Myanmar

"Tausende Menschen haben bisher keinen Helfer gesehen" - Interview mit dem Koordinator des Nothilfeeinsatzes im Irrawaddy-Delta

Drei Wochen nach dem Zyklon Nargis ist die Not in Myanmar (Birma) noch groß und die Hilfe unzureichend. Der Koordinator des Nothilfeeinsatzes von Ärzte ohne Grenzen, Jean-Sebastien Matte, berichtet über die Arbeit vor Ort.

Die Behörden in Myanmar haben jetzt verkündet, dass alle internationalen Experten ins Land dürfen. Sind das gute Nachrichten?

Natürlich begrüßen wir diese Nachricht. Seit dem Zyklon versucht Ärzte ohne Grenzen, mehr in Notsituationen erfahrene internationale Mitarbeiter ins Delta zu bringen. Die Hilfsleistungen bleiben bisher noch weit unter dem Bedarf der Überlebenden. Hoffentlich wird Ärzte ohne Grenzen jetzt mehr internationale Mitarbeiter in die besonders betroffene Delta-Region bringen können. Wir werden erst in den nächsten Tagen sehen, ob dieser Erklärung der Behörden auch Taten folgen.

Einen Tag vor der Erklärung haben die Behörden noch fünf unserer Visa-Anträge abgelehnt. Bis heute haben weniger als zehn internationale Mitarbeiter die Erlaubnis bekommen, in vier Orten der Delta-Region zu arbeiten. Derzeit warten mehr als 20 Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern in Rangun auf die Erlaubnis, ins Delta zu reisen. Diese Mitarbeiter werden benötigt, um die lebensrettende Hilfe, die unsere einheimischen Mitarbeiter in den vergangenen drei Wochen geleistet haben, zu unterstützen.

Schaffen Sie es, die Hilfe direkt zu den betroffenen Menschen zu bringen, auch wenn die Zahl der internationalen Mitarbeiter vor Ort beschränkt ist?

In der ersten Phase unseres Hilfseinsatzes war unser alleiniger Fokus, dringend benötigte Hilfsgüter und medizinische Versorgung zu den am meisten Betroffenen zu bringen. Alle Hilfsgüter werden von Ärzte ohne Grenzen von der Ankunft in Myanmar bis zur Verteilung kontrolliert. Dabei vertrauen wir stark auf unsere nationalen Mitarbeiter. Die meisten arbeiten schon viele Jahre für Ärzte ohne Grenzen, viele von ihnen in leitenden Positionen. Wir sind von ihrer Integrität überzeugt, stehen in ständigem Kontakt mit ihnen und sie informieren uns über ihren Fortschritt und die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert werden.

Trotzdem ist es nicht einfach, so Hilfe zu leisten. In einigen Fällen haben wir kurzzeitig die Kontrolle über unsere Hilfsgüterverteilung verloren. In einem Dorf zum Beispiel haben Militärs zunächst darauf bestanden, dass sie den Reis verteilen. Erst als sich ein einheimischer Arzt von Ärzte ohne Grenzen eingeschaltet hat, haben sie uns erlaubt, unseren Reis selbst zu verteilen. Ein andermal war unser Team nicht groß genug, um die Menschen gleichzeitig medizinisch, mit Wasser und Sanitärgütern und Nahrung versorgen zu können. Also haben wir einige Reissäcke an ein Dorfkomitee abgegeben, damit dieses den Reis verteilt. Glücklicherweise sind dies aber nur Ausnahmen, und die Probleme konnten von den lokalen Teams behoben werden.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet derzeit mit mehr als 250 Mitarbeitern im Irrawaddy-Delta. Mehr als 30 medizinische Teams beraten durchschnittlich 500 Menschen täglich. Bis heute haben wir etwa 120.000 Menschen erreicht und mindestens 310 Tonnen Reis, mehr als 84.000 Fischkonserven, 16.500 Liter Speiseöl und 13.500 Plastikplanen im Delta verteilt.

Wie sieht die medizinische Versorgung vor Ort aus?

Am dringendsten werden Nahrung und Baumaterialien für Unterkünfte benötigt. Unser Anfangsbestand an Hilfsmaterialien, wie Kanistern und Plastikplanen ist fast aufgebraucht. Ärzte ohne Grenzen plant daher, ein zusätzliches Frachtflugzeug mit lebensnotwendigen Hilfsgüter zu schicken. Die Menschen brauchen dringend Unterkünfte, da es jeden Tag stark regnet. Unsere Teams sehen viele Atemwegsinfektionen, weil die Menschen keine Unterkunft haben. Täglich sehen sie auch Patienten mit Durchfallerkrankungen. Bisher haben wir jedoch keine schweren Ausbrüche von Krankheiten gesehen.

Sind die vom Zyklon Betroffenen noch immer in einer Notsituation?

Ja, natürlich befinden sich all diejenigen, die bisher noch keine Hilfe erhalten haben, nach wie vor in einer Notsituation. Tausende Menschen haben bisher keinen Helfer gesehen. Gestern sind unsere Teams mit dem Boot in weitere abgelegene Dörfer im Gebiet Bogaley gekommen. In diesen Dörfern haben wir Menschen gefunden, die seit drei Tagen nichts gegessen hatten. Sie haben geweint und uns um Nahrung angefleht. Wir konnten einige Nahrungsrationen verteilen. Unglücklicherweise gibt es viele dieser Dörfer mit verzweifelten Menschen.

Normalerweise würde Ärzte ohne Grenzen in so einer Situation viel mehr internationale Mitarbeiter schicken, die Erfahrung in Einsätzen nach Naturkatastrophen haben. Ohne die internationalen Mitarbeiter sieht unser Hilfseinsatz drei Wochen nach dem Zyklon aus, als wären wir erst seit sieben Tagen vor Ort. Trotz großer Anstrengungen und großen Engagements haben die einheimischen Teams nicht die Erfahrung und das Fachwissen für eine solche Notsituation. Außerdem sind ihre eigenen Familien betroffen und auch sie leiden unter den Folgen des Zyklons.