Ukraine

Krankenhäuser beschossen, Zivilisten von Hilfe abgeschnitten

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen verladen Medikamente, um sie an Krankenhäuser in Donetsk zu verteilen.

Nach der Eskalation der Kämpfe im Osten der Ukraine wird die Lage von Zivilisten, die im Konfliktgebiet gefangen sind, immer schwieriger. In den Krankenhäusern nahe der Front kämpfen die Ärzte bei der Behandlung der Verwundeten mit  immer größeren Engpässen beim Medikamenten-Nachschub. Ärzte ohne Grenzen stockt die Hilfe derzeit weiter auf, doch die Kämpfe machen es schwierig, die am schlimmsten betroffenen Gebiete zu erreichen.

„Medizinisches Personal steht seit Monaten unter großem Druck, weil tausende Verletzte und Vertriebene behandelt werden müssen“, berichtet Loïc Jaeger, der stellvertretende Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine. „Die Intensivierung der Kämpfe hat die akute Medikamenten-Knappheit zusätzlich verschärft, etwa bei Antibiotika, Schmerzmitteln und Material zum Nähen von Wunden. Die Ärzte und das Pflegepersonal in den Front-Krankenhäusern sind an ihrem Limit.“

Mehr Verwundete

Die Leiter der Krankenhäuser in Donetsk, Stachanow, Perwomajsk und Novoaidar berichten, dass die Zahl der verletzten Zivilisten seit dem neuerlichen Beginn der Kämpfe am 13. Januar gestiegen ist. Ärzte ohne Grenzen hat diese Einrichtungen seit Beginn des Konflikts mit medizinischem Material unterstützt. Die Hilfsorganisation hat deren Vorräte sowie die von sieben weiteren Krankenhäusern auf beiden Seiten der Front aufgestockt. Es wurde sichergestellt, dass die Ärzte genügend Material haben, um bis zu 500 Verwundete zu behandeln.

Krankenhäuser werden beschossen

Krankenhäuser sind im Ukraine-Konflikt von Anfang an nicht verschont worden, und allein in der vergangenen Woche sind drei medizinische Einrichtungen in Donetsk und Luhansk von Granaten oder Raketen getroffen worden. Am 19. Januar wurde das Krankenhaus Nr. 3 in Donetsk von einer Rakete getroffen, obwohl sie mitten in der Stadt liegt, rund sieben Kilometer von der Front.

„Der Beschuss von medizinischen Einrichtungen, egal ob absichtlich oder wahllos, ist absolut inakzeptabel“, sagt Jaeger. „Wenn Krankenhäuser beschädigt oder zerstört werden, bedeutet das nicht nur, dass Verletzte nicht behandelt werden können. Auch können schwangere Frauen, kranke Kinder und Patienten mit Diabetes, Herzkrankheiten oder Bluthochdruck nicht versorgt werden. Alle Konfliktparteien müssen gewährleisten, dass Krankenhäuser verschont werden und dass die Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen.“

Am 14. Januar wurde ein Hospiz für geistig beeinträchtigte Menschen in Slowjanoserbsk, in der Region Luhansk schwer beschädigt, als die Stadt unter Beschuss genommen wurde. Ärzte ohne Grenzen hatte die Einrichtung seit Längerem mit Medikamenten und Hygieneartikeln versorgt. Am 19. Januar konnte das Team von Ärzte ohne Grenzen das wichtigste Krankenhaus der Stadt erreichen und Material zur Behandlung von 50 Verletzten liefern. Die Klinik war zwei Tage lang ohne Strom, und das Team sah im Zentrum von Slowjanoserbsk mindestens zehn Häuser, die gerade zerstört worden waren.

Appell an Konfliktparteien

„Das Betreten und Verlassen der Konfliktzone wird immer schwieriger, sowohl für Zivilisten als auch für unsere Teams“, so Jaeger. „Am Montag und Dienstag haben wir versucht, dringend benötigte medizinische Vorräte in ein Krankenhaus in der Stadt Gorlowka zu bringen, nahe der Frontlinie in Donetsk. Doch die Lastwagen wurden an Checkpoints zurückgewiesen. Wir konnten den Nachschub immer noch nicht liefern. Da die Situation sich für Zivilisten rasch verschlimmert, ist es dringend notwendig, dass alle Konfliktparteien humanitäre Hilfe für die am schlimmsten betroffenen Menschen zulassen.“

Seit November hat eine Serie von Maßnahmen der ukrainischen Regierung Zivilisten in den von Rebellen gehaltenen Gebieten vom Rest des Landes abgeschnitten; dadurch ist es auch immer schwieriger geworden, humanitäre Hilfe zu leisten. Alle Sozialleistungen wurden eingestellt, darunter die Pensionszahlungen, medizinische Leistungen und Löhne für öffentlich Bedienstete – auch des Gesundheitspersonals. Banken wurden dazu angehalten, Konten in den umkämpften Gebieten zu sperren; alle Bank-Leistungen wurden eingestellt, auch Kreditkartenzahlungen und Geldautomaten funktionieren nicht mehr. Die Menschen sind gezwungen in Städte zu fahren, die sich auf der anderen Seite der Frontlinie befinden, um dort Geld abzuheben oder Zugang zu ihren Pensionsleistungen zu erhalten. Diese Situation wird zusätzlich verschärft durch eine neue Regelung, die am 21. Januar in Kraft getreten ist. Sie schreibt vor, dass Personen, die das von Rebellen kontrollierte Gebiet verlassen oder betreten wollen, einen speziellen Ausweis vorweisen müssen.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt seit dem Beginn des Konflikts in der Ukraine medizinische Einrichtungen in den Regionen Donetsk und Luhansk. Seit Mai 2014 haben wir insgesamt 70 medizinische Einrichtungen auf beiden Seiten der Front mit genügend Material beliefert, um 13.500 Verletzte zu behandeln. Psychologen bieten in mehreren Städten Unterstützung für Betroffene des Konflikts und organisieren sowohl Einzel- als auch Gruppenkonsultationen. Wir haben auch ein Schulungsprogramm für lokale Psychologen, Sozialarbeiter und medizinisches Personal in der betroffenen Region eingerichtet. Ärzte ohne Grenzen setzt zudem das Programm zur Behandlung resistenter Tuberkulose in Gefängnissen in Donetsk fort, das 2011 gestartet wurde.