Ärzte ohne Grenzen sieht Zugang zu kostengünstigen generischen Medikamenten gefährdet

Proteste beim EU-Indien-Gipfel in Brüssel

Anlässlich des EU-Indien-Gipfels protestieren Hunderte für den Zugang zu kostengünstigen Generika.

Proteste für den Zugang zu kostengünstigen Generika begleiten den EU-Indien-Gipfel, der heute in Brüssel stattfindet. Der indische Regierungschef Manmohan Singh und der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso beraten über ein Freihandelsabkommen, das den Zugang zu Generika aus Indien einschränken würde. Mehr als 100 Protestierende errichteten vor dem Tagungsort eine Mauer, die die Barriere symbolisieren soll, die das Abkommen zwischen Kranken und die von ihnen dringend benötigten Medikamenten ziehen würde. Anschließend überreichten sie EU-Handelskommissar Karel De Gucht mehrere hundert Protestunterschriften von Patienten und Aktivisten aus aller Welt – stellvertretend für zehntausende von Protest-E-Mails die bereits an die Politiker gerichtet wurden. Auch in Nairobi, Bangkok, Jakarta und Neu-Delhi fanden in dieser Woche Proteste gegen das Abkommen statt.

Leben von Patienten wichtiger als Profitinteressen der Pharmaindustrie

„Der europäische Handelskommissar Karel De Gucht versucht, der europäischen Pharmaindustrie eine Hintertür zu lukrativen Monopolen zu öffnen, die zu hohen Medikamentenpreisen führen. Dadurch würden lebensnotwendige Medikamente für Patienten in ärmeren Ländern unerschwinglich", sagt Tido von Schoen-Angerer, internationaler Direktor der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen.

Innerhalb der EU gehört die deutsche Regierung zu den treibenden Kräften hinter den Generika-feindlichen Forderungen der EU. „Wir fordern die Bundesregierung auf, nicht weiter die Profitinteressen der Pharmaindustrie über das Leben von Patienten zu stellen“, so Oliver Moldenhauer, Koordinator der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland.

Kostengünstige generische Medikamente retten Millionen Menschen

Millionen Menschen in ärmeren Ländern sind auf kostengünstige generische Medikamente angewiesen, um am Leben bleiben zu können. Mehr als 80 Prozent der HIV/Aids-Medikamente beispielsweise, die von internationalen Gebern wie den europäischen Regierungen im Jahr 2008 gekauft wurden, stammten von Generika-Produzenten in Indien. Auch 80 Prozent der Aids-Medikamente, mit denen Ärzte ohne Grenzen derzeit 160.000 Patienten behandelt, kommen aus der so genannten "Apotheke der Armen".

Europa drängt darauf, in dem Abkommen die so genannte Datenexklusivität festzuschreiben, die den Markteintritt generischer Medikamente um bis zu zehn Jahre verzögern würde. Diese Datenexklusivität würde das von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Verfahren blockieren, bereits bestehende klinische Studien von identischen Produkten für die Zulassung von Generika zu nutzen.

Gegen den Vorstoß der EU hat Ärzte ohne Grenzen die Kampagne "Europa! Hände weg von unseren Medikamenten" gestartet. (action.msf.org/de)