"Viele verzweifelte Menschen sind gezwungen, die lebensgefährliche Route über das Mittelmeer zu nehmen, wenn sie Europa erreichen wollen. Italien und die EU müssen auf das humanitäre Desaster reagieren, das sich vor ihrer Haustür abspielt", fordert Stefano Di Carlo, der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Italien. "Das Leben von Tausenden ist in Gefahr, wenn die Seenotrettung nicht auch weiterhin in internationalen Hoheitsgewässern durchgeführt wird, in denen viele der Schiffsunglücke geschehen."

Derzeit kommen aus Italien und der EU besorgniserregende Signale. Demnach könnte die italienische Rettungsaktion "Mare Nostrum" beendet werden. Die angekündigte EU-Operation "Frontex Plus" soll dem Vernehmen nach weniger umfassend sein - und könnte beispielsweise nur Suchaktionen in italienischen Hoheitsgewässern vorsehen.

Die Zahl der Menschen, die vor dem Krieg in Syrien, dem Chaos in Libyen und anderen Krisen nach Europa flüchten, steigt weiter an. Doch während die Konflikte weltweit zunehmen, schließt die EU ihre Grenzen für Flüchtlinge und zwingt diese dadurch, über den gefährlichen Seeweg nach Europa zu reisen, um Schutz zu finden.

Ärzte ohne Grenzen ist in den beiden sizilianischen Hafenstädten Augusta und Pozzallo tätig, in denen die meisten Boote ankommen. Zwischen Januar und August haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen in Pozzallo fast 19.000 Menschen medizinisch und psychologisch betreut, die bei insgesamt 64 Bootslandungen angekommen sind. Sie stellen fest, dass immer mehr ihrer Patienten besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen angehören: Opfer von Gewalt und Folter, behinderte Menschen, schwangere Frauen und Kinder. Im August hat Ärzte ohne Grenzen in Augusta eine Klinik eröffnet, in der im ersten Monat 583 Patienten ambulant behandelt wurden. Davon berichteten 71 Personen, Opfer von Gewalt geworden zu sein.

"In all den Jahren, in denen wir Migranten und Flüchtlinge in Italien medizinisch versorgt haben, haben wir nie so viele Frauen und Kinder gesehen wie jetzt", sagt Di Carlo. "Sie fliehen vor einer Gefahr und kommen direkt in die nächste. Sie können nur hoffen, dass die klapprigen Boote sie in Sicherheit bringen werden. Viele der Ankömmlinge haben Schiffbrüche miterlebt, haben mit ansehen müssen, wie Menschen ertrunken sind oder haben selbst Angehörige verloren."

Ärzte ohne Grenzen ist seit 2002 für Flüchtlinge und Migranten in Italien tätig, vor allem auf der Insel Lampedusa (bis 2013). Derzeit unterstützt Ärzte ohne Grenzen die italienischen Gesundheitsbehörden in den sizilianischen Provinzen Ragusa und Siracusa, wo die Teams Flüchtlinge, Migranten und Asylbewerber medizinisch versorgen.