Indien

Seelische Betreuung als wichtiger Bestandteil der Notfallhilfe

Indien: Die psychologische Beraterin Madina Bukhari arbeitet in Kaschmir, im Bezirk Kupwara.

Schwere Katastrophen wie ein Erdbeben oder der Ausbruch von Krieg und Gewalt, aber auch der Verlust eines Kindes oder eine Vergewaltigung sind traumatische Erlebnisse. Sie hinterlassen nicht immer körperliche Verletzungen, belasten die Menschen aber seelisch. Depressionen, Angstgefühle, Schlafstörungen, Kopf- und Magenschmerzen können die Folge sein. Dadurch fühlen sich viele wie gelähmt und können nicht mehr für sich und ihre Familien sorgen.

Deshalb versorgt Ärzte ohne Grenzen seit mehr als 20 Jahren Patienten mit traumatischen Störungen. Der Bedarf wächst stetig, so dass diese Behandlungsprogramme in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgeweitet wurden. Allein im Jahr 2009 haben die psychologischen Teams von Ärzte ohne Grenzen weltweit mehr als 100.000 Beratungsgespräche geführt. Mit dem Ziel, die Symptome zu lindern und den Menschen zu ermöglichen, wieder ein geregeltes Leben zu führen.

Meist sind es einheimische Berater, die von Ärzte ohne Grenzen ausgebildet wurden und bei Einzel- oder Gruppentreffen mit den Betroffenen sprechen. Sie hören den Patienten zu, reden mit ihnen über ihre Erlebnisse und Schicksale und versuchen so dabei zu helfen, die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten.

Den einheimischen Beratern stehen ausgebildete, internationale Psychologen oder Psychiater zur Seite, die bei schwierigen Fällen Unterstützung bieten und bei der klinischen Überwachung helfen. Wenn möglich werden in den Gemeinden bereits vorhandene psychologische Beratungsangebote unterstützt oder ergänzt.

Die folgenden psychosozialen Betreuungsprogramme in Kaschmir, in der Demokratischen Republik Kongo und im Irak sind drei Beispiele für die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen.

Kaschmir: Durch Jahrzehnte der Gewalt traumatisiert

Madina Bukhari ist psychologische Beraterin und arbeitet im Bezirk Kupwara im Kaschmir. Seit Jahren leidet die Bevölkerung in dieser Region unter den Auswirkungen des anhaltenden Konflikts. Die meisten Patienten sind Opfer dieser Gewalt und leiden unter Depressionen, Angstgefühlen und posttraumatischem Stress.

Madina Bukhari berichtet: „Frauen haben mir erzählt, dass sie mit ihrer Familie beim Abendessen saßen, als plötzlich jemand hereinstürmte und ihren Ehemann direkt vor ihren Augen erschoss. Auch andere haben Familienmitglieder verloren oder sind zeuge von Gewalt geworden. Einige der jungen Patienten sind gefoltert worden. All diese traumatischen Erlebnisse sind noch sehr lebendig in ihrer Erinnerung.“

Die Beraterin versucht, bei der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse zu unterstützen. „Die Gespräche helfen ihnen, in der Gegenwart zu leben. Wir ermuntern sie, sich aktiv an Gemeindeaktivitäten zu beteiligen. So können sie zu sich selbst zurückfinden und weitermachen.“

Im psychosozialen Programm in Kaschmir sind im Jahr 2009 mehr als 5.800 Beratungen durchgeführt worden.

Demokratische Republik Kongo: Über das Trauma sprechen

Die Menschen im Osten der Demokratischen Republik Kongo leben seit Jahrzehnten in einem Umfeld brutaler bewaffneter Gewalt. Hunderttausende sind im Laufe der Jahre durch die Kämpfe vertrieben worden, mussten ihre Häuser und ihr Eigentum verlassen und verloren so ihre Existenzgrundlage. Viele wurden getötet, verletzt oder vergewaltigt.

Seit Mitte 2009 bietet Ärzte ohne Grenzen in Kitchanga und Mweso in der nördlichen Provinz Kivu im Rahmen der medizinischen Nothilfeprogramme auch psychosoziale Unterstützung an. Die Berater sind nationale Mitarbeiter und häufig selbst Opfer der Konflikte. Mehr als 1.000 Menschen haben bereits in den ersten 6 Monaten nach Programmstart mit den Gesprächen begonnen.

Viele der Frauen sind Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden. Eine 54-jährige Frau aus Kitchanga berichtet, was ihr geschah: „Ich war in einer Gruppe unterwegs auf der Suche nach etwas zu essen, als wir auf einmal von allen Seiten Schüsse hörten. Wir rannten davon und versteckten uns im Wald. Ich musste mit ansehen, wie zwei junge Menschen ermordet wurden. Mich haben sie vergewaltigt und anschließend mit Messern verletzt. Jeden Tag erzählten die Leute von Bekannten, die totgeschlagen oder erstochen worden waren. Die Banditen sagten, dass die Wälder ihnen gehören würden, nicht uns. Deshalb haben wir all unseren Besitz zusammengesucht und sind hier in das Lager gekommen. Aber seitdem schlägt mein Herz zu schnell, und jedes Mal, wenn ich Essen holen gehe, bekomme ich Panik. Ich verbringe schlaflose Nächte und denke über viele Dinge nach. Ich denke an meine Kinder, die gestorben sind und an mein Kind, das noch immer verschwunden ist und von dem ich nicht einmal weiß, ob es noch lebt.“

Irak: Neue Wege, psychologische Hilfe zu leisten

Auch nach Kriegsende sterben im Irak noch heute viele Menschen bei Bombenanschlägen und Attentaten, und gerade diese unvorhersehbare Gewalt belastet viele Menschen. Im Zentrum und im Süden des Iraks ist die Gewalt so groß, dass Ärzte ohne Grenzen aufgrund der schlechten Sicherheitslage nur eingeschränkt arbeiten kann und die Projekte aus dem benachbarten Jordanien steuern muss.

In Zusammenarbeit mit dem irakischen Gesundheitsministerium hat Ärzte ohne Grenzen seit September 2009 17 Berater für die Arbeit in drei Krankenhäusern im Zentrum des Irak ausgebildet. Bereits bis August 2010 haben sie mehr als 2.500 Gespräche geführt.

Um die irakischen Berater bei ihrer Arbeit zu unterstützen, besucht das internationale Team einmal im Monat die Projekte direkt im Irak. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, sich per Internet, Mobiltelefon und Videokonferenz auszutauschen und schwierige Fälle gemeinsam mit den Kollegen in Jordanien zu besprechen.

Das Team plant, das Programm durch die Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinden bekannter zu machen. Dadurch sollen Vorurteile weiter abgebaut und die Akzeptanz der psychosozialen Hilfe verbessert werden.