Bangladesch

Rohingya in Bangladesch: „Die Menschen sind im Überlebensmodus“

Joanne Liu, internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen (Bildmitte), trifft in Kutupalong ein Mädchen, das eine Tetanus-Infektion überlebt hat.

Joanne Liu, die internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, hat auf der internationalen Geberkonferenz in Genf am 23. Oktober 2017 über die Lage der Rohingya in Bangladesch gesprochen. Hier beschreibt sie, was sie kürzlich bei ihrem Besuch in Cox’s Bazar in Bangladesch gesehen hat. Dorthin sind hunderttausende Menschen vor der Gewalt im Bundesstaat Rakhine in Myanmar geflohen.

„Fast 600.000 Rohingya haben in den vergangenen zwei Monaten in Bangladesch Schutz gesucht. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Zahl der Flüchtlinge zurückgeht. Allein in den vergangenen zwei Wochen haben rund 40.000 Menschen die Grenze von Myanmar nach Bangladesch überquert. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Gewalt in Rakhine weiter anhält.

Das Ausmaß dieser Krise ist nur schwer vorstellbar, wenn man die Lage vor Ort nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Die Unterkünfte der Flüchtlinge sind unglaublich dürftig. Sie sehen aus wie notdürftige Hütten aus Lehm, Plastikfolie und Bambus, verteilt über viele kleine Hügel. Schon vor dem aktuellen Flüchtlingszustrom lebten im Lager in Kutupalong mehrere tausend Rohingya. Wenn man das Lager durch den Haupteingang betritt, wirkt es erst einmal einigermaßen strukturiert. Aber wenn man weiter ins Lager hineingeht, in die Wälder und Bereiche, in denen es keine Wege gibt, sieht es ganz anders aus. Es gibt dort fast gar keine Hilfsleistungen, und die Lebensbedingungen der Menschen sind schockierend schlecht. Ganze Familien leben dort nur unter Plastikfolien auf schlammigem Untergrund. Sie haben keinen Schutz vor Überschwemmungen oder Angriffen von Elefanten, kein Hab und Gut, kein sauberes Wasser, keine Latrinen, keine Nahrungsmittel und keine medizinische Versorgung. 

Exponentiell ansteigender Bedarf an medizinischer Hilfe

Die Körpersprache der Menschen zeigt, dass sie noch im Überlebensmodus sind. Ihre Flucht liegt ja noch nicht lange zurück. Sie nehmen jeden Tag, so wie er kommt, und versuchen, das zu sichern, was nötig ist, um den Tag zu überstehen. Die humanitäre Hilfe ist momentan ziemlich unkoordiniert: Plastikplanen werden an einer Stelle ausgegeben, Reis oder Wasser wiederum anderswo.  

Ärzte ohne Grenzen betreibt in Kutupalong seit dem Jahr 2009 eine medizinische Einrichtung. Wir haben unsere Kapazitäten für stationäre Behandlungen nun von 50 auf 70 Betten erhöht und behandeln täglich 800 bis 1.000 Patienten. Unsere Teams sind dabei mit Dingen konfrontiert, die normalerweise nicht passieren. So kollabieren oder sterben Erwachsene beispielsweise wegen Dehydration, aufgrund eines einfachen wässrigen Durchfalls. An verschiedenen Orten in Cox's Bazar haben wir Projekte eröffnet und versorgen die Menschen mit Wasser, Sanitäranlagen und medizinisch. Damit reagieren wir auf den exponentiell ansteigenden Bedarf an medizinischer Hilfe. Es muss aber dringend mehr getan werden. Angesichts der gesundheitlichen Risiken für die riesige Zahl von Menschen ist das Lager eine tickende Zeitbombe. 

Bangladesch hat in zwei Monaten eine halbe Million Menschen aufgenommen

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Ursache für die Vertreibung der Rohingya die andauernde Krise in Myanmar ist. Die Menschen verlassen ihre Heimat nicht ohne Grund. Sie fliehen, weil ihr Leben in Gefahr ist und sie keine andere Wahl haben. Hunderttausende Rohingya sitzen noch in Myanmar fest. Sie leben dort in Angst und sind abgeschnitten von humanitärer Hilfe.

Bangladesch hat innerhalb der vergangenen zwei Monate mehr als eine halbe Million Menschen aufgenommen, was nicht nur eine enorme Leistung, sondern auch ein Akt der Menschlichkeit ist. Doch das Land steht damit vor einer nicht zu bewältigenden Aufgabe. Keine Nation der Welt könnte diese Notlage alleine stemmen. Wir appellieren an die bangladeschische Regierung, die Grenze zu Myanmar weiterhin für Flüchtende offen zu halten, und an die internationale Gemeinschaft, diese mutige Geste zu unterstützen. Wir sehen die Geberländer in der Pflicht, eine drohende humanitäre Katastrophe zu verhindern. Die Grundversorgung der vor Gewalt, sexuellem Missbrauch und Folter aus ihrer Heimat geflohenen Menschen muss sichergestellt werden. Mehr Organisationen müssen vor Ort sanitäre Einrichtungen, Wasserpumpen, ausreichend Nahrungsmittel und medizinische Versorgung bereitstellen. Dies geht jedoch nur, wenn die bangladeschische Regierung einer ausreichenden Zahl an Hilfsorganisationen den Zugang und die notwendige Unterstützung gewährt.

Die heutige Geberkonferenz muss ein Weckruf sein. Sie ist unsere Chance, die Rohingya vor einer weiteren humanitären Katastrophe zu bewahren und menschenwürdige Bedingungen für die geflüchteten Menschen zu schaffen.“

Auf unserer Seite Voices from the Violence geben wir unseren aus Myanmar vertriebenen Patientinnen und Patienten eine Stimme. Ihre Berichte sind erschütternd und legen Zeugnis ab über die Gewalt, die sie erlebt haben oder deren Zeugen sie wurden. Viele von ihnen haben mehrere enge Angehörige verloren und mussten miterleben, wie Familienmitglieder umgebracht wurden.