Zu viele Kinder warten noch immer auf Behandlung

Welt-Aids-Tag 2008

Trotz einiger Fortschritte gibt es noch Defizite bei der Behandlung von HIV bei Kindern. Mehr Forschung und Behandlungsmöglichkeiten sind weiterhin notwendig.

Schätzungsweise 2,1 Millionen Kinder leben mit HIV/Aids (1), 90 Prozent davon in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara. Nur 10 Prozent erhalten irgendeine Form von Behandlung gegen die Krankheit (2).

Die große Mehrheit der infizierten Kinder steckt sich durch Übertragung des Virus von der Mutter während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder während der Stillzeit an. Es ist deshalb wichtig, darauf hinzuwirken, dass die Mutter-Kind-Übertragung verhindert wird - was in den Industrieländern bereits fast vollständig gelungen ist.

Präventionsprogramme sind wichtig, doch es darf auch nicht vergessen werden, dass mehr als zwei Millionen Kinder momentan mit HIV/Aids leben und die meisten davon Behandlung benötigen. Ohne Behandlung werden in Sub-Sahara-Afrika ein Drittel der Kinder mit HIV vor ihrem ersten Geburtstag und jedes zweite der Kinder bis zu seinem zweiten Geburtstag sterben.

Mangelnde Alltagstauglichkeit

Viele der ohnehin nur in begrenzter Zahl zur Verfügung stehenden antiretroviralen Medikamente für Kinder sind schlecht an die Bedingungen angepasst, unter denen die Mehrzahl der Kinder mit HIV lebt. Manche werden als Sirup verabreicht, was logistische Probleme mit sich bringt, denn die Flaschen sind schwer oder erfordern Kühlung. Andere werden als Pulver verabreicht und müssen mit sauberem Wasser gemischt werden. Das erschwert die Anwendung in abgelegenen Gegenden. Andere Mittel wiederum haben einen unangenehmen Geschmack, und die Kinder wehren sich gegen die Einnahme. In Zukunft muss bei der Produktion von kindgerechten Arzneimitteln mehr daran gedacht werden, wo diese eingenommen werden sollen - und von wem.

Kaum Fortschritte bei der Behandlung

Trotz einiger Fortschritte besteht heute noch eine große Kluft zwischen der Vielzahl der Behandlungsmöglichkeiten für Erwachsene und solchen für Kinder. Von den 22 von der US-amerikanischen Lebens- und Arzneimittelaufsichtsbehörde für Erwachsene zugelassenen Medikamenten haben acht keine Zulassung für die Behandlung von Kindern, und neun sind nicht in für Kinder geeigneter Zusammensetzung erhältlich.

Pharma-Unternehmen waren bisher sehr langsam bei der Entwicklung von Medikamenten mit kinderspezifischer Zusammensetzung. Das erste kindgerechte Medikament mit fester Wirkstoffkombination (Fixed Dose Combination, FDC - eine Tablette, die mehrere Wirkstoffe in sich vereint), das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) genehmigt wurde, war sechs Jahre später erhältlich als das entsprechende Kombinationspräparat für Erwachsene. Derzeit ist es das einzige für Kinder geeignete und von der WHO zertifizierte HIV-Kombinationspräparat - gegenüber 42 solcher Kombinationspräparate für Erwachsene.

Auch für Kinder könnten viel mehr Medikamente zur Verfügung stehen, doch es dauert lange, bis die Mittel für den Einsatz bei Kindern ausreichend getestet sind. Dieser quälend langsame Prozess muss beschleunigt werden, denn im Moment gibt es einfach nicht genug Behandlungsmöglichkeiten für Kinder. Wird ein Kind resistent gegen eine Kategorie antiretroviraler Wirkstoffe, gibt es kaum alternative Arzneimittel; für Erwachsene ist dies sehr wohl der Fall.

Darüber hinaus wird dringend eine Behandlung für Kinder benötigt, die zusätzlich mit Tuberkulose (TB) infiziert sind - der häufigsten opportunistischen Infektion bei HIV. Für Efavirenz zum Beispiel, einem seit 1998 in den USA registrierten antiretroviralen Mittel, liegen immer noch keine Daten bezüglich seiner Sicherheit und Wirksamkeit bei Kindern unter drei Jahre vor. Efavirenz ist bei der Behandlung von Kindern mit HIV-TB-Koinfektion besonders wichtig, weil es keine Wechselwirkungen mit Tuberkulosemitteln zeigt. Solange das Medikament jedoch an Kindern nicht ausreichend getestet ist, haben Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen nicht die Möglichkeit, es einzusetzen.

Mehr Kinder auf HIV testen

Der Nachweis einer HIV-Infektion bei einem Kind ist entscheidend. Ist sie erfolgt, muss so schnell wie möglich mit der antiretroviralen Therapie begonnen werden. Es ist allerdings momentan sehr schwierig, HI-Viren bei Kindern unter 18 Monaten nachzuweisen, denn die Antikörper der Mutter sind während der ersten 18 Lebensmonate noch im Blut des Kindes vorhanden. Die einzige Methode, bei Kindern unter 18 Monaten HIV nachzuweisen, ist der Einsatz eines Polymerase-Kettenreaktion-Geräts (PCR-Gerät), eines komplizierten Diagnose-Instruments, das mit DNS-Proben arbeitet.

PCR-Geräte sind teuer, erfordern geschultes Personal und eine hochmoderne Laborinfrastruktur - alles Faktoren, die ihren Einsatz im Gesundheitssystem ärmerer Länder erschweren. Dazu kommt, dass diese Geräte oft nur in einem Zentrallabor stehen. Das bedeutet, dass Proben von Patienten aus ländlichen Gegenden an das Zentrallabor geschickt und die Ergebnisse von dort wieder zurückgeschickt werden müssen, was zwischen ein und drei Monate dauern kann. In dieser Zeit kann es passieren, dass der Kontakt zum Patienten verloren geht. Benötigt wird ein Test, der es erlaubt, dass die Mutter innerhalb eines Tages über den HIV-Status ihres Kindes Bescheid weiß. Solange es aber keine praktikablere Methode gibt, ist das PCR-Gerät die einzige Möglichkeit, Kinder unter 18 Monaten auf HIV zu untersuchen. Deshalb sollten Geldgeber und Programmverantwortliche alles dafür tun, dass der PCR-Test zur Verfügung steht und eingesetzt wird.

Kinder haben das Nachsehen

In wohlhabenden Ländern kann die Mutter-Kind-Übertragung von HIV erfolgreich verhindert werden, so dass es nur wenige HIV-infizierte Kinder gibt. HIV/Aids bei Kindern ist deshalb vor allem ein Problem ärmerer Länder - was dazu führt, dass Pharma-Unternehmen für die Entwicklung spezieller Diagnostika und Behandlungsmöglichkeiten für Kinder kaum finanzielle Anreize haben. Deshalb kommen pädiatrische Versionen antiretroviraler Medikamente viel später auf den Markt als Erwachsenenpräparate. Dazu kommt, dass die pädiatrischen Medikamente oft teurer sind als die für Erwachsene.

Ärzte ohne Grenzen behandelt seit Dezember 2000 Kinder mit antiretroviralen Medikamenten. In den letzten fünf Jahren hat die Organisation weltweit bei fast 10.000 Kindern unter 15 Jahren mit einer antiretroviralen Therapie begonnen; 4.000 davon sind unter fünf Jahre alt. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Kinder sehr gut auf die Behandlung ansprechen und dass sich ihr Zustand schnell bessern kann. Das größte kinderärztliche Programm von Ärzte ohne Grenzen in Bulawayo, Simbabwe, hat die Sterblichkeitsrate der rund 1.800 Kinder, die dort antiretrovirale Behandlung erhalten, sehr erfolgreich verringert (3).

Trotz dieser Erfolge gibt es einige praktische Probleme, die Diagnose und Behandlung bei Kindern schwieriger machen als bei Erwachsenen. Diese Probleme müssen angegangen werden.

Damit Kinder mit HIV nicht länger vernachlässigt werden, brauchen wir:

  • Mehr Diagnose: Mehr Aufwand und Geld müssen darauf verwendet werden, HIV bei Kindern unter 18 Monate zu diagnostizieren, sodass die Behandlung so früh wie möglich beginnen kann.
  • Mehr Behandlungschancen: Regierungen und andere Akteure müssen die Behandlung von Kindern mit HIV ausweiten.
  • Mehr Forschung: Neue Behandlungsmöglichkeiten für Kinder müssen schneller auf den Markt gebracht werden.
  • Mehr Alltagstauglichkeit: Bei der Entwicklung neuer HIV-Medikamente für Kinder müssen die Schwierigkeiten bei der Anwendung in abgelegenen Gebieten berücksichtigt werden.
(1) UNAIDS 2008, http://www.unAids.org/en/KnowledgeCentre/HIVData/GlobalReport/2008/2008_...

(2) WHO, Towards Universal Access, scaling up priority HIV/AIDS interventions in the health sector, Progress Report 2008, Seite 95.

(3) Mehr Informationen dazu bei: Parreño F, Nyathy M, Palma PP, Roddy P, Alonso E. Analysis of clinical and immunological outcomes of an HIV positive paediatric cohort treated at Mpilo Hospital in Bulawayo, Zimbabwe [Abstract]. IAC 2008, Mexiko-Stadt. LBPE1155.