Südsudan

Was wir brauchen, um Leben im Südsudan zu retten

Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen behandelt einen Patienten in Juba.

Arjan Hehenkamp, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in den Niederlanden

Vier Jahre lang habe ich im Südsudan gearbeitet, und als ich das Land vor zehn Jahren verlassen habe, war ich voller Hoffnung. Eine Waffenstillstandsvereinbarung war unterzeichnet und ein Friedensabkommen in Aussicht. Einige Jahre später wurde der Südsudan unabhängig und bekam die Chance, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Ich war nicht naiv, ich hatte nicht erwartet, dass das ohne Schwierigkeiten ablaufen würde, aber das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit der sich die Gewalt seit dem Ausbruch im Dezember ihren Weg gebahnt hat, haben mich schockiert. Was ich von Freunden aus dem Südsudan hören musste, war einfach zu viel. Daher bin ich vor zehn Tagen in das Land zurückgekehrt, nun als Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen, um mir selbst ein Bild von unseren Nothilfe-Projekten zu machen.

In den vergangenen zehn Tagen, während meiner Besuche in unseren Projektgebieten, habe  ich erschütternde Geschichten über die ständige Gewalt gehört. In Nimule, ganz im Süden des Landes, ist ein kleiner Junge mit Namen Deng auf mich zugekommen und hat mich gebeten, ihm zu helfen, nachdem er seine gesamte Familie in der Stadt Bor verloren hatte.

Hunderttausende auf der Flucht

Ich habe gesehen, was es bedeutet, wenn hunderttausende Menschen ihr Zuhause verlassen müssen, um sich mit nur wenig Nahrung und Trinkwasser und ohne Schutz und Zugang zu medizinischer Versorgung  auf lange Reisen begeben müssen. In unserer Klinik in Lankien traf ich Marion, die vor den Kämpfen in Bor geflüchtet ist, und - hochschwanger - den anstrengenden Weg in unsere Klinik auf sich genommen hatte. Sie erreichte uns gerade noch rechtzeitig, um eine gesunde Tochter auf die Welt zu bringen. Ich habe Menschen gesehen, die sich aus Angst nicht mehr aus den Camps wagen. Sie leben dort unter unmöglichen Bedingungen, und ihre Zukunft ist ungewiss.

In Lankien im östlichen Bundesstaat Jonglei sind die Krankenhäuser und Kliniken völlig überlastet. Die Anzahl unserer Patienten hat sich vervierfacht, und die örtliche Einwohnerzahl ist wegen der Flüchtlingsströme auf das Dreifache gestiegen. Es macht mich traurig, dass Ärzte ohne Grenzen lebensrettende Hilfe einstellen musste, weil die Gefahr durch Gewalt, Plünderungen und Zerstörung einfach zu groß geworden ist.

Humanitärer Notstand droht für Monate

Gewöhnliche Zivilisten sind ganz besonders von den Gewaltausbrüchen der letzten Wochen betroffen. Die Zerstörung von Krankenhäusern und Marktplätzen sowie der steigende Druck auf die ansässigen Gemeinden wegen der massenhaften Vertreibungen bringen mich zu folgender Schlussfolgerung: Der Südsudan ist in den nächsten Monaten mit einem humanitären Notstand konfrontiert, und die Bevölkerung wird jede Hilfe benötigen, die sie kriegen kann.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet bereits seit 30 Jahren in der Region des heutigen Südsudans. Unsere Nothilfe-Teams sind schon länger in Juba, Awerial, Lankien, Nasir und Nimule im Einsatz. Andere konnten vor kurzem nach Malakal und Bentiu zurückkehren. Weitere Teams bereiten sich darauf vor, nach Bor zu gehen.  Unsere Prioritäten werden sich nach den Bedürfnissen der Menschen richten, aber ich bin mir sicher, dass wir Aktivitäten in einem großen Umfang werden beibehalten müssen; von medizinischer und sanitärer Betreuung bis hin zur Ernährung und Trinkwasserversorgung.

Arbeit von Ärzte ohne Grenzen muss respektiert werden

Damit Ärzte ohne Grenzen Leben retten kann, sind drei Bedingungen entscheidend. Als erstes müssen die Mitarbeiter in der Lage sein, jedem zu helfen, der akute Hilfe benötigt, unabhängig davon, wer das Gebiet kontrolliert – die Regierung oder die Opposition. Zweitens – und das hängt eng damit zusammen - muss Ärzte ohne Grenzen ständig  im Dialog mit allen Konfliktparteien stehen, wobei alle unsere Aktivitäten und Absichten offengelegt werden, um  vertrauensvolle Beziehungen zu erhalten, mit denen wir gemeinsame Lösungen und Probleme in Angriff nehmen können. Zuletzt - und am allerwichtigsten - benötigen wir die Mithilfe aller Konfliktparteien vom obersten Befehlshaber bis hin zum einfachen Soldaten. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass sie unsere Patienten, die Hilfseinrichtungen und  unsere Teams respektieren, statt sie zu attackieren.

Ich habe Repräsentanten der Regierung in Juba und Nimule kennengelernt und lokale Autoritäten in den Gebieten, die von der Opposition kontrolliert werden, und ich muss sagen: Ich bin von deren Unterstützung unserer Arbeit beeindruckt. Mir ist allerdings auch klar, dass es schwer ist, die Lage vor Ort zu beeinflussen – was Teams von Ärzte ohne Grenzen schmerzhaft in Malakal, Bentiu und anderen Orten erfahren mussten. Daher stehen die nächsten Schritte fest: Ärzte ohne Grenzen wird in Rücksprache mit allen relevanten Autoritäten Teams und nötige Hilfsmittel einführen, um der Notlage entgegenzuwirken. Dabei greifen wir allerdings nur auf unsere eigenen logistischen Kapazitäten zurück, damit wir unabhängig arbeiten können. Als Gegenleistung dafür werden wir darauf bestehen, dass alle Autoritäten weiterhin unsere Arbeit respektieren und unterstützen. Letztlich wollen wir alles nur Mögliche tun können, um Marion, Deng und den anderen hunderttausenden Menschen zu helfen, die unsere Solidarität und Unterstützung brauchen.