Nepal

„Ich habe alles verloren, mein Freund“ - Psychologische Hilfe und Wiederaufbau nach zwei Beben

Unsere Psychologin Kamini Deshmukh während einer Gruppentherapiesitzung im Lager Chuchepati in Kathmandu.

Als das erste Erdbeben am 25. April 2015 Nepal erschütterte, verloren Menschen ihre Lieben, ihre Häuser und ihren Besitz. Nach diesem Beben hatten viele bereits damit begonnen, ihre Häuser wiederaufzubauen, als ein zweites Erdbeben sie wieder zerstörte. Gebäude mit kleinen Rissen haben nun große, und die Angst ist groß, in ihnen zu leben. Einige flüchteten aufgrund der Furcht vor neuerlichen Erdstößen aus ihren Dörfern. Umso wichtiger ist die psychologische Hilfe, die die Menschen dabei unterstützt, nach zwei solch einschneidender Erlebnisse ihr Leben wieder aufzubauen. Laut unserer Psychologin Kamini Deshmukh wird es einige Zeit dauern, bis der Heilungsprozess einsetzt.

Hoch oben in den Bergen im Nordwesten und Osten Nepals bieten unsere Teams psychologische Hilfe an. Unsere Psychologin Kamini Deshmukh erklärt, dass eine ihrer Haupttätigkeiten die so genannte „psychologische Erste Hilfe“ ist, mit der die Bewältigungsstrategien der Menschen angesichts eines Traumas gestärkt werden sollen. In eigenen Gruppensitzungen für Männer, Frauen und Kindern soll ihnen dabei geholfen werden, mit Ängsten und Beklemmungsgefühlen umzugehen. „Ich versuche, die Realität dessen, was passiert ist, sehr klar und ehrlich darzustellen“, so Kamini. „Das macht es für die Menschen einfacher, mit ihrer aktuellen Situation umzugehen. Sie werden langsam die Lage akzeptieren und dadurch ihr Leben fortsetzen können.“

Gemeinsame Bewältigungsstrategien

„Bei den Kindern beginne ich mit ganz grundlegenden Dingen und erkläre ihnen, was ein Erdbeben eigentlich ist“, führt Kamini aus. „Ich ermuntere sie, mir zu erzählen, was sie erlebt haben, und biete gemeinsame Aktivitäten wie Singen und Zeichnen an. Von ihren Werken kann ich wiederum Rückschlüsse darauf ziehen, was sie durchgemacht haben, und ihnen dementsprechend Ratschläge und Hilfestellungen geben.“

Die meisten Gemeinschaften haben ihre eigenen Bewältigungsstrategien entwickelt: Sie treffen sich zu sozialen Aktivitäten wie Singen und Tanzen. Andere teilen ihre Erfahrungen mit Verwandten und Freunden. Wiederum andere verlassen ihr Dorf und leben nun an anderen Orten, wo sie sich sicherer fühlen. „Mit psychosozialer Aufklärung versuche ich, diese natürlichen Strategien so weit wie möglich auszubauen. Das sind alles Wege, um unserem Geist zu helfen, mit solchen traumatischen Erlebnissen zurechtzukommen“, schließt die Psychologin.

Angst vor einstürzenden Häusern

In der Hauptstadt Kathmandu bietet eines unserer psychologischen Teams Gruppensitzungen im Lager Chuchepati an. Dort sind Menschen untergebracht, deren Häuser zerstört wurden oder nicht mehr sicher genug sind, um darin zu wohnen. Auch jene, die sich aus Furcht nicht mehr nach Hause trauen, leben im Lager.

Die 85-jährige Witwe Kumari Dhaka ist zweifache Mutter und hat bereits drei große Erdbeben überlebt: Eines im Jahr 1934 sowie die beiden im April und Mai dieses Jahres. In den Wänden ihres gemieteten Hauses sind große Risse, und sie fürchtet sich vor einem weiteren Beben. Deshalb suchte sie mit ihrer Tochter Zuflucht im Lager. Wenn sich Kumari daran erinnert, was sie bei all diesen Naturkatstrophen durchgemacht hat, hört man die Emotionen in ihrer Stimme. Ihr Knie schmerzt, sie kann kaum aufrecht sitzen und ihr Hör- und Sehvermögen hat bereits stark nachgelassen. Es wäre für Kumari viel angenehmer, zu Hause in ihrem Bett zu liegen, statt auf einer unbequemen Matte in einem provisorischen Zelt, das sie mit drei anderen Familien teilt.

Kumari und ihre Tochter haben nun immerhin sauberes Trinkwasser, nachdem wir im Lager Wassertanks installiert haben. Doch es ist schwer, ausreichend zu essen zu bekommen: „Das Hauptproblem, das wir jetzt haben, ist Nahrung – wir haben keinen Reis oder Linsen“, so Kumari. „Wir leben von dem, was wir kriegen, denn wir können nicht zurück in unser Zuhause – es könnte über unseren Köpfen einstürzen. Wir leben jeden Tag in Angst.”

“Ich habe alles verloren.”

Abgesehen vom Lager Chichepati wurden auch in anderen Teilen der Stadt Zelte und provisorische Unterkünfte aus Plastikplanen errichtet. „Ich habe alles verloren, mein Freund“, so der Nepalese Basu Biru. „Ich hatte früher ein Zuhause in Sindupalchowk, doch nun habe ich nichts mehr. Noch dazu ist gerade mein kranker Vater verstorben. Ich glaube nicht, dass diesmal die traditionelle Trauerzeit von dreizehn Tagen ausreichen wird, denn der Schmerz in mir ist einfach zu groß.“

Der Großteil der Bevölkerung in Nepal ist von den beiden Erdbeben auf die eine oder andere Weise betroffen. Viele leben in Angst vor einem weiteren großen Beben oder einem Erdrutsch und damit weiterer Zerstörung. Unzählige Menschen wissen nicht, wie sie ihren grundlegenden Bedarf an Nahrung oder Unterkunft decken sollen. Doch trotz all dem herrscht eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit, so unsere Psychologin Renata Bernis.

„Während ich im Bezirk Gorkha von einem Ort zum nächsten gereist bin, war ich sehr berührt“, berichtet sie. „Ich habe Dörfer besucht, die völlig zerstört worden waren, und fühlte mit den Menschen. Von ihrer positiven Einstellung war ich vollkommen überrascht. Sie sagten mir: „Wir haben alles verloren, aber wir werden es wiederaufbauen.“ Ich bin davon überzeugt, dass sie mit dieser Einstellung das Erlebte verarbeiten werden - dass sie ihr Leben wieder neu beginnen. Sie sind keine Opfer, sie sind Menschen. Menschen, die schwer getroffen wurden von einer Naturkatastrophe, über die sie keine Kontrolle hatten, und die jetzt versuchen, ihr Leben jeden Tag so zu leben, wie es kommt.“

Seit 25. April haben psychologische Teams und Fachkräfte von Ärzte ohne Grenzen in Nepal Gruppensitzungen für fast 3.200 Menschen durchgeführt.