Kenia

"Sie nennen alle Kinder unter elf Jahren die MSF-Generation"

Telefonisches Interview mit Hussein Sheikh Quassim, der im Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Marere im Süden Somalias arbeitet.

"Als wir heute Morgen aufgewacht sind, war der Himmel mit dunklen Wolken bedeckt, und es war immer noch keine Sonne zu sehen. Aufgrund des Wetters wurden heute keine Kranken hergebracht. Aus Angst vor schweren Regenfällen fahren zwischen den Städten nämlich keine Autos. Die Straßen sind nicht asphaltiert, und wenn es regnet, wird der Boden schlammig, und Fahrzeuge können sich keinen Meter weiter bewegen. Daher geht niemand das Risiko ein, obwohl es hier in den vergangenen drei Jahren nie richtig geregnet hat.

Aber trotz der dunklen Wolken ist das Krankenhaus immer noch mit Menschen gefüllt, die in den vergangenen paar Tagen angekommen sind. Wir haben alle Hände voll zu tun.

Vergangene Nacht waren 103 Kinder in unserem Ernährungszentrum, alle von ihnen schwer mangelernährt. Wir haben 57 Patienten jeden Alters stationär aufgenommen, 131 in der Tuberkulose-Abteilung. Wir behandeln etwa 300 Patienten pro Tag ambulant. Wir haben auch eine Impf-Abteilung, eine Triage-Abteilung und natürlich eine mobile Klinik, die in die Städte in der Umgebung von Marere fährt, so dass die Patienten nicht zu uns kommen müssen. Wir haben auch Autos in Bereitschaft, die als Krankenwagen eingesetzt werden können und in die Nachbarstädte fahren und die am stärksten mangelernährten oder kranken Patienten zu uns bringen. Was also die Anzahl der Patienten betrifft, sind wir mehr als ausgelastet.

Wir behandeln kranke Patienten, die dabei sind zu verhungern

Marere ist etwas anders als die anderen Regionen in Somalia. Die Stadt liegt neben dem Fluss, und wir haben manchmal Regenfälle. Aber der Boden ist dennoch zu trocken. Es wächst nichts. Der Großteil des Landes leidet unter einer schweren Dürre. Und die meisten Patienten, die wir untersuchen, sind extrem mangelernährt. In Krankenhäusern in "normalen" Ländern behandelt man kranke Patienten, aber was wir hier sehen, ist nicht normal. Wir behandeln kranke Patienten, die von ihrer Erkrankung abgesehen, auch dabei sind zu verhungern.

Viele Mütter sind mit ihren Kindern auf dem Rücken Tage zu Fuß gegangen, nur um in unser Krankenhaus zu kommen. Diese Mütter hatten tagelang nichts zu essen, daher müssen wir sie auch behandeln und ernähren.

Diese Woche ist eine ältere Frau mit ihrem dreijährigen Enkel Siyat Abdi Ali aus Jiro hierhergekommen, einem 70 Kilometer entfernten Lager für Vertriebene. Ihre Familie waren Hirten, aber ihr ganzes Vieh ist gestorben, und sie hatten nur noch ein paar Ziegen. Die Großmutter des Jungen erzählte uns, dass Siyat schon einen Monat lang an Husten, Erbrechen und Durchfall erkrankt ist. Was uns aber wirklich schockiert hat, war, dass das Kind einen ganzen Monat lang krank war und nur von süßem Tee mit einem Tropfen Ziegenmilch ernährt worden ist.

Man kann sich vorstellen, wie das Kind ausgesehen hat. Es bestand nur noch aus Fleisch und Knochen und war kurz vor dem Verhungern. Wir haben ihn sofort aufgenommen und eine Lungenentzündung und schwere Mangelernährung diagnostiziert. Seine Großmutter war auch schwer mangelernährt. Sie werden jetzt beide im Krankenhaus behandelt. Siyat wird mit einer Magensonde ernährt, da er zu schwach ist, Nahrung zu sich zu nehmen. Aber wenigstens kann er jetzt seine Beine und Arme bewegen. Das konnte er zu Beginn nicht mehr.

Viele Schwangere haben nicht genügend Kraft, um zu gebären

Wir sehen hier generell mehr mangelernährte Erwachsene, das ist neu für uns. Wir haben gerade einen 14-jährigen Jungen in unser Ernährungszentrum aufgenommen. In Somalia ist man mit 14 Jahren schon erwachsen. Wir beobachten auch eine Zunahme an schwer mangelernährten schwangeren Frauen. Schwangere brauchen mehr Nahrung, da sie für zwei essen müssen. Aber viele dieser Frauen sind so mangelernährt und so schwach, dass sie gar nicht genügend Kraft haben, um zu gebären. Bei einer natürlichen Geburt ist viel Kraft erforderlich. Wir sehen zurzeit auch mehr Frauen mit Blutungen, weil sie nicht auf natürlichem Weg gebären konnten. Wir behandeln sie mit Bluttransfusionen. Diejenigen Kinder, die das Glück haben, lebend geboren zu werden, haben ein niedriges Geburtsgewicht und sind sehr schwach. Wir nehmen sie deshalb in unser Krankenhaus auf.

Ärzte ohne Grenzen rettet vielen Menschen das Leben. Kindern und Erwachsenen, die sonst an Mangelernährung oder anderen behandelbaren Krankheiten sterben würden. Es gibt keine anderen Organisationen in der Nähe, wir sind die Einzigen, die in dieser Region medizinische Versorgung und Nahrungsmittel anbieten. Das tun wir nun schon seit Jahren.

Eine kleine Anekdote dazu: Bevor Ärzte ohne Grenzen das Krankenhaus in Marere im Juli 2003 eröffnete, gab es hier nur wenige junge Menschen, da viele von ihnen an behandelbaren Krankheiten starben. Wenn man jetzt durchs Dorf geht, sieht man aber viele Jugendliche. Sie wären heute vielleicht nicht mehr hier, hätten sie nicht eine Impfung oder eine Behandlung erhalten. Die Leute hier scherzen darüber: sie nennen alle Kinder unter elf Jahren "die MSF-Generation", die "Ärzte ohne Grenzen-Generation"."