Bangladesch

„Wir sollten keine Fälle von Diphtherie mehr sehen“

Die zehnjährige Jamila zeigte Diphtherie-Symptome und wird in unserer Klinik in Uchiparang, einem der provisorischen Camps der geflüchteten Rohingya in Bangladesch, untersucht.

Die britische Ärztin Rosie Burton war im Rahmen unserer Hilfe für die aus Myanmar geflohene Bevölkerungsgruppe der Rohingya in Bangladesch und hat dort Diphtherie-Patienten behandelt. Das ist keine leichte Aufgabe, da für diese Kinderkrankheit ein modernes Gegenmittel fehlt. Da Diphtherie-Ausbrüche weltweit sehr selten sind, wird das Gegenmittel immer noch aus Pferdeblut hergestellt. Diese antiquierte Herstellungsweise kann zu Komplikationen in der Behandlung führen.

„Heutzutage sollten wir keine Fälle von Diphtherie mehr sehen. Denn gegen diese hochgradig tödliche Kinderkrankheit existiert eine wirksame Impfung, die normalerweise Teil der Basis-Schutzimpfungen ist. Wenn Diphtherie auftritt, weist das darauf hin, dass die Impfprogramme zusammengebrochen sind. In Myanmar haben die Rohingya nur sehr eingeschränkten Zugang zu medizinischer Grundversorgung. In den vergangenen Monaten sind mehr als 688.000 Menschen aus Myanmar geflohen und leben jetzt in riesigen überfüllten Lagern mit unzureichendem Zugang zu Unterkünften, Wasser, Nahrung und medizinischer Versorgung – Bedingungen also, die den Ausbruch von Infektionskrankheiten begünstigen.

Diphtherie produziert ein Gift, das sich im Körper ausbreitet

Die meisten Patienten mit Diphtherie haben Fieber, Halsschmerzen und Schluckbeschwerden. Für manche Menschen kann das sehr ernst werden. Sie haben Schwierigkeiten beim Atmen und ihre Mandeln können sich entzünden. Diphtherie kann eine Schwellung des Halses verursachen, die die Atemwege einengen oder sogar blockieren kann. Dies passiert oft bei Kindern und kann dazu führen, dass sie ersticken.

Was Diphtherie zu so einer gefährlichen Infektion macht, ist, dass sie ein Gift produziert, das sich im Körper ausbreiten kann. Das kann zu schweren Komplikationen führen, die bis zum Herzstillstand reichen. Ein Teil der Behandlung besteht also darin, den Patienten ein Gegengift zu verabreichen. Doch auch hier können Komplikationen auftreten, denn das Gegengift wird aus Pferdeblut hergestellt. Da Ausbrüche von Diphtherie so selten sind, gibt es keine wirtschaftlichen Anreize für Pharmaunternehmen, eine moderne Variante aus dem Labor zu entwickeln. Also muss das Gegengift immer noch auf diese antiquierte Art hergestellt werden.

Auch das Gegengift kann zu Komplikationen führen

Produkte aus Pferdeblut enthalten jedoch eine hohe Rate an Allergenen, die bei Menschen zum Kollaps oder zu allergischer Schocks führen können. Daher benötigen Patienten Zugang zu einer Notfallbehandlung, wenn sie verabreicht werden. In Südafrika, wo ich lebe, würden wir diese Behandlung auf einer Intensivstation vornehmen – hier müssen wir es mit einer improvisierten Klinik schaffen.

Es ist unbeschreiblich zu beobachten, wie sich unsere Patienten, besonders Kinder, erholen, wenn sie das Gegengift bekommen – selbst wenn sie Stunden zuvor vollkommen lethargisch waren. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie sich Kinder erholt haben und nach Hause gehen konnten – oder an den Ort, den sie jetzt als Zuhause kennen.

Wenn unsere Patienten die Einrichtung verlassen, bedeutet das immer auch, dass sie zurück in ein überfülltes Flüchtlingslager gehen, in dem es Wasser- und Abwasserprobleme gibt. Wir haben sie von der Diphtherie geheilt, aber wir müssen sie zurück an einen Ort schicken, wo sie vielleicht bald weiteren Krankheitsausbrüchen ausgesetzt sind. Es hat bereits einen Masernausbruch gegeben, was kommt als nächstes?“

Ärzte ohne Grenzen hat seit dem Beginn der Massenflucht der Rohingya aus Myanmar Ende August 2017 die Nothilfe massiv ausgeweitet. Mittlerweile betreiben mehr als 2.000 Mitarbeiter fünf Kliniken, drei Gesundheitszentren und 15 Gesundheitsposten in den Lagern, haben 218 Brunnen gebohrt und mehr als 1.500 Latrinen gebaut. Insgesamt haben unsere Teams seit August mehr als 200.000 Patienten behandelt, fast 5.000 wurden stationär aufgenommen. Bis zum 22. Januar haben wir 4.371 Diphterie-Kranke sowie 3.539 Maserpatienten versorgt, meist Kinder unter 15 Jahren.