Bangladesch

„Die Menschen verlieren ihre Würde“ - Geflohene Rohingya in Bangladesch

Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen ermittelt den Hilfsbedarf einer neu angekommenen Rohingya-Familie im Lager Kutupalong. Dort leben viele der mehr als 500.000 Rohingya, die seit 25. August von Maynmar nach Bangladesch geflohen sind, unter besorgniserregenden Bedingungen.

Nach einer Welle gezielter Gewalt gegen Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya im Staat Rakhine in Myanmar, sind seit dem 25. August 2017 mehr als eine halbe Million Menschen nach Bangladesch geflohen. Der jüngste Zustrom an Vertriebenen kommt zu den hunderttausenden Rohingya hinzu, die in den vergangenen Jahren vor Gewalt über die Grenze geflohen sind. Kate White, unsere medizinische Notfallkoordinatorin in Bangladesch, berichtet von der prekären Lage.

Die Menschen fliehen schon seit langer Zeit nach Bangladesch. Die letzte größere Fluchtbewegung fand im Oktober letzten Jahres statt. Das war aber nur ein Bruchteil dessen, was wir jetzt erleben. Wir dachten schon damals, dass wir ausgelastet sind. Doch nun haben wir im Regelfall etwa 115 Patienten und Patientinnen in einer Einrichtung mit 70 Betten. Im Moment sind Hunderttausende Menschen auf einer schmalen Halbinsel zusammengepfercht und versuchen, dort Zuflucht zu finden. Im Grunde ist es ein riesiger ländlicher Slum - und zwar einer der schlimmsten, die man sich vorstellen kann.

„Die Menschen verlieren ihre Würde, weil sie alles in der Öffentlichkeit machen müssen“

Es gibt kaum Latrinen. Daher haben die Menschen nur Plastikplanen um vier Bambusstangen gewickelt. Aber es gibt keinen Ort, an dem sie ihre Exkremente entsorgen können, außer im nahegelegenen Fluss. Es ist derselbe Fluss, in dem andere  – nur zehn Meter entfernt – ihr Trinkwasser holen. Diese äußerst prekäre Lage könnte zu einem Gesundheitsnotstand führen. Die Menschen wissen zwar, was sie tun sollten, aber sie haben keine Mittel dafür. Sie können sich nicht die Hände waschen, weil es kein sauberes Wasser gibt. Genauso wenig können sie an einem angemessenen Ort auf die Toilette gehen, weil es keine sanitären Einrichtungen gibt. Hinzu kommt, dass die Menschen ihre Würde verlieren, weil sie alles in der Öffentlichkeit machen müssen.

Manche Menschen haben Kleidungsstücke aneinandergereiht und aufgehängt, um sich vor den Witterungsbedingungen zu schützen. Aber nach zwei Tagen mit starken Regenfällen und tropischen Gewittern wurden die Behausungen und wenigen Habseligkeiten komplett weggespült. Die Situation ist entsetzlich. Ich kann nur erahnen, wie unglaublich schrecklich es in ihren Heimatdörfern gewesen sein musste, wenn sich die Geflüchteten für das Leben hier entschieden haben. Wenn das die bessere Option ist, muss die andere eine Hölle auf Erden sein.

„Sie sind so traumatisiert, dass sie nicht sprechen können“

Ich habe dramatische Geschichten von Frauen gehört, die ihre Ehemänner verloren haben, als sie versuchten hierher zu kommen. Sie liefen tagelang mit ihren kleinen Kindern auf überfüllten Straßen, auf denen Autos aus beiden Richtungen kamen. Einige Kinder wurden von Autos erfasst und getötet. Und so ist innerhalb eines Augenblicks die Hoffnung auf eine sichere Zukunft dahin, die sie für ihre Familien hatten.

Im Moment haben wir ein Baby auf unserer Station, das so stark dehydriert und unterernährt ist, dass wir nicht sicher sind, wie alt es ist. Es wurde von einer Frau zu uns gebracht, die es zurückgelassen an einem Grenzübergang gefunden hat. Dieses Kind hat unseres Wissens keine Familie. Es wird zwar medizinisch versorgt und sein Gesundheitszustand verbessert sich täglich, aber wie geht es in der Zukunft mit ihm weiter?

Ich habe auch wirklich schreckliche Fälle von Menschen gehört, die während der Flucht Gewalt erfahren haben. Einige Vorfälle sind so extrem, dass die Betroffenen jetzt gravierende psychische Probleme haben. Ich rede von Patienten und Patientinnen, die nicht sprechen können. Sie sind so traumatisiert, dass sie nicht mit der Außenwelt kommunizieren können. Und es handelt sich dabei um junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben. 

„Die Patienten und Patientinnen wollen nicht gehen“

Die zwei häufigsten medizinischen Erkrankungen im Moment sind Durchfallerkrankungen verschiedenster Art und - damit verbunden - schwere Dehydration. Das steht in einem deutlichen Zusammenhang mit den Hygiene-, Wasser- und sanitären Bedingungen. Wir behandeln zudem mehr als 100 Patienten und Patientinnen am Tag, die eine Wundversorgung benötigen. Das kommt nicht nur durch die Gewalt. Die Menschen verletzen sich in dieser prekären Umgebung und aufgrund der mangelnden Hygiene infizieren sich ihre Wunden.

Die meisten Patienten und Patientinnen wollen nicht gehen, wenn sie entlassen werden. Das überfüllte Krankenhaus bietet viel bessere Lebensbedingungen als das, was sie draußen vorfinden. Als Medizinerin ist es sehr schwierig, schutzbedürftige Patienten und Patientinnen wegzuschicken.

„Wir müssen schnell handeln“

Wir müssen daran arbeiten, eine grundlegende Versorgung zu gewährleisten – gemeinsam mit allen anderen Akteuren vor Ort. Andernfalls werden wir einen Gesundheitsnotstand nicht verhindern können. Es ist dringend mehr Koordination notwendig. Wir müssen sicherstellen, dass die Verteilung von Hilfsmitteln ordnungsgemäß und sicher durchgeführt wird.

Um eine weitgehende Abdeckung zu erreichen, müssen wir schnell handeln. Während dieser Notstandsphase müssen 8.000 Latrinen gebaut werden, nur um eine einigermaßen angemessene sanitäre Versorgung zu erreichen. Je länger wir das herauszögern, desto höher ist das Risiko, dass durch Wasser übertragbare Krankheiten ausbrechen. Wir müssen zwei Millionen Liter Wasser pro Tag liefern, nur um pro Person und Tag in einem Lager fünf Liter Wasser zur Verfügung zu stellen. Wir benötigen große Mengen an Nahrungsmitteln und Hilfsgütern, um die weit verbreitete Mangelernährung zu bekämpfen. Und wir müssen unser Personal um erfahrene Experten vor Ort aufstocken, die schnell handeln können.

Der Bedarf für Hilfe ist groß und darüber hinaus gibt es enorme logistische Herausforderungen, weil es keinen Zugang zu Straßen gibt. Das bedeutet, dass alles zu Fuß transportiert werden muss. Man trägt alles, was man kann, auf dem Rücken, auf schmalen Wegen und hügeligem Gelände, auf rutschige und schlammige Hügel hinauf und hinunter, um ans Ziel zu gelangen. Das ist äußerst schwierig.

Die Optimistin in mir denkt, dass es zumindest menschlich möglich ist, die aktuelle Lage mit ein paar einfachen Mitteln in den Griff zu bekommen. Die vertriebenen Rohingya, die sich im letzten Monat in diesen Gebieten niedergelassen haben, werden wahrscheinlich nie das Gefühl von Geborgenheit haben, das Sie und ich kennen, und vielleicht haben sie nie ein festes Dach über dem Kopf. Jedoch ist es für uns möglich, die Situation besser und sicherer zu machen als sie jetzt ist.

Ärzte ohne Grenzen war 1985 das erste Mal in Bangladesch im Einsatz. In der Nähe der provisorischen Siedlung Kutupalong im Bezirk Cox Bazar betreibt Ärzte ohne Grenzen eine medizinische Einrichtung und eine Klinik, die geflüchtete Rohingya und der lokalen Bevölkerung eine umfassende Grund- und Notfallversorgung sowie stationäre Behandlung und Labordienstleistungen bietet. Als Reaktion auf die wachsende Anzahl an Geflüchteten hat Ärzte ohne Grenzen die Wasser-, Sanitär- und die medizinischen Aktivitäten erhöht.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet auch im Slum Kamrangirchar in der Hauptstadt Dhaka und bietet dort psychologische Hilfe, Familienplanung und Schwangerschaftsberatung sowie ein betriebliches Gesundheitsprogramm für Fabrikarbeiter und Fabrikarbeiterinnen an.