Gefahr für die Kinder

Indirekte Folgen von Covid-19 bedrohen junge Menschen in ärmeren Ländern

Die Coronavirus-Pandemie kommt für Kinder in ärmeren Ländern zu einem sehr kritischen Zeitpunkt. Ihre Folgen stellen vielleicht die bislang größte indirekte Bedrohung für die Gesundheit von Kindern dort dar – größer als die direkten Folgen aus Covid-19-Erkrankungen. In Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen ist die Situation von Kindern sehr prekär. Dort kennen viele Familien den Schmerz, ein Kind an eine eigentlich behandelbare Krankheit wie Malaria zu verlieren. In Zeiten von Covid-19 sorgen sie sich darum, dass ihnen noch weniger grundlegende, lebensrettende Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Zudem warnt das Welternährungsprogramm für 2020 vor „Hungerkrisen biblischen Ausmaßes“, während gleichzeitig Kinder Ernährungshilfen verlieren, weil Schulen geschlossen oder die Nahrungsmittelhilfe gekürzt wurde.

 

Video - das Beispiel Sierra Leone: Dort gehört Malaria zu den Krankheiten, die am meisten Todesfälle verursachen. Zurzeit beobachten wir, dass viele Kinder zu spät in die Notaufnahme kommen - möglicherweise, weil die Eltern jetzt aufgrund der Coronavirus-Pandemie Angst haben, mit ihnen in die medizinischen Einrichtungen zu kommen. Daher bringen wir die Gesundheitsversorgung zu ihnen.
MSF

Zum jetzigen Zeitpunkt sind mehr als 300.000 Menschen an Covid-19 gestorben (Stand 21.5.2020). Die Zahl der Opfer schockiert die Welt. Doch während die Aufmerksamkeit auf die Pandemie gerichtet ist, sind bis zu 1.157.000 zusätzliche Todesfälle* bei Kindern durch andere Krankheiten zu befürchten, wenn die Gesundheitsversorgung für Kinder reduziert ist. 

Es ist unerlässlich, schnell und direkt auf die globale Gesundheitsbedrohung der Coronavirus-Pandemie zu reagieren. Doch frühere Epidemien wie Ebola-Ausbrüche haben gezeigt, dass mehr Menschen an den indirekten Folgen sterben können als an der Krankheit selbst. Die Prioritäten und Ressourcen werden global zunehmend in Richtung der Bekämpfung von Covid-19 verschoben. Entscheidungen, die Geldgeber und Ausführende hierbei jetzt im Bereich der Gesundheitsversorgung treffen, werden einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit von Kindern haben. Dies gilt bis in die Zeit nach der Pandemie hinein.

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Wenn Covid-19 mangelernährte oder vorerkrankte Kinder trifft

Im Jahr 1971, dem Gründungsjahr unserer Organisation, starben mehr als 15 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Seither ist diese Zahl drastisch zurückgegangen, zum großen Teil dank lebensrettender medizinischer Programme, wie wir sie betreiben. Jedes Jahr behandeln wir rund sechs Millionen Kinder. Wir impfen fast zwei Millionen Kinder gegen Masern und helfen, mehr als 300.000 Babys zur Welt zu bringen. Wir arbeiten an einigen der am schwersten zu erreichenden, ärmsten und gefährlichsten Orte der Welt. Dort spielen oft Mangelernährung oder Krankheiten wie Tuberkulose, HIV, Malaria oder Masern eine grundlegende Rolle. Wie sich Covid-19 auf Kinder auswirkt, deren Gesundheit von Nahrungsmittelunsicherheit und Vorerkrankungen belastet ist, bleibt abzuwarten.

Wenn Kinder sterben, weil reguläre Gesundheitsdienste eingestellt werden

Es werden aber auf jeden Fall mehr Kinder sterben, weil die regulären Gesundheitsdienste für sie verkleinert oder geschlossen werden. Es werden leider auch mehr Neugeborene sterben, weil der Zugang zu einer sicheren Entbindung und nachgeburtlichen Versorgung verloren geht. Außerdem werden Angst und Missverständnisse über Covid-19 auch dazu führen, dass Eltern ihre Kinder nicht oder zu spät für eine lebensrettende Behandlung in Gesundheitseinrichtungen bringen. Dies wird schon aus Ländern mit hohem Einkommen berichtet - an Orten mit weniger Ressourcen und schwächeren Gesundheitssystemen wird es zweifellos größere Folgen haben.

Wenn Impfaktivitäten wegen Covid-19 ausgesetzt werden

Wir haben in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo oder in den Rohingya-Flüchtlingslagern in Bangladesch beobachtet, dass Krankheiten wie Masern und Diphtherie in den vergangenen Jahren wieder aufgekeimt sind. Entsprechende Ausbrüche werden sich vervielfachen, weil die Impfaktivitäten in mehreren Ländern aufgrund von Covid-19 ausgesetzt werden. Seit dem Jahr 2000 konnten mehr als 20 Millionen Todesfälle bei Kindern durch Masernimpfungen verhindert werden. Wenn nun weniger Kinder geimpft werden und diese gleichzeitig wegen der prognostizierten Nahrungsmittelunsicherheit in vielen ärmeren Ländern geschwächt sind, könnte eine verheerende Umkehrung dieses Fortschritts eintreten. 

Wie jedes Jahr wird auch Malaria im Jahr 2020 sehr viele Kinderleben fordern - ein Vielfaches mehr, als Covid-19 zu nehmen droht. Viele Länder Westafrikas müssen beispielsweise mit einem gleichzeitigen Höhepunkt von beiden Epidemien rechnen. Sie dürfen nicht zulassen, dass die Bekämpfung von Covid-19 Vorrang vor Aktivitäten gegen Malaria hat. Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, dass Hunderttausende weitere Menschen, an Malaria sterben werden - in der Mehrzahl Kinder -, wenn Kontroll- und Präventionsstrategien nicht aufrechterhalten werden können.

Nicht zulassen, dass diese Pandemie die nächste Generation ihrer Zukunft beraubt

In welchem Ausmaß Organisationen wie unsere den Tod von Kindern während der Krise der Coronavirus-Pandemie verhindern können, hängt von unserer Fähigkeit ab, lebensrettende Aktivitäten im Bereich der Kindergesundheit aufrechtzuerhalten und auszuweiten. Wenn es jemals eine Zeit gab, in der dies notwendig war, dann jetzt. Geldgeber ziehen bereits Mittel von multilateralen Institutionen ab. Es ist ungewiss, ob die daraus resultierenden Verluste bei den Aktivitäten im Bereich der Kindergesundheit in ärmeren Ländern wieder aufgeholt werden können.

Während die allgemeine Aufmerksamkeit weiterhin auf Covid-19 liegt, laufen hilfsbedürftige Kinder Gefahr, im Verborgenen zu sterben. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Pandemie die nächste Generation ihrer Zukunft beraubt.

*Die prognostizierten Zahlen beziehen sich auf eine Verringerung der Gesundheitsversorgung für Kinder in ähnlichem Zeitumfang wie demjenigen, der seit dem Ausbruch von Covid-19 vergangen ist.

Mai 2020