Bangladesch

"Keines dieser Kinder sollte hier sein"

Mit großen Augen schaut Atiullah auf die Spritze. Wie er sind mehr als 80 Prozent unserer Masernpatient*innen in den Rohingya Flüchtlingscamps jünger als fünf Jahre.

In den ersten vier Wochen des Jahres verzeichneten wir in unseren Einrichtungen in den Flüchtlingslagern der Rohingya in Bangladesch einen Anstieg von Masernfällen um 40 Prozent. Allein im Januar haben wir rund 120 Patient*innen in unsere Isolierstationen aufgenommen, mehr als 900 Menschen behandelten wir ambulant. Der hochansteckende Virus ist besonders für Kinder unter Fünf gefährlich. Masern können Atembeschwerden auslösen, schwere Lungenentzündungen, Enzephalitis und sogar zum Tod führen. Dabei ist eine Ansteckung durch eine Routineimpfung vermeidbar.

Auf der Isolierstation unserer Gesundheitseinrichtung in Jamtoli, im Flüchtlingslager Kututpalong wachen Romida und ihr Mann Abu Sufian über ihren zehn Monate alten Sohn Forkan. Befinden sie sich auf einer Intensivstation für stark mangelernährte Kinder. Vor vier Wochen mussten die Teams sie allerdings in eine Notfall-Isolierstation umwandeln, um die wachsende Zahl kritischer Masernfälle zu bewältigen, die eine stationäre Intensivpflege benötigen. 

Eigentlich eine vermeidbare Krankheit

Forkans Gesicht ist mit einem Rötelnausschlag bedeckt, seine Augen sind geschwollen und verklebt. Kraftlos windet sich der Junge auf dem Schoß seiner Mutter, die ihn sanft schaukelt. Die Gesichter der Eltern sind von Sorge gezeichnet. Als Forkan erkrankte, hatte Romida so viel Angst um ihn, dass sie aufhörte zu essen. Auch Forkan, der an hohem Fieber, Durchfall und Atembeschwerden litt, weigerte sich zu trinken. Masern können orale Infektionen verursachen, die die Nahrungsaufnahme extrem schmerzhaft machen. 

„Seit November nehmen die kritischen Masern-Fälle immer mehr zu“, sagt Mohammad Younus Ali, einer unserer Pfleger im Krankenhaus von Kutupalong. „Jetzt sind es viel zu viele.“ Über 80 Prozent unserer Masernpatient*innen sind jünger als fünf Jahre. Dreizehn sind seit Beginn des Ausbruchs in unseren Kliniken an dem Virus gestorben. Dabei sind Masern eine vermeidbare Krankheit, eine einfache und sichere Impfung schützt davor. 

Doch Romidas Familie gehört zu den Rohingya. Bevor Hunderttausende nach Bangladesch geflohen sind, haben die Rohingya unter jahrzehntelanger Verfolgung in Myanmar gelitten. Zum Gesundheitswesen hatten sie kaum Zugang. Deshalb haben die meisten von ihnen nie eine solche Routineimpfung erhalten. 

„Es ist wie Ersticken“

Auch in anderen medizinischen Einrichtungen behandeln wir Kinder, die sich mit Masern infiziert haben, wie in unserem Feldkrankenhaus in Kutupalong ein paar Kilometer nördlich von Jamtoli. Mohammad Younus Ali, einer unserer Pfleger im Krankenhaus erzählt von Nurata, die Hilfe für ihre neun Monate alte Tochter Nur Salima suchte. Das Mädchen bekam Fieber und war kaum bei Bewusstsein, als sie in die Notaufnahme kam. „Ich habe Nurata, die Mutter, am Tag der Aufnahme gesehen, man sah große Angst in ihrem Gesicht.“ 

Die Ärzte gaben ihrer Tochter Sauerstoff, um ihr beim Atmen zu helfen, und Antibiotika zur Bekämpfung von Sekundärinfektionen. Schwere Atemwegsinfektionen und Atembeschwerden kommen bei kritischen Masern-Fällen oft vor „Es ist wie Ersticken“, beschreibt Nowshad Alam Kanan, Arzt in Kutupalong, die Auswirkungen. 

Nach fünf Tagen auf der Isolierstation erholte sich Nur Salima und sie war stark genug, um entlassen zu werden. Krankenpfleger Younus ist zufrieden: Das Gefühl, einer Patientin beim Überleben zuzusehen sei „unbeschreiblich“. Romida und Abu Sufians Sohn Forkan hingegen kämpft noch. Weil er nicht trinken kann, wurde er zur Intensivpflege in unser Krankenhaus in Goyalmara verlegt. Unser Team wird alles tun, um sein Leben zu retten.