Libyen

Schockierende Zustände in Krankenhäusern - Ärzte ohne Grenzen weitet medizinische Hilfe in Tripolis aus

Die Situation in Tripolis bleibt weiterhin sehr angespannt, auch wenn immer mehr Gebiete für medizinische Hilfe zugänglich werden. Ärzte ohne Grenzen hat begonnen, in medizinischen Einrichtungen in der Hauptstadt zu arbeiten. Die Organisation stellt lebensrettende Medikamente und Material zur Verfügung und bringt Patienten, die dringend medizinische Hilfe benötigen, in die entsprechenden Krankenhäuser. Die Szenen, die sich den Teams in einigen Krankenhäusern boten, waren schockierend. Vierzehn internationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind derzeit in Tripolis, weitere werden in den nächsten Tagen folgen.

Am Donnerstag rettete Ärzte ohne Grenzen zwei Patienten, die sich in einem kritischen Zustand befanden, aus dem zu diesem Zeitpunkt schwer umkämpften Krankenhaus Abu Salim und transportierte sie in die Klinik "Tripoli Medical Centre".

"Als wir in Abu Salim ankamen, bot sich ein schockierendes Bild: Dutzende Tote lagen überall im Krankenhaus-Areal verteilt," erzählt Jonathan Whittall, Notfallkoordinator von Ärzte ohne Grenzen. "22 Patienten und fünf medizinische Mitarbeiter waren durch die Kämpfe im Krankenhaus gefangen. Es ist uns gelungen, die beiden Patienten mit dem kritischsten Gesundheitszustand zuerst zu evakuieren. Sonst wären sie höchstwahrscheinlich gestorben. Später wurden auch die weiteren Patienten in sicherere Einrichtungen überführt."

Auch wenn in einigen Gebieten mittlerweile wieder Ruhe eingekehrt ist, wird in unmittelbarer Nähe mancher medizinischer Einrichtungen noch immer erbittert gekämpft, was Gesundheitspersonal und Patienten, die dringend medizinische Hilfe benötigen, den Zugang zu diesen Einrichtungen unmöglich macht. Das Personal, das seit einer Woche rund um die Uhr im Einsatz war, um die zahlreichen Patienten zu versorgen, ist vielenorts überlastet und erschöpft. Der Vorrat an lebensrettendem medizinischen Material und Treibstoff ist in den meisten medizinischen Einrichtungen erschöpft.

Chirurgisches Team versorgt Verwundete in Matiga

Seit Freitag unterstützt ein Team von Ärzte ohne Grenzen, bestehend aus zwei Anästhesisten, zwei OP-Schwestern, einem Chirurgen, zwei Krankenschwestern, einem Notfallarzt und einem Notfallkoordinatoren, das Krankenhaus in Matiga. Bis Samstagabend haben sie dort 60 Patienten medizinisch versorgt - darunter Verwundete von aktuellen Kämpfen. Ärzte ohne Grenzen hat dem Krankenhaus außerdem lebensrettende Medikamente sowie medizinisches Material wie Narkosemittel, Antibiotika, Verbandsmaterial und chirurgische Ausrüstung zur Verfügung gestellt.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt zudem das Brotherhood-Krankenhaus mit medizinischem Material. Dorthin wurden in den vergangenen Tagen viele Verwundete gebracht.

Am Samstag hat ein Team den medizinischen Bedarf in zahlreichen anderen Gesundheitseinrichtungen in Tripolis erkundet, unter anderem in einem Mutter-Kind-Krankenhaus, im Zentralkrankenhaus und im "Tripoli Medical Centre".

"Zusätzlich zu den vielen Verletzten muss das Personal in den überlasteten medizinischen Einrichtungen auch Notfälle behandeln, die nichts mit den Kämpfen zu tun haben", erklärt Paulo Reis, medizinischer Koordinator von Ärzte ohne Grenzen. "Frauen mit Komplikationen bei der Geburt brauchen einen Kaiserschnitt. Patienten, die an einer chronischen Krankheit leiden, müssen weiterhin behandelt werden. Es geht nicht nur um die direkten Auswirkungen der Kämpfe. Die medizinischen Einrichtungen benötigen dringend unsere Unterstützung."

Weitere Hilfslieferungen geplant

Ärzte ohne Grenzen versucht auch, medizinisches Material ins Krankenhaus von Suwara westlich von Tripolis zu liefern, wo die Kämpfe am Wochenende immer noch anhielten.

Ärzte ohne Grenzen hat bereits drei Tonnen Verbandsmaterial und dringend benötigtes Chirurgiematerial wie externe Fixatoren für Knochenbrüche von Tunesien aus nach Libyen gebracht. Von Malta aus wird Ärzte ohne Grenzen zudem über zehn Tonnen medizinisches Material per Boot nach Tripolis transportieren. Drei weitere Tonnen Medikamente, medizinisches Material und Ausrüstung wurden aus den bestehenden Projekten in Misrata in die Hauptstadt geschickt.

Ärzte ohne Grenzen ist eine internationale medizinische Hilfsorganisation, die seit dem 25. Februar in Libyen tätig ist. Die Projekte von Ärzte ohne Grenzen in Bengasi, Misrata, Jafran, Sawija, Sintan und Slitan laufen weiter. Um die Unabhängigkeit seiner medizinsicher Arbeit gewährleisten zu können, nimmt Ärzte ohne Grenzen nur private Spenden für die Hilfe in Libyen an und akzeptiert keinerlei Gelder von Regierungen, Organisationen oder militärischen oder politischen Gruppierungen.