Wie startet ein Hilfseinsatz? — Erfahrungsbericht eines Arztes

"Ich war bei der Eröffnung von Projekten in Libyen, in Syrien und im Südsudan dabei“, sagt Dr. Tankred Stöbe. Vieles muss dabei bedacht werden: Wie groß ist die Not und wie schwierig die Sicherheitslage? Anhand seiner Einsatzerfahrungen gibt der Berliner Arzt tiefere Einblicke in die Frage: Wie startet ein Hilfseinsatz bei Ärzte ohne Grenzen?

Als ich Anfang des Jahres 2017 im Flugzeug nach Libyen saß, ging mir vieles durch den Kopf. Was würde mich in dem Land erwarten? Seit dem Ende der Regierung Muammar Gaddafis kommt Libyen nicht zur Ruhe. Mitte 2014 brach ein blutiger Konflikt aus. Und immer wieder denke ich an das, was mir Flüchtende, die ich in einem früheren Einsatz getroffen hatte, über ihre Zeit in Libyen erzählt haben. Ich sprach zum Beispiel mit Somaliern, in deren Heimat ein Bürgerkrieg herrscht, und doch sagten viele: „In meiner Heimat konnte ich nicht bleiben, aber Libyen ist noch schlimmer.“ Immer wieder hören wir von Folter in Libyen, davon dass Mitinhaftierte in den Internierungslagern verhungerten. Von Vergewaltigungen und Sklaverei.

So sieht mein Erkundungsteam aus

Nun bin ich auf dem Weg dorthin. Ich schaue aus dem Flugzeugfenster und bereite mich innerlich auf meine Rolle vor: Als Arzt und Projektkoordinator bin ich Teil eines sogenannten „Explo-Teams“ – einer Gruppe aus vier Experten. Diese verschafft sich einen Überblick über die Not der Menschen und überlegt, wie Ärzte ohne Grenzen helfen kann – wie und wo wir Projekte eröffnen sollten.

In Libyen treffe ich zunächst mein Team: Ein Kollege kommt aus Frankreich, zwei stammen aus Libyen selbst. Sie sind eine unabdingbare Hilfe, wenn es darum geht, zu übersetzen, Kontakte herzustellen oder einen sicheren Weg von A nach B zu finden. Eine der ersten Stationen, die wir uns anschauen, ist ein Internierungslager für Geflüchtete. Dort werden Menschen festgehalten, die auf dem Weg nach Europa waren, aber auch solche, die in Libyen arbeiteten und wahllos aufgegriffen wurden.

Hingehen, Sehen, Handeln

Die furchtbaren Beschreibungen der aus Libyen Flüchtenden, die wir an Bord unserer Rettungsschiffen auf dem Mittelmeer behandelten, bestätigen sich für mich in dem Internierungslager auf grausame Weise. Ich habe in meinen Einsätzen viel erlebt, aber das Schicksal dieser Menschen schockiert und berührt mich.

Später besuchen wir noch weitere Orte in Libyen, um festzustellen, wie und wo wir die Not der Menschen lindern können. Die Bilder in den Lagern gleichen sich und eines ist für mich klar: Niemand sieht sich für die schreckliche Not der Menschen verantwortlich. Wir werden uns um die schlechten hygienischen Bedingungen in Internierungslagern kümmern, und wir müssen dort medizinische Sprechstunden starten, um die nötigste Versorgung sicherzustellen.

Das Nötigste sicherstellen, damit Menschen gesund werden oder schlicht überleben – darum geht es immer, wenn wir Projekte eröffnen. Sei es nach Naturkatastrophen, in Kriegsgebieten oder bei Epidemien. Bei meinem „Explo-Einsatz“ im Jahr 2014 im Südsudan ging es um eine Ernährungskrise in Folge eines anhaltenden Konfliktes. Hunderttausende waren vertrieben, Felder lagen brach oder waren jetzt in Folge der Regenzeit überschwemmt.

Wie stellen wir eine Ernährungskrise fest?

Wir fuhren in entlegene Gebiete, um zu sehen, ob die Menschen dort Nahrungsmittelhilfe und medizinische Versorgung bräuchten. Wenn wir in einem Dorf ankamen, riefen wir die Menschen zusammen. Wir untersuchten alle Kinder bis zum fünften Lebensjahr, weil sie am gefährdetsten sind, an Mangelernährung zu sterben. Dazu hatten wir ein Holzgestell – ähnlich einem Tor – errichtet. Die Kinder, die unter der 1,10 Meter hohen Querlatte durchlaufen konnten, untersuchten wir weiter. Mit einem Maßband, das man um den Oberarm legt, können wir rasch sehen, ob die Jungen und Mädchen mangelernährt  sind.

Statistik und Einzelschicksale

Ich erinnere mich noch an den vierjährigen Koang Ruod, den wir damals untersuchten. Schüchtern und schwach versteckte er sich auf dem Schoß seiner Mutter. Behutsam legte ich das Maßband um seinen dünnen Arm: Es zeigte den orangen Bereich an – Koang war also mangelernährt. Wir gaben ihm hochkalorische Fertignahrung, denn sonst hätte sein Gesundheitszustand schnell lebensbedrohlich werden können. Seiner Mutter gaben wir noch weitere Rationen für ihn mit nach Hause.

Es gibt statistische Werte für die Anzahl mangelernährter Kinder, an denen wir uns in solchen Situationen orientieren und die uns erkennen lassen, ob eine Ernährungskrise vorliegt. Auch heute noch ist die Lage im Südsudan vielerorts leider nicht besser. Aktuell sprechen die Vereinten Nationen von 20 Millionen Menschen, die aufgrund von Mangelernährung in Lebensgefahr schweben – in vier betroffenen Ländern: Südsudan, Somalia, Nigeria und Jemen. In drei dieser Länder haben wir seit Jahren zahlreiche Projekte, in Somalia sind unsere Teams gerade dabei, unsere Hilfe wieder aufzubauen, nachdem wir das Land 2013 aus Sicherheitsgründen verlassen mussten.

Projekte und Sicherheit

Es schmerzt mich besonders, wenn wir helfen wollen, aber Kämpfe und Gewalt dies unmöglich machen. In Syrien ist die Lage seit Jahren unerträglich. Unsere Hilfe müsste viel umfassender sein, aber die Sicherheitslage lässt dies vielerorts nicht zu – dann können wir kein Projekt eröffnen. 2012 hatte ich selbst ein Krankenhaus im Norden Syriens mit aufgebaut. In einer Höhle installierten wir eine Erste-Hilfe-Station und einen Operationssaal, den wir in einem aufblasbaren Zelt eingerichtet hatten. Die Höhle war nahe der Front, doch sie bot einen natürlichen Schutz. Dort versorgten wir damals viele Patienten. Diese Menschen waren oft schwer verletzt, und es gab sonst keine andere medizinische Hilfe.

Wir bleiben weltweit an der Seite von Menschen in Not. Dabei ist es besonders wichtig, dass wir unsere Hilfe unabhängig und unparteilich anbieten. Das heißt, wir verfolgen keine politischen oder wirtschaftlichen Interessen. Allein die Bedürfnisse der Menschen sind für uns ausschlaggebend. Für die Konfliktparteien können wir dies glaubhaft versichern, weil wir uns durch Spenden von vielen Privatpersonen finanzieren. Sie ermöglichen Sie es uns, eigenständig zu entscheiden, wo wir Projekte eröffnen – dass wir „Explo-Teams“ losschicken, die sich an der Not der Menschen orientieren. So können wir an Orten helfen, wo sonst keiner hilft.

Das ist mein Anspruch als Arzt: Ob in Libyen, in entlegenen Dörfern des Bürgerkriegslandes Südsudan oder in anderen Krisenländern – jeder Mensch in gesundheitlicher Not soll die Chance auf eine zeitnahe Versorgung, auf ein Überleben haben.