Irak

„Wir konnten die Qualität der Pflege verbessern, das Risiko von Infektionen reduzieren und das Leiden der Patienten mindern“ Ärzte ohne Grenzen leistet chirurgische Hilfe in Basra - Interview

Ein internationales Team im Krankenhaus von Basra: die chirurgische Abteilung ist wieder funktionsfähig.

Obwohl der andauernde Konflikt es humanitären Organisationen sehr schwer macht, vor Ort tätig zu sein, bietet Ärzte ohne Grenzen der irakischen Bevölkerung medizinische Unterstützung an. Die Organisation hat seit 2006 in den Städten Anbar, Tameen, Ninewa, Sulemaniya, Baghdad und Basra Projekte, außerdem werden irakische Kriegesverletzte in Jordanien betreut. Khalil Sayyad ist kürzlich von seinem Einsatz in Basra zurückgekommen, wo er für neun Monate als Projektkoordinator gearbeitet hat. Nachdem die Organisation das Land aufgrund der instabilen Lage im Jahr 2004 verlassen musste, war das Team von Khalil Sayyad das erste internationale Team von Ärzte ohne Grenzen, das wieder im Land arbeitete.

Was konnte Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2008 in Basra bewirken?

Nachdem die irakischen Regierungstruppen im März 2008 einen Angriff auf die bewaffnete Miliz in Basra gestartet haben, belieferten wir das Krankenhaus in Basra mit medizinischem Material. In den folgenden Monaten hat sich die Sicherheitslage verbessert, und wir konnten nicht nur internationale Mitarbeiter ins Land holen sondern auch die Gegend erkunden. Ausländer kehrten nach Basra zurück, und das war für die Bevölkerung ein Zeichen, dass sich die Sicherheitslage stabilisiert hat. Außerdem gab es Hoffnung, dass die medizinische Versorgung nun wieder gewährleistet ist.

Was haben die Erkundungen ergeben?

Unsere Lagebeurteilung hat sich hauptsächlich auf das Krankenhaus beschränkt, da sich die Sicherheitslage zwar beruhigt hat, aber noch immer unbeständig war. Wir haben dort qualifizierte Mediziner vorgefunden, die ihr medizinisches Wissen aber auffrischen mussten. Der Operationssaal (OP) hat nicht einmal minimalen Standards entsprochen, es gab keine Anästhesie und die hygienische Situation war mehr als mangelhaft.

Was für ein Projekt hat Ärzte ohne Grenzen dann begonnen?

Wir haben uns entschieden, die Arbeit in der chirurgischen Abteilung zu verbessern, um für die Patienten eine angemessene Pflege vor, während und nach der Operation zu gewährleisten. Wir glaubten, dort von großem Nutzen zu sein und gleichzeitig in einer relativ sicheren Umgebung arbeiten zu können. Außerdem war es für uns eine Möglichkeit, vor Ort aktive Hilfe zu leisten und für Notfälle bereit zu sein.

Hatten Sie im Operationssaal den erwarteten Erfolg?

Es hat sich in den neun Monaten viel verändert. Wir haben die Protokolle zur Durchführung von Operationen überarbeitet und konnten allgemeine Vorkehrungen wie den Gebrauch einer Spritze pro Patient durchsetzen. Wir haben einen Erholungsraum eingerichtet, Material gekauft und das Abwassersystem im OP repariert. Wir konnten die Qualität der Pflege verbessern, das Risiko von Infektionen nach Operationen reduzieren und damit das Leiden der Patienten mindern. Die Chirurgen, der Krankenhausdirektor und auch der Direktor des Gesundheitswesens in Basra haben das zur Kenntnis genommen. Unsere Arbeit wird von unseren Kollegen geschätzt und hat uns damit die Türen für eine größere Präsenz in Basra geöffnet.

Was sind die nächsten Schritte in Basra?

Nothilfe. Die meisten Notfälle in Basra werden in das allgemeine Krankenhaus überwiesen. Es gibt dort aber viele Mängel. Wir planen, in wenigen Wochen die Arbeit in der Nothilfeabteilung aufzunehmen. Wir können die Mitarbeiterführung verbessern und die Pflege in den allerersten Stunden sichern. Effizientere Abläufe verbessern die Möglichkeiten, das Leben von Menschen mit schweren Verletzungen zu retten.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt in der Region Anbar und in Bagdad acht Krankenhäuser. Dort werden medizinische Mitarbeiter ausgebildet, psychologische Beratungen angeboten und medizinisches Material bereitgestellt. In den nördlichen Regierungsbezirken von Tameen und Ninewa unterstützt die Organisation fünf Krankenhäuser durch die Ausbildung von medizinischem Personal, aber auch durch Nothilfeeinsätze und Aufklärungskampagnen. Ärzte ohne Grenzen bietet den Menschen, die in den Regierungsbezirk von Dohuk vertrieben wurden, psychologische Unterstützung an. In Sulemaniya im Norden des Landes unterstützt die Organisation ein Krankenhaus, dass sich auf Verbrennungen spezialisiert hat. Ärzte ohne Grenzen hat darüber hinaus in Jordanien ein Projekt gestartet. Die Mitarbeiter machen in Amman seit 2006 plastische Chirurgie für Kriegsverletzte aus Irak. Mehr als 600 Patienten erhielten dort bislang Hilfe.