Sri Lanka

"Regierung muss Zivilisten aus den Lagern lassen und angemessene Unterstützung leisten" - Interview

Hans van de Weerd, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Holland, ist gerade aus Sri Lanka zurückgekehrt. Wir haben nach seiner Rückkehr über die Situation in der Region Vavuniya, im Norden des Landes, mit ihm gesprochen. Mehr als 260.000 Menschen haben hier während der nun beendeten Kämpfe zwischen der sri-lankischen Regierung und den tamilischen Rebellen (LTTE) Zuflucht gefunden.

Wie ist die Situation in den Lagern in der Region Vavuniya?

Mehr als 260.000 Vertriebene sind auf die vielen Lager in Vavuniya verteilt, in denen sie sich nicht frei bewegen können. Sie dürfen die Lager nicht verlassen und keine Telefone besitzen. Die Größe der Lager variiert von einigen tausend Menschen bis zu mehr als 60.000 pro Lager. Auch die Lebensbedingungen sind in den Lagern sehr unterschiedlich: in einigen ist die Wasserversorgung ein Problem, in anderen die unzuverlässige Nahrungsmittelverteilung.

Die Anzahl der medizinischen Kräfte reicht in den Lagern nicht aus. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen hören von Patienten, dass es oft Tage dauert, bis sie einen Arzt sehen. Die Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums arbeiten sehr hart, es sind aber einfach zu viele Patienten. Viele von ihnen haben Verletzungen oder mussten sich einer Amputation unterziehen. Außerdem besteht großer Bedarf an physiotherapeutischer Betreuung. Patienten werden oft aus den überfüllten Krankenhäusern entlassen und in die Lager zurückgeschickt, in denen sie dann nicht die nötige postoperative Unterstützung bekommen.

Darüber hinaus gibt es in den meisten Lagern nachts keine ausreichende medizinische Betreuung. Damit liegt die Entscheidung, welche Verletzungen und Wunden in den Kliniken außerhalb des Lagers behandelt werden müssen, oft bei den Soldaten und Wärtern.

Die Menschen in den Lagern haben große psychische Probleme. Sie haben während der Kämpfe traumatische Erfahrungen gemacht, ihre Lieben verloren oder sind verwundet worden. Zu alledem ist es schwierig, zum normalen Leben zurückzufinden. Die Menschen leben in überfüllten Zelten, und es gibt kaum Arbeit in den Lagern. Sie haben nichts zu tun, außer von einer Verteilung von Nahrungsmitteln oder Gebrauchsgegenständen zur nächsten zu gehen. In den meisten Lagern können die Menschen nicht für sich selber kochen, sondern sind auf Gemeinschaftsküchen angewiesen. Eltern machen sich um ihre Kinder Sorgen, da der Schulbesuch so lange unterbrochen ist. Die Unsicherheit, wann sie die Lager verlassen können oder ihre Familien wiedersehen, verursacht große Angst.

Es heißt, dass die Menschen die Lager nicht verlassen dürfen? Warum arbeitet Ärzte ohne Grenzen dort?

Ärzte ohne Grenzen unterstützt die Menschen in den Lagern, in denen sie sich kaum frei bewegen können. Die Regierung begründet die Einschränkung der Bewegungsfreiheit damit, dass sie ehemalige Rebellen unter den Vertriebenen befürchtet. Im internationalen Recht gibt es Bestimmungen für derartige Beschränkungen während eines Ausnahmezustandes, wie ihn die sri-lankische Regierung erklärt hat, doch diese sind nur für eine begrenzte Zeit vorgesehen. Ärzte ohne Grenzen ist natürlich besorgt, dass das Leben in den Lagern immer schwieriger wird, je länger diese Bedingungen existieren. Zumal die Menschen starke Traumata haben, und viele nicht wissen, wo ihre Familien sind oder was mit ihnen passiert ist. Bis zum heutigen Tag gibt es kein System, das regelt, wer aus den Lagern entlassen wird, ausgenommen Kinder unter zehn Jahren und Erwachsene älter als 60 Jahre, die Verwandte außerhalb der Lager haben.

Wir machen uns auch Sorgen, dass die akuten Bedürfnisse in den Lagern durch die bevorstehende Regenzeit steigen.

Es ist richtig, dass die Regierung sich bemüht hat, die Lager zu errichten und Hilfe anzubieten. Nichtsdestotrotz hat die medizinische Versorgung nicht das Niveau, das wir gerne hätten. Wir haben den Behörden angeboten, die Aktivitäten auszuweiten. Ärzte ohne Grenzen ist der Meinung, dass die Regierung eine Verpflichtung hat, die Zivilisten freizulassen und für eine angemessene Unterstützung zu sorgen.

Was macht Ärzte ohne Grenzen in Vavuniya?

In elf Lagern verteilt Ärzte ohne Grenzen energiereiches Porridge, um die Ernährung der gefährdeten Menschen, wie Kinder unter fünf Jahren, schwangere und stillende Frauen und ältere Menschen zu ergänzen. Insgesamt gibt Ärzte ohne Grenzen diesen Menschen täglich mehr als 23.000 Mahlzeiten aus und stellt sicher, dass Kranke und mangelernährte Kinder in Kliniken und spezielle Ernährungszentren überwiesen werden.

Im Mai hat Ärzte ohne Grenzen ein Krankenhaus mit 150 Betten außerhalb der Camps von Menik Farm aufgebaut, das zwei Operationssäle und eine Intensivstation hat. Seit der Eröffnung sind mehr als 1.000 Patienten für medizinische und chirurgische Eingriffe aufgenommen worden. Die Menschen werden von den Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums in den Camps dorthin überwiesen. Hauptsächlich behandeln wir konfliktbedingte Verletzungen, Atemwegsinfektionen und pädiatrische Fälle. Eine Mütter-Versorgung hat auch gerade begonnen. Wir unterstützen weiterhin das Krankenhaus des Gesundheitsministeriums in Vavuniya mit Mitarbeitern in der Chirurgie, Pflege und Physiotherapie.

Neun Ernährungsberater arbeiten gemeinsam mit Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums in der Ernährungsabteilung der Kinderklinik. Ein Psychologe unterstützt eine lokale Nichtregierungsorganisation, indem er ihre Berater für die psychologische Betreuung der Patienten im Krankenhaus ausbildet. Ein Team mit 135 Pflegern hilft den Patienten bei ihren täglichen Aktivitäten, wie beim Essen und Baden. Einige von ihnen haben außerdem eine physiotherapeutische Ausbildung. Ärzte ohne Grenzen verteilt auch Kleidung, Wasserflaschen, Geld, Matten, Kissen und Bettlaken an mehr als 10.000 Patienten, da die meisten von ihnen nur mit ihrer Kleidung ankommen.

Im Krankenhaus des Gesundheitsministeriums in Pompaimadhu kümmern sich die Mitarbeiter um 180 verwundete Patienten, viele von ihnen mit Amputationen. 50 Patienten haben Rückenmarksverletzungen. Dabei geht es hauptsächlich um Physiotherapie, Chirurgie und das Anziehen.

Zudem sprechen wir mit den Behörden gerade darüber, ein Programm für Orthopädie und rekonstruktive Chirurgie im Krankenhaus von Vavuniya zu beginnen.

Welchen Beschränkungen sind Sie bei Ihrer Arbeit ausgesetzt?

Die Ausstellung der Visa für unsere internationalen Mitarbeiter dauert sehr lange, und das behindert unsere Arbeit. Die tägliche Verteilung von Nahrung in den Lagern verzögert sich oft, da die Teams sich unklaren Prozeduren unterziehen müssen.

Ärzte ohne Grenzen hat keinen Zugang zu den Lagern, in denen wir nicht arbeiten. Wir waren daher bisher nicht in der Lage, eine unabhängige Begutachtung der Bedürfnisse der Vertriebenen durchzuführen.

Wir haben die Kapazitäten, die medizinische und psychologische Hilfe für die in den Lagern arbeiten Menschen auszuweiten. Bisher haben die Behörden unseren Antrag dafür aber abgelehnt.