Demokratische Republik Kongo

Ebola-Update: Rückgang der Neuinfektionen, aber Ausbruch noch nicht unter Kontrolle

Vor dem Betreten der "Hochrisiko-Zone" muss ein spezieller Anzug angezogen werden.

Ärzte ohne Grenzen ruft dazu auf, die Bedürfnisse der Bevölkerung stärker zu berücksichtigen

Der Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo bleibt trotz eines Rückgangs von Neuinfektionen in den vergangenen Wochen eine ernste Gesundheitskrise. Im Oktober wurden 70 neue Ebola-Patienten registriert, nach 157 im September. Dennoch wurden im Laufe des Oktobers in neun Gesundheitszonen neue Fälle gemeldet. Das Zentrum der Neuinfektionen liegt nun zwischen Biakato, Mangina und Beni im Grenzgebiet der Provinzen Ituri und Nordkivu. Das Risiko des Wiederauftretens von Ebola-Fällen in ehemaligen Brennpunkten der Epidemie besteht weiterhin, wie die erneuten Infektionen in Beni Ende Oktober zeigen. Ärzte ohne Grenzen ruft zu verstärkten Anstrengungen bei der Identifizierung von Patienten und der Nachverfolgung ihrer Kontaktpersonen und zu einem breiteren Einsatz von Medikamenten und Impfstoffen auf. Zudem muss mehr getan werden, um den anderen Gesundheitsproblemen in der Region, wie der grassierenden Masern-Epidemie, zu begegnen. Insgesamt haben die Gesundheitsbehörden bis zum 22. November 3.298 Ebola-Infektionen und 2.197 Todesfälle registriert. Der Ausbruch ist damit nach jenem in Westafrika in den Jahren 2014 bis 2016 die zweitgrößte Ebola-Epidemie.

Ärzte ohne Grenzen hat in den vergangenen Wochen die Ebola-Aktivitäten in Ituri verstärkt. In der Goldabbauregion Biakato, in der es mehrere Neuinfektionen gegeben hat, haben die Teams am 10. November ein neues Ebola-Behandlungszentrum mit 20 Betten eröffnet. In der Region um Mambasa nordwestlich von Biakato unterstützt die Organisation zehn Gesundheitszentren. In Goma, der Hauptstadt von Nordkivu, hat Ärzte ohne Grenzen zusammen mit den Behörden und anderen Organisationen am 14. November eine erste Impfkampagne mit einem neuen Ebola-Impfstoff gestartet. In anderen Gebieten mit weniger Neuinfektionen wurden Projekte geschlossen oder verkleinert. Insgesamt betreibt Ärzte ohne Grenzen derzeit vier Ebola-Behandlungszentren in Biakato, Beni, Goma und Bunia und zahlreiche dezentralisierte Isolations- bzw. Transitzentren für Verdachtspatienten. Die Teams unterstützen bestehende Gesundheitszentren bei der Prävention und Kontrolle von Infektionen sowie bei der Aufrechterhaltung der regulären Gesundheitsversorgung, stellen die Infrastruktur für sauberes Wasser, Sanitäreinrichtungen und Hygienemaßnahmen bereit und leisten Gesundheitsaufklärung zu Ebola und darüber hinaus. Ein Schwerpunkt ist die Einbeziehung der Bevölkerung in die Aktivitäten zur Bekämpfung von Ebola. Noch immer behindert Misstrauen gegen Behörden und Helfer in dem Konfliktgebiet die Ebola-Bekämpfung. Am 2. November wurde in Lwemba ein Journalist getötet, der für die Gesundheitsaufklärung der Behörden arbeitete. Zuvor war dort ein Gesundheitszentrum teilweise niedergebrannt worden. Ende Oktober kam es in Mwenga zu Demonstrationen und Spannungen vor allem aufgrund spät bezahlter Löhne.

Ein Problem bleibt weiterhin, dass Ebola-Patienten zu spät in den Behandlungszentren ankommen – im Schnitt fünf Tage nach dem Auftreten der ersten Symptome. In dieser Zeit können sie andere infizieren, und ihre Überlebenschancen sinken mit jedem Tag, an dem sie noch nicht mit Medikamenten behandelt werden. Eine weitere große Herausforderung ist die Nachverfolgung von Kontaktpersonen. Im Verlauf des Ebola-Ausbruchs waren nur 29 Prozent der neu infizierten Patienten – in den vergangenen drei Monaten 36 Prozent – zuvor als Kontaktpersonen von bereits registrierten Patienten bekannt. Etwa die Hälfte aller neu Infizierten waren zuvor nie als möglicherweise gefährdete Kontaktpersonen registriert gewesen und wurden nicht regelmäßig aufgesucht, um sie auf Symptome zu untersuchen. Viele Übertragungsketten bleiben so unbekannt.

Am 14. November begann in zwei Gesundheitsbezirken in Goma eine Impfkampagne mit einem neuen, zweiten Impfstoff der Firma Johnson&Johnson. Ärzte ohne Grenzen und seine Forschungsorganisation Epicentre sind zusammen mit Behörden und anderen Organisationen Teil des Konsortiums, das die Impfung im Rahmen einer klinischen Studie durchführt. Der Impfstoff wird in zwei Dosen im Abstand von 56 Tagen verabreicht. Ärzte ohne Grenzen begrüßt die klinische Studie als einen wichtigen Beitrag zu einem besseren Schutz der Bevölkerung und ruft zu einem breiteren Einsatz der Impfstoffe auf. Mit dem bisher eingesetzten Impfstoff der Firma Merck werden bislang aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit von Impfdosen und der Vorgaben des Studienprotokolls nur Kontaktpersonen und Gesundheitsmitarbeiter geimpft. Gerade auf Grund der vielen unbekannten Übertragungsketten plädiert Ärzte ohne Grenzen zusätzlich für breitere Impfkampagnen in bestimmten Gebieten.

Viele Probleme der Ebola-Bekämpfung hängen mit dem andauernden bewaffneten Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo zusammen. Ende Oktober startete die kongolesische Armee in der Region um Beni eine Offensive gegen verschiedene bewaffnete Gruppen. Kämpfe, gezielte Anschläge und das mit dem Konflikt verbundene Misstrauen behindern seit Beginn des Ausbruchs wichtige Maßnahmen wie Impfungen, die Nachverfolgung von Kontaktpersonen Infizierter, die epidemiologische Überwachung, die Gesundheitsaufklärung und das Gewährleisten sicherer Beerdigungen von Ebola-Toten. Für die Ebola-Bekämpfung ist es gleichzeitig äußerst wichtig, das Vertrauen der Bevölkerung in die Helfer zu gewinnen. Ärzte ohne Grenzen besteht darauf, dass die Ebola-Bekämpfung von Aktivitäten der Sicherheitskräfte und der Polizei streng getrennt bleiben. Falls beides vermischt wird, entstehen dadurch zusätzliche Risiken für lokale medizinische Einrichtungen und humanitäre Helfer.  

Die Ebola-Epidemie hat das ohnehin sehr schwache Gesundheitssystem der Region weiter destabilisiert. Gleichzeitig leidet die Bevölkerung über Ebola hinaus an zahlreichen anderen Gesundheitsproblemen. Eine Masernepidemie hat etwa seit Januar in der DR Kongo mit mehr als 200.000 Erkrankten und 4.000 Toten mehr Todesopfer gefordert als Ebola. Es ist deshalb von allergrößter Bedeutung, das Funktionieren der Gesundheitszentren auch während der Ebola-Epidemie zu gewährleisten und auch auf andere Gesundheitsgefahren zu reagieren. Ärzte ohne Grenzen unterstützt deshalb sowohl die Routineimpfungen als auch neue Impfkampagnen gegen die Masernepidemie und unterstützt die Gesundheitszentren in den betroffenen Gebieten in vielerlei Hinsicht. Ärzte ohne Grenzen appelliert dazu, dass sich schon jetzt alle in der Ebola-Bekämpfung tätigen Organisationen darauf vorbereiten, nach dem Ende des Ausbruchs in gewissen Gebieten die Gesundheitseinrichtungen mit Kapazitäten zur epidemiologischen Überwachung, zur Infektionskontrolle, mit Einsatzteams und Labors so auszustatten, dass sie auf ein Wiederaufflammen der Epidemie reagieren können. Ärzte ohne Grenzen betont, dass das Gesundheitssystem der Region nach dem Auslaufen der internationalen Hilfe zur Ebola-Bekämpfung nicht wieder im Stich gelassen werden darf und dass schon jetzt Schritte für die Gesundheitsversorgung in der Zeit nach Ebola unternommen werden müssen.