Westafrika

Ärzte ohne Grenzen schließt letzte Ebola-Projekte für Überlebende

Nubia wird ein letztes Mal untersucht, bevor sie entlassen wird. Sie ist die wahrscheinlich erste Neugeborene, die Ebola überlebte. Ihre Mutter starb bei der Geburt, aber Nubia wohnt jetzt bei ihrer Tante und ihrem Halbbruder M'Bemba - der auch ein Ebola-Überlebender ist. Beide werden von Ärzte ohne Grenzen weiterhin begleitet, bis sie zwei Jahre alt sind.

Die letzten Programme für Ebola-Überlebende schließen zweieinhalb Jahre nach dem offiziellen Ausbruch der Krankheit in Westafrika. In den Kliniken von Ärzte ohne Grenzen in Liberia, Sierra Leone und Guinea hatten die Teams ärztliche Versorgung und psychologische Betreuung für Betroffene angeboten. Ebola-Überlebende haben es häufig mit Spätfolgen wie Gelenkschmerzen, chronischer Müdigkeit oder Seh- und Hörproblemen zu tun. Zudem kämpfen sie oftmals mit den psychischen Folgen - leiden unter Stigmatisierung und Ablehnung in ihrer Umgebung.

Im März 2014 brach in Guinea Ebola aus. Von dort breitete sich die Krankheit auf benachbarte Länder aus. 28.700 Menschen haben sich in Westafrika infiziert, mehr als 11.300 Männer, Frauen und Kinder sind gestorben. Ganze Familien wurden zerrissen, Gemeinschaften von der Krankheit zerrüttet. Es wurden Schulen geschlossen, die Wirtschaft kam zum Erliegen, und das Gesundheitssystem brach zusammen, was zu einem noch größeren Verlust von Menschenleben führte. Der hohe Tribut an Menschenleben, den die Krankheit forderte, wurde durch die langsame internationale Reaktion noch verschlimmert.

„Das Leiden, das durch diesen Ebola-Ausbruch verursacht wurde, ist nicht messbar“, sagt Brice De Le Vingne, Leiter der Projektabteilung von Ärzte ohne Grenzen in Brüssel. „Der Einsatz hat bei jedem Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, der zu jener Zeit im Einsatz in Westafrika war, unauslöschliche Spuren hinterlassen. Für die nationalen Kollegen und Kolleginnen vor Ort waren die Auswirkungen sogar noch größer – sie mussten mit der täglichen Bedrohung durch die Krankheit leben, während sie bei der Arbeit die verheerende Realität von Ebola hautnah miterlebten. Für jene, die sich selbst mit der Krankheit angesteckt hatten und für deren Familien, war es die Hölle.“

Auch für Ebola-Überlebende ging der Kampf weiter

Viele Ebola-Überlebende litten unter schweren medizinischen und psychischen Problemen. Da dies der erste Ausbruch der Krankheit dieser Größenordnung war, gab es kaum Verständnis für die notwendige Hilfe, die diese Menschen brauchten, um weiterzumachen.

„Als der Ausbruch abklang, wurde es immer klarer, dass die Ebola-Überlebenden und ihre Familien Unterstützung brauchen“, berichtet Petra Becker, Einsatzleiterin in Liberia. „Der Großteil der Überlebenden hatte physische Spätfolgen wie Gelenkschmerzen, neurologische oder Seh- und Hörprobleme. Gleichzeitig litten sie selbst, aber auch ihre Familien, Freunde und das medizinische Personal, das sie betreut hatte, unter erheblichen psychischen Problemen.“

Ärzte ohne Grenzen hatte daher Kliniken in den drei am meisten betroffenen Ländern aufgebaut, um Überlebenden Hilfe anzubieten. Die erste Klinik wurde im Januar 2015 in Monrovia, Liberia, eröffnet. Bis zu ihrer Schließung im August 2016 wurden dort mehr als 1.500 medizinische Behandlungen durchgeführt. Eine zweite Klinik wurde in Conakry in Guinea eröffnet. Dort wurden 330 Überlebende und über 350 ihrer Verwandten betreut. Eine ähnliche Klinik in Freetown, Sierra Leone, bot mehr als 400 Überlebende und ihre Familien Hilfe an. Dort wurden im Rahmen der psychologischen Betreuung mehr als 450 Einzel- und Gruppenberatungen abgehalten.

“Mit der Zeit und nach der Behandlung nahmen der Bedarf an psychischer und physischer Unterstützung ab“, so Jacob Maikere, Einsatzleiter in Sierra Leone. „Viele Überlebende berichten aber, dass der Geruch nach Chlor sie immer noch zutiefst verstört und sofort an den Horror der Ebola-Zentren erinnert.“

Kampf gegen Diskriminierung und Stigmatisierung

Ebola-Überlebende und ihre Familien hatten auch mit Stigmatisierung zu kämpfen, als sie in ihre Dörfer zurückkehrten.  Ärzte ohne Grenzen hat gemeinsam mit anderen Organisationen und nationalen Initiativen Teams in betroffene Dörfer entsandt, die mit Aufklärung gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung ankämpften. In Guinea hat Ärzte ohne Grenzen beispielsweise durch Gruppen- und Einzelsitzungen 18.300 Menschen erreicht.

„Stigmatisierung ist nach wie vor ein Riesenthema für die Ebola-Überlebenden und ihre Familien – trotz Bewusstseins- und Informationskampagnen während und nach dem Ausbruch“, erklärt Jacob Maikere. „Die Diskriminierung nimmt viele Formen an: Menschen verlieren ihre Jobs oder ihre Partner oder sie werden von ihrer Familie oder ihrem Dorf verstoßen. All das kann ihr Leben extrem destabilisieren.“

Gesundheitspersonal schwer getroffen

Das Gesundheitspersonal in den drei am schwersten betroffenen Ländern hat einen hohen Preis für die Eindämmung von Ebola bezahlt, viele haben im Kampf gegen die Epidemie ihr Leben verloren. Jene, die überlebt haben, sahen viele Menschen sterben und mussten mit der Angst leben, sich in ihrer Umgebung selbst infiziert zu haben.

„Das Gesundheitspersonal in Sierra Leone, Guinea und Liberia  hat vielen Menschen das Leben gerettet“, erklärt Ibrahim Diallo, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Guinea. „Aber das Virus hat so viel Angst im Land ausgelöst, dass vielen, die mit Kranken Kontakt hatten, Misstrauen entgegengebracht wurde bzw. sie diskriminiert wurden.“

Übergabe von Post-Ebola-Behandlungen

Ende September hat Ärzte ohne Grenzen die Hilfsprogramme für Überlebende in Guinea und Sierra Leone beendet, und in Liberia wird die Post-Ebola-Hilfe vor Ende des Jahres auslaufen. Die meisten medizinischen Beschwerden, unter denen Überlebende leiden wurden behandelt. Ärzte ohne Grenzen hat für Überlebenden, die eine permanente psychologische Unterstützung benötigen, eine Betreuung durch das nationale Gesundheitssystem oder andere Organisationen in die Wege geleitet.

Laufende Hilfe von Ärzte ohne Grenzen in Westafrika

Ärzte ohne Grenzen wird seine Hilfe im Bereich medizinischer Versorgung bedürftiger Bevölkerungsgruppen fortführen: „Eine Stärkung der Gesundheitsversorgung in den drei betroffenen Ländern bedeutet verbesserte Maßnahmen zur Verhinderung von Ansteckungen, Frühwarnsysteme und Notfallpläne, die eine schnelle Reaktion auf einen Ebola-Ausbruch oder andere Krankheiten ermöglichen“, erklärt Mit Philips, Beraterin für Gesundheitspolitik bei Ärzte ohne Grenzen. „Die Länder benötigen auch Aufholpläne für Gesundheitsdienste, die während der Epidemie zu kurz kamen, wie die Behandlung von HIV und Tuberkulose, sowie Präventionsmaßnahmen.“

In Monrovia (Liberia) hat Ärzte ohne Grenzen eine Kinderklinik eröffnet, das Bardnesville Junction –Krankenhaus. Zwischen Januar und August 2016 wurden dort mehr als 3.280 Notbehandlungen durchgeführt und 880 Kinder stationär aufgenommen. Die Abteilung für Neonatologie hat 512 Neugeborene betreut.

In Conakry, der Hauptstadt Guineas, behandelt  Ärzte ohne Grenzen auch weiterhin HIV-Patienten. In zwei Verwaltungsbezirken Sierra Leones hat die Organisation Mutter-Kind-Programme.