Zentralafrikanische Republik

Die „Vertriebenen vom Bischofssitz“ sind wieder zu Hause

Unser Team verteilt Nahrungsmittel-Pakete an die Vertriebenen im Bischofssitz von Berbérati, bevor sie in ihr Viertel Potopoto zurückkehren.

Zu Beginn des vergangenen Jahres floh ein Großteil der muslimischen Bevölkerung im Westen der Zentralafrikanischen Republik vor den Kämpfen außer Landes. Mehrere Tausend Menschen lebten in Enklaven, wo sie um ihr Leben bangten. Die Gewalt der bewaffneten Gruppen bezog sich allerdings nicht nur auf die muslimische Bevölkerung, sondern auf alle Gemeinschaften. In der Stadt Berbérati war das muslimische Viertel Potopoto, das wirtschaftliche Zentrum der Stadt, praktisch verlassen. Dessen Bewohner und Bewohnerinnen fanden auf dem Kirchengelände des Bischofs Zuflucht, wo Ärzte ohne Grenzen sie mit medizinischer Hilfe unterstütze. Am 1. August 2015 beendeten wir diesen Einsatz, nachdem die fast 400 Vertriebenen, die dort gelebt hatten, in ihr Viertel Potopoto zurückkehren konnten.

Das Leben der „Vertriebenen vom Bischofssitz“, zum Großteil muslimische Händler der Stadt Berbérati, spielte sich während mehr als achtzehn Monaten unter schwierigsten Bedingungen ab. Damit diese von der Außenwelt abgeschnittenen Menschen Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung bekamen, suchten unsere Teams mehrmals pro Woche den Bischofssitz auf. Patienten, die eine weiterführende Behandlung benötigten, wurden ins Universitätskrankenhaus von Berbérati überwiesen, das ebenfalls von uns unterstützt wird. Zwischen 2014 und Juli 2015 hielten unsere Teams dort mehr als 4.800 Sprechstunden ab. In Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm (WFP) stellten wir zudem die Versorgung der Vertriebenen mit Nahrungsmitteln sicher.

Im Juni 2015 veranlassten die Behörden der Präfektur Mambere Kadei die Umsetzung von Maßnahmen, die den sozialen Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Gemeinschaften in Berbérati stärken sollten. Mit der Unterstützung von lokalen und internationalen Akteuren wurde es so möglich, dass die 360 noch auf dem Bischofssitz lebenden Menschen nach Hause zurückkehren konnten.

Die Zukunftsperspektiven sind ungewiss

„Die Rückkehr der vertriebenen Menschen wird von der Bevölkerung gut aufgenommen. Sie ist das Resultat der beharrlichen Arbeit der lokalen Behörden und Partnerorganisationen“, erklärt Ben, der Vorsteher des Viertels Potopoto. Bei der Abreise verteilten wir an jeden Haushalt Nahrungsmittel, die für einen Monat reichen sollen, da die meisten der Vertriebenen alles verloren haben und nun wieder von vorne anfangen müssen. Ihre Zukunftsperspektiven sind ungewiss, denn der Wiederaufbau ihrer Geschäfte wird nicht einfach sein. Amadou, der Vertreter der Einwohner von Potopoto, bringt es auf den Punkt: „Wir sind froh, wieder zurück in unserem Viertel zu sein. Doch bis wir unser altes Leben wieder haben, gibt es noch viel zu tun.“

Für unsere medizinische Koordinatorin Géraldine Duc ist die Rückkehr dieser Menschen eine ausgezeichnete Nachricht. „Nach eineinhalb Jahren, während denen sie unter schwierigsten Bedingungen und von der Außenwelt abgeschnitten lebten, können diese Familien nun endlich wieder in ihr Zuhause zurück. Auch wenn sie zuerst ihre Angst überwinden und alles wieder aufbauen müssen, wird das Leben sich allmählich wieder normalisieren.“

Sorge um die Bevölkerung in anderen Enklaven

Wir freuen uns sehr, dass die Vertriebenen von Berbérati wieder nach Hause zurückkehren konnten, sind aber besorgt über die Lage anderer Bevölkerungsgruppen, die weiterhin in Enklaven leben. So sind im Ort Carnot seit Februar 2014 fast 500 Vertriebene, die auf dem Kirchengelände Zuflucht gefunden haben, noch immer von der Außenwelt abgeschnitten.

Im Juli 2015 lebten innerhalb der Zentralafrikanischen Republik 368.000 Menschen als Vertriebene, davon 30.000 in der Hauptstadt Bangui. Dazu kommen rund 460.000 Menschen, die in die Nachbarländer geflohen sind, hauptsächlich nach Kamerun, in den Tschad und in die Demokratische Republik Kongo. Insgesamt leben zwanzig Prozent der gesamten Bevölkerung Zentralafrikas entweder als intern Vertriebene oder als Flüchtlinge.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1997 in der Zentralafrikanischen Republik tätig und betreibt zurzeit rund fünfzehn Projekte im Land. Die Organisation startete im Januar 2014 einen Notfalleinsatz in Berbérati, um den Opfern des blutigen Konflikts Hilfe zu leisten und die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Heute arbeitet Ärzte ohne Grenzen im Universitätskrankenhaus Berbérati in den Abteilungen für Pädiatrie und Ernährungshilfe. 2015 wurden bislang fast 2.350 Kinder auf der Pädiatrie aufgenommen und 787 Kinder wurden gegen Mangelernährung behandelt. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen  unterstützen außerdem vier Gesundheitszentren in den umliegenden Dörfern. Zwischen Januar und Juni 2015 wurden dort 7.580 Sprechstunden abgehalten.