Georgien

Tiflis, Zufluchtsort für Vertriebene

Notfallteams von Ärzte ohne Grenzen leisten in Tiflis (Georgien) medizinische Hilfe für Menschen, die in Folge der jüngsten Kämpfe zwischen Russen, Osseten und Georgiern geflohen sind. Vorrangig besteht die Hilfe aus medizinischer Versorgung an Orten, an denen sich auch hoch betagte Vertriebene niedergelassen haben. Die Kämpfe waren Anfang August in der abtrünnigen Region Südossetien ausgebrochen und hatten sich auf Georgien ausgeweitet.

Kalistine G. fällt es schwer, sich an ihre neue Umgebung zu gewöhnen. Die 82-jährige Georgierin ist seit einigen Tagen in Tiflis, wo sie in einem leerstehenden Gebäude, das einst das georgische Finanzministerium beheimatet hat, Zuflucht gefunden hat. Hier traf sie vier Familienmitglieder wieder, mit denen sie nun ein ehemaliges Büro bewohnt.

Während die gewaltsamen Auseinandersetzungen bereits am 7. August in Südossetien ausgebrochen waren, verließ sie ihr Dorf Kourta in der Nähe der Hauptstadt der abtrünnigen Region Südossetien, Zchinwali, erst am 17. August. Zurück geblieben waren in dem hauptsächlich von Georgiern bewohnten Dorf nur sie und drei andere ältere Frauen; Verwandte und Nachbarn hatten den Ort nach den Kämpfen verlassen.

Die Enkelin Kalistines war am 8. August mit ihrem Auto geflohen, um Zuflucht in Tiflis zu suchen. Eine ihrer Schwiegertöchter verließ das Dorf am 12. August zu Fuß und brauchte zwei Tage, um die ungefähr 30 Kilometer entfernt liegende Stadt Gori zu erreichen. Zu Fuß zu gehen kam für Kalistine aufgrund ihres Alters nicht in Frage. Schließlich hat ein Bus sie nach Gori gebracht. "Zwei bis drei Tage lang habe ich mich in einem Maisfeld versteckt", erzählt Kalistine. "Dann saß ich am Straßenrand, als ich einen Bus kommen sah". In diesem Moment entschied sie sich, ihre Heimat zu verlassen.

Fast 500 Patienten innerhalb einer Woche behandelt

Wie sie leben ungefähr 550 andere Menschen im alten Gebäude des Finanzministeriums, wo es zunächst einige Tage dauerte, bis erste Hilfsmaßnahmen anliefen. Mittlerweile wurden in dem Gebäude Betten für die Vertriebenen eingerichtet. Ein Team von Ärzte ohne Grenzen traf am 14. August dort ein. "Überall lag Staub, aber die Menschen haben einen Raum für uns gefunden, in dem wir Kranke empfangen können," erzählt Dr. Nana Chiochvili von Ärzte ohne Grenzen. "Die ersten zwei Tage waren sehr hart, aber die Situation hat sich nun verbessert." Hilfreich war vor allem die nationale Solidarität: So haben beispielsweise Polikliniken der Umgebung medizinisches Personal und Medikamente für die Vertriebenen geschickt.

Unter den Patienten von Ärzte ohne Grenzen gab es mehrere leicht Verletzte, berichtet Dr. Chiochvili. "Sie waren entweder von Splittern getroffen worden, litten an Verletzungen an den Füßen oder waren auf der Flucht gestürzt." Die Teams von Ärzte ohne Grenzen behandeln weiterhin Patienten im ehemaligen Finanzministerium in Tiflis wie auch an anderen Orten, an denen sich Vertriebene niedergelassen haben. Insgesamt haben sie zwischen 14. und 22. August 497 Patienten behandelt.

Mittlerweile haben sich die Bedürfnisse verändert, erklärt Dr. Chiochvili. "Wir sehen vor allem Patienten, die an chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Epilepsie leiden und eine Fortführung ihrer Behandlung benötigen. Außerdem kommen Patienten zu uns, die an Schlaflosigkeit, allgemeiner Schwäche, Kopfschmerzen oder Zitter-Anfällen leiden." Der offene Konflikt zwischen russischer und georgischer Armee dauerte zwar nur einige Tage, doch hat die Angst die Menschen durchdrungen. Ein psychologisches Team von Ärzte ohne Grenzen soll sehr bald die Arbeit mit Vertriebenen aufnehmen.

Für die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse haben die Ärzte ohne Grenzen-Teams 582 Hygiene-Kits mit Seife, Waschmittel und Zahnpasta verteilt. An Mütter von Kleinkindern wurden 113 Kits mit Windeln und Puder verteilt. Andere Hilfsorganisationen kümmern sich um die Wasserversorgung, denn in dem ehemaligen Gebäude des Finanzministeriums gibt es nicht genügend Wasser und Toiletten.