„Ein Mindestmaß an Menschlichkeit muss gewahrt werden“

Volker Westerbarkey, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, blickt zurück auf das Jahr 2016:

„Für viele Millionen Menschen weltweit brachte das Jahr 2016 unermessliches Leid. In den Kriegen in Syrien und dem Jemen, aber auch in weniger beachteten Konflikten wie in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan oder in Nigeria wurden unzählige Menschen getötet, zahllose haben Familienangehörige und ihre Heimat verloren. 65 Millionen Menschen weltweit - so viele wie nie zuvor - waren 2016 auf der Flucht vor Kämpfen, Gewalt, Verfolgung, Hunger oder Armut. Allein in Syrien hat der Krieg knapp 12 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Mehr als 349.000 Menschen haben ihr Leben auf dem Mittelmeer riskiert, um in Europa Schutz zu suchen.

In Syrien müssten wir einen der größten Hilfseinsätze unserer Geschichte haben.

Der Bedarf an humanitärer Hilfe war 2016 angesichts dieser großen, fast ausschließlich menschengemachten Krisen enorm. Und doch waren uns von Ärzte ohne Grenzen oft die Hände gebunden. In Syrien müssten wir einen der größten Hilfseinsätze unserer Geschichte haben. Doch in vielen Landesteilen ist die Lage für unsere Teams zu unsicher, und zu den von der Regierung kontrollierten Gebieten haben wir trotz intensiver Bemühungen nach wie vor keinen Zugang. Unsere Teams waren an der Rettung von fast 27.000 Menschen aus Seenot beteiligt, und doch sind dieses Jahr rund 4.700 Menschen im Mittelmeer ertrunken - einmal mehr so viele wie nie zuvor.

Gezielte Angriffe auf Krankenhäuser und Zivilisten stellen einen Bruch des humanitären Völkerrechts dar.

Von Ärzte ohne Grenzen betriebene oder unterstützte Kliniken wurden 2016 mindestens 50 Mal angegriffen. Nach dem Angriff auf die Klinik in Abs im Jemen mussten wir die schwierige Entscheidung treffen, unsere Aktivitäten in sechs Kliniken im Norden des Landes vorerst zu beenden.

Gezielte Angriffe auf Krankenhäuser und Zivilisten stellen einen Bruch des humanitären Völkerrechts dar. Menschen, die vor Kriegen fliehen, haben ein Recht auf Schutz und dürfen nicht abgewiesen werden.

Ärzte ohne Grenzen hat 2016 immer wieder öffentlich und laut auf die Missachtung dieser internationalen Konventionen hingewiesen. Im März haben wir zum Beispiel unsere Aktivitäten im EU-Hotspot im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos beendet, um nicht zum Handlanger eines Systems zu werden, in dem Flüchtende unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten oder hin- und hergeschoben werden. Im Juni haben wir uns entschieden, aus Protest gegen den EU-Türkei-Deal keine Gelder von der EU und ihren Mitgliedstaaten mehr anzunehmen.

Selbst im Krieg müssen Regeln eingehalten werden.

Menschen werden weiterhin fliehen und Konflikte wird es immer geben. Aber selbst im Krieg müssen Regeln eingehalten werden, um ein Mindestmaß an Menschlichkeit zu wahren. Jedes Menschenleben zählt, und dafür werden wir uns auch in Zukunft einsetzen.

Im Fall der Impfstoffpreise hat eine öffentliche Kampagne von uns in diesem Jahr Erfolg gehabt und dazu geführt, dass die Pharmaunternehmen Pfizer und GlasxoSmithKline den Preis für ihre Penumokokken-Impfstoffe für humanitäre Organisationen deutlich gesenkt haben. Dies ermöglicht es uns, künftig mehr Kinder in Krisengebieten vor Lungenentzündungen zu schützen - einer Krankheit, an der jedes Jahr fast eine Million Kinder sterben.“

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