Südsudan

"Wir müssen diese Menschen weiter unterstützen"

Im Vertriebenenlager in Juba: Ein junges Mädchen wird behandelt, das einen Elektroschock erlitten hat.

Paul McMaster, Chirurg und Präsident von Ärzte ohne Grenzen in Großbritannien, ist soeben von einem Einsatz im Südsudan zurückgekehrt. Sein Bericht erschien auf der Website der Zeitung "The Guardian":

"Ich wurde am Wochenende vor Weihnachten von Ärzte ohne Grenzen angerufen. Einige Tage vorher waren im Südsudan Kämpfe ausgebrochen, weshalb ich  gefragt wurde, ob ich mit einem Team dorthin könnte, um zusätzliche chirurgische Unterstützung in den Regionen zu leisten, in denen heftig gekämpft wurde. Wir flogen bereits am nächsten Tag.


Paul McMaster
(© Foto:Chris de Bode/Panos Pictures)

Wir sind zunächst nach Bentiu geflogen, der Haupstadt des Bundestaats Unity. In der Stadt waren am Vortag Kämpfe ausgebrochen; die Marktplätze waren zerstört und geplündert und die Ärzte vor Ort hatten das lokale Krankhaus verlassen. Wir fanden eine Krankenstation mit etwa 45 Schwerverletzten vor und begannen gleich, sie medizinisch zu versorgen. Ich operierte bereits am selben Abend. Allerdings verschlechterte sich die Situation zunehmend und es gab Gerüchte über einen bevorstehenden Angriff auf die Stadt. Wir wurden am nächsten Morgen evakuiert.

Eine Ahnung, dass die Lage sich verschlechtern würde

Die Stadt war sehr angespannt, als wir sie verließen. Viele Männer liefen mit Waffen herum. Kleine Gruppen von Menschen mit Bündeln von Habseligkeiten verließen die Stadt über die Hauptbrücke. Es herrschte ein Gefühl der Ahnung, dass die Lage sich verschlechtern würde. Wenig später haben Regierungskräfte Bentiu übernommen. Bis dahin waren die Einwohner in umliegende Dörfer oder die Umgebung verschwunden. Ein anderes Team von Ärzte ohne Grenzen ist fünf Tage später zurückgekehrt, wurde aber wegen der unsicheren Lage wieder abgezogen. Unser Gelände war geplündert und zerstört worden, die Situation blieb sehr angespannt.

Von Bentiu flogen wir nach Nasir weiter im Osten. In dieser Region hatte es die ganze Woche bereits Gewalt und Kämpfe gegeben, und das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen war überfüllt mit Opfern und Verwundeten. Wir arbeiteten 36 Stunden lang mit dem lokalen Team von Ärzte ohne Grenzen, wobei deren Chirurg und ich viele komplizierte Fälle behandeln mussten. Danach wurden wir ins nahe gelegene Lankien geschickt, wo immer mehr Opfer der stetigen Gewalt in die Klinik eingeliefert wurden.

Lankien ist ein kleines, abgelegenes Dorf aus Lehmhütten. Als wir dort ankamen, war es übervoll. Die Einwohnerzahl von 7.000 Menschen hatte sich fast verdoppelt, wegen all der Flüchtlinge, die dort Schutz suchten. Das Krankenhaus war voller verletzter und verängstigter Menschen.

Mehr als 100 Verletzte operiert

Dieses Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen konzentrierte sich bisher hauptsächlich auf die Behandlung von  Infektionskrankheiten, also bauten wir als erstes eine Intensivstation und einen Operationsraum in einem Zelt auf. In den darauf folgenden drei oder vier Wochen behandelten wir etwa 130 bis 140 Menschen mit Schussverletzungen.

Ein Großteil bestand aus jungen Männern von etwa 16 bis 17 Jahren, manche noch jünger, die in den schweren Kämpfen in der nördlich gelegenen Stadt Malakal oder in Bor im Süden verletzt worden waren. Sie wurden aber erst zwei bis drei Tage, nachdem sie verwundet wurden, zu uns gebracht. Viele hatten Schussverletzungen oder Knochenbrüche erlitten, die alle mit Staub verschmutzt waren. Oft hatten sich die Wunden entzündet. Es beanspruchte viel Arbeit, um zu verhindern, dass sich durch diese Wunden Blutvergiftungen oder Sepsis entwickelten.

Einem 11-jährigen Jungen in die Wirbelsäule geschossen

Während der Kämpfe wurden auch eine erhebliche Anzahl an Zivilisten verletzt, darunter auch Kinder. Einem elfjährigen Jungen war in die Wirbelsäule geschossen worden - er war von Hüfte ab gelähmt. Ich habe ihn zweimal operiert und habe zwar alle Projektile entfernen können, allerdings bezweifele ich, dass er jemals wieder laufen können wird.

Einmal sollte ich mir spät abends ein etwa zwölfjähriges Mädchen anschauen, das an Krämpfen und anderen medizinischen Problemen litt. Wir haben hart gearbeitet und ich war begeistert, als es ihr schon am nächsten Morgen erheblich besser ging und die Aussicht bestand, dass sie sich womöglich vollständig erholen würde. Ich war aber entsetzt, dass sich ausschließlich ihr neun Jahre alter Bruder um sie kümmerte. Ihr Vater war in Malakal geblieben, und ich weiß nicht, was mit ihrer Mutter geschehen war. Ich frage mich, wie es mit diesem jungen Mädchen weitergehen wird.

Das Krankenhaus selbst stand unter enormem Druck. Viele der Eingelieferten waren gewöhnliche Menschen, die von Bor oder Malakal aus drei Tage unterwegs gewesen waren, wobei sie tagsüber bei Temperaturen von bis zu 40 Grad laufen mussten. Sie hatten keine Nahrung und nur wenig Wasser, und viele sind vor Erschöpfung kollabiert. Die Anzahl an Patienten in unserer ambulanten Station verdreifachte sich in unseren überforderten Kliniken.

Ernährungszentren schnell mit Kindern überfüllt

Die Vertriebenen besaßen kaum noch etwas. Sie wollten oft schnell weiterlaufen, nachdem sie sich ausgeruht hatten. Viele hatten nichts außer den Kleidern, die sie trugen, und schliefen unter freiem Himmel. Den Menschen benötigten dringend Wasser und Nahrungsmittel. Nur vier der zwölf lokalen Wasserpumpen funktionierten, und unsere Ernährungszentren waren schnell mit mangelernährten Kindern überfüllt.

Es ist dringend erforderlich, dass wir unsere überlebenswichtige medizinische und chirurgische Versorgung im Südsudan aufrecht erhalten - und dass es weiterhin möglich sein wird, dass unsere Teams vor Ort sicher arbeiten und den Verwundeten und Vertriebenen helfen können.

Der Südsudan ist der jüngste Staat der Welt - nicht einmal drei Jahre alt, und schon bricht er auseinander. Auch nach meiner Rückkehr denke ich oft an die Menschen im Südsudan in der Stunde ihrer Not. Wir müssen sie weiterhin unterstützen."

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1983 in der Region, die seit Staatsgründung den Südsudan aumacht und betreibt zurzeit Hilfsprogramme in neun der zehn Bundesstaaten des Landes. In den Hilfsprogrammen der Organisation im Südsudan sind derzeit 278 internationale und 2.980 südsudanesische Mitarbeiter beschäftigt.