Kolumbien

"Viele Bilder wurden von Kindern gemalt, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden" - psychologische Hilfe für Gewaltopfer

Malen kann Kindern dabei helfen, traumatische Erfahrungen hinter sich zu lassen.

Nicht weit von der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá liegt die Stadt Soacha. In deren Randbezirk Altos de Cazucá gibt es ein Gesundheitszentrum, in dem Menschen psychologische Hilfe erhalten, die von den Auswirkungen des gewalttätigen Konflikts in Kolumbien betroffen sind. Darunter sind auch viele Kinder. Die Psychologin Judith Rosales erzählt im Interview, wie Maltherapie dabei helfen kann, Zugang zu den Kindern und ihren Erlebnissen zu bekommen.

Wie drücken Kinder schreckliche Erlebnisse aus?

Es ist schwierig, Kinder dazu zu bewegen, ihre Gefühle auszudrücken. Man kann das aber fördern, indem man sie dazu anregt, sich künstlerisch auszudrücken und zum Beispiel Bilder zu malen. Es klappt nicht immer, alles in einer Zeichnung zu besprechen, was dort angelegt ist. Aber es hilft, anfängliche Widerstände zu überwinden. Oft können die Kinder dann später darüber sprechen.

Was zeichnen die Kinder in ihren Bildern?

Viele Bilder wurden von Kindern gemalt, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Sie zeichnen ihr Leben. Einerseits ist bei allen zu sehen, wie ihr Leben früher war: Man sieht, wo sie herkommen - es gibt dort die Natur auf dem Land. Und dann sieht man den Bruch, den die Vertreibung darstellt.

Du hast sehr viele Kinder betreut - gibt es etwas, was dich dabei besonders beschäftigt?

Ja, das sind die Kinder, die miterleben mussten, wie ihre Eltern umgebracht wurden. Für sie ist es besonders schwer, über ihre Erlebnisse hinwegzukommen, weil sie einen sehr brutalen Kummer ertragen müssen. Sie wurden in einem Alter Zeugen von schlimmen Erlebnissen, in dem sie eigentlich noch nicht die nötige Entwicklungsreife haben, um irgendwann darüber hinwegzukommen.

Dann bin ich Kindern begegnet, die während ihrer Vertreibung weiter bedroht und sexuell missbraucht werden. Ich habe das kürzlich bei einem 11-jährigen Jungen erlebt, und diese Fälle machen mich immer wieder sehr betroffen.

Wie behandelt man denn Kinder mit solchen Erfahrungen?

Es gibt verschiedene Techniken, mit traumatischen Erfahrungen umzugehen. So kann man eine Art metaphorische Erzählung dafür nutzen, die Kinder eine Fiktion erzählen zu lassen, in der sie die Wahrheit ihrer eigenen Erlebnisse berichten können. Das ist dann so, als wären sie der Protagonist einer erfundenen Geschichte - in Wirklichkeit geht es aber, wie gesagt, um ihr eigenes Leben. Dieses fiktionale Erzählen ermöglicht es ihnen, in der "Ich-Perspektive" Schritt für Schritt zur Wahrheit ihrer realen Erlebnisse zurückzukehren. Das hilft ihnen, die traumatische Erfahrung hinter sich zu lassen und sich ihrem jetzigen Leben zuzuwenden. Es handelt sich dabei um eine sehr ganzheitliche Technik, weil sowohl die Wahrnehmung, als auch Verhaltensaspekte und Gefühle angesprochen werden.