Pakistan

"Schon jetzt sind sehr viele Kinder mangelernährt" - Interview zu den Folgen der Flut

Im Krankenhaus in Sukkur - dem Distrikt, in dem auch Anja Braune mit ihrem Notfallteam unterwegs ist - erhalten dehydrierte Kinder Minerallösungen.

Millionen von Menschen sind in Pakistan von den Folgen der Fluten betroffen, die eine Fläche von der Größe Großbritanniens überschwemmt haben. Mehr als 150 internationale und 1.200 pakistanische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen helfen den Opfern. Sie leisten medizinische Hilfe, verteilen Material und sorgen für sauberes Trinkwasser. Die Krankenschwester Anja Braune ist Mitglied eines Notfallteams von Ärzte ohne Grenzen und erzählt im Interview, wie die Organisation in einer Katastrophe so großen Ausmaßes Prioriäten setzt.

Anja, wo hat Ärzte ohne Grenzen in einer so großen Katastrophe mit der Nothilfe begonnen?

Ärzte ohne Grenzen hat seinen Einsatz zur Flutkatastrophe mit Erkundungen in verschiedenen Regionen des Landes begonnen und die Arbeit anschließend in Distrikten wie Khyber Pakhtnukhwa und Baluchistan rasch aufgenommen. Notfallteams sind für die Erkundungen vor einem Einsatz zuständig und machen sich aufgrund eigener Erkundungen vor Ort ein Bild. Wo die Möglichkeiten zur Evaluierung aufgrund der Situation begrenzt sind oder Regierungen aufgrund eigener Kapazitäten wie in Pakistan Einschätzungen abgeben können, werden diese selbstverständlich berücksichtigt. Hier konnten staatliche Behörden z.B. durch Helikopterflüge Informationen bereitstellen, die wir in diesem Umfang nicht hätten sammeln können. Das Notfallteam, mit dem ich im Distrikt Sukkur in der Provinz Sindh unterwegs bin, hat die Evaluierung z.B. aufgrund von Regierungsinformationen begonnen.

War es nach der Evaluierung leicht zu entscheiden, ob und welche Aktivitäten Ärzte ohne Grenzen übernehmen würde?

Der Bedarf in der Provinz Sindh stellte sich als riesig heraus, und es war auch sehr schnell klar, was für uns hier zu tun war: In den Camps fehlte es an sauberem Trinkwasser und viele Kinder - vor allem solche, die jünger als fünf Jahre sind - sind mangelernährt und leiden an Durchfallerkrankungen. Unter den Vertriebenen hier waren immer noch Menschen, die unter Bäumen, Brücken und Tankstellendächern lebten. Sie brauchten Unterkünfte, sauberes Trinkwasser, Nahrungsmittelhilfe, mussten in unser Gesundheitsüberwachungssystem und unsere Gesundheitsaufklärungsmaßnahmen einbezogen werden.

Was tut ihr dort jetzt konkret?

Wir haben mehr als 50 pakistanische Mitarbeiter angestellt und ausgebildet, die Gesundheitsaufklärungsmaßnahmen durchführen, leicht bis mäßig mangelernährten Kindern und Erwachsenen helfen und Patienten mit schwerwiegenden Krankheitsbildern ins Krankenhaus überweisen. In Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium haben wir zwei Krankenhausstationen mit 10 bzw 23 Betten eröffnet, auf der schwer mangelernährte Kinder mit Komplikationen behandelt werden. Die Aktivitäten konzentrieren sich momentan auf die Städte Sukkur und Larkana. Darüber hinaus fahren wir aber auch immer wieder in andere Distrikte, um die Situation dort zu evaluieren und wo nötig, neue Einsätze zu planen. Wo unsere Kapazitäten nicht ausreichen, teilen wir unsere Informationen mit anderen Akteuren, um ihre mit unseren Aktivitäten abzustimmen. Oder wir versuchen durch Lobbyarbeit zu bewirken, dass andere Aufgaben übernehmen, die wir nicht erfüllen können. Wichtig ist es auch, im Auge zu behalten, dass wir jederzeit auf Epidemien vorbereitet sein müssen, da noch so viele Menschen eng beieinander in Camps leben und die Wasser- und Sanitärsituation nicht angemessen ist.

Was sind in euerem Team die nächsten Prioritäten und wie siehst du die Aktivitäten längerfristig?

Ich bin gerade auf einer Erkundung im Distrikt Jacobabad, einem Gebiet das wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten war und wo der Bedarf an Hilfe sehr hoch ist. Wir werden dort schon in der nächsten Woche mit Aktivitäten starten. Außerdem haben wir den Eindruck, dass die Leute langsam heimkehren. Deswegen müssen wir uns damit beschäftigen, was sie vorfinden, vor welchen Schwierigkeiten sie stehen und wie wir ihnen ggf. helfen können. Vielleicht werden wir unsere Aktivitäten von den Camps aufs Land verlagern müssen, wo die Menschen versuchen, ihr Leben wieder aufzunehmen.

Wie die Rolle von Ärzte ohne Grenzen hier und in anderen Teilen des überfluteten Pakistan längerfristig aussieht, wird sich zeigen. Das wird auch davon abhängen, wie viel die pakistanische Regierung und andere Akteure werden abdecken können. Die Felder sind noch immer unter Wasser, und die nächste Ernte wird es entsprechend nicht vor April/Mai nächsten Jahres geben. Wir hören von den Bauern, dass sie in den Städten nach Jobs schauen wollen, bis sie ihre Familien wieder durch ihre eigenen Erzeugnisse ernähren können. Aber wer weiß, wie viele von ihnen damit Erfolg haben werden. Schon jetzt sind sehr viele Kinder mangelernährt, und wir gehen davon aus, dass unsere Hilfe auf diesem Gebiet gebraucht wird - insbesondere für Kinder unter fünf Jahren, die am bedürftigsten sind.