Pressebericht

Axel Enke interviewte Dr. Volker Herzog über seine Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen in Afrika.

lebensqualität: Sie haben sich auf die Operation von Geburtsfisteln spezialisiert. Was ist darunter zu verstehen? Welche Regionen oder Länder sind besonders betroffen?

Fisteln entstehen als Folge von Komplikationen bei einer Geburt, bei der es nicht rechtzeitig medizinische Hilfe gibt. Die Ursache ist normalerweise ein sehr langer Geburtsvorgang oder der Stillstand des Geburtsvorganges. Der Druck des kindlichen Kopfes führt dabei zum Absterben des Gewebes im Unterleib und damit zu einer unnatürlichen Verbindung zwischen Scheide und Blase, manchmal auch zwischen Scheide und Darm. Betroffen sind vor allem Frauen in Afrika und anderen Regionen, in denen es keinen oder nur schwer Zugang zu Krankenhäusern gibt. In Europa und Nordamerika gibt es dieses Leiden nicht, hier wird es durch einen Kaiserschnitt verhindert.

lebensqualität: Wie wirken sich diese Fisteln ganz konkret auf die Lebensqualität der Frauen aus?

Die betroffenen Frauen können durch die innere Verletzung ihren Urin oder Stuhlgang nicht mehr kontrollieren; das heißt, sie sind ständig inkontinent und riechen entsprechend. In der Folge werden sie sozial isoliert: Oft werden sie aus ihrer Familie und Dorfgemeinschaft ausgestoßen und leben in großer Armut und Scham. Viele werden auch seelisch krank.

Lebensqualität: Wie viele Frauen sind davon betroffen und wer kann ihnen helfen?

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit zwei Millionen Frauen mit einer Fistel, vor allem in armen Gegenden in Afrika, Asien und der arabischen Welt. Helfen können ChirurgInnen, die in einer speziellen Ausbildung die notwendige Nahttechnik erlernt haben. Die Operation selbst ist in mehr als 90% der Fälle erfolgreich. Nach UN-Zahlen kostet sie inklusive der anschließenden Physiotherapie rund 300 US-Dollar.

lebensqualität: Was verändert sich neben der medizinischen Heilung nach einer solchen Operation?

Ist die Fistel durch die Operation wieder verschlossen, kehrt die Patientin normalerweise in ihr früheres soziales Umfeld zurück - in ihr Dorf und ihre Familie. Isolation und Einsamkeit sind vorbei: So habe ich es von vielen Frauen gehört. Ich habe auch erlebt, wie Gruppen von Frauen vor Freude singend und tanzend die Klink verlassen und sich auf den Heimweg machen.

lebensqualität: Wie wird ihre Arbeit vor Ort in den betroffenen Gegenden aufgenommen?

In der Regel spricht es sich sehr schnell herum, dass ein Chirurg diese Operationen durchführt - im Ort selbst und in der Region. Die Patientinnen sind oft viele Tage lang unterwegs, um das Krankenhaus zu erreichen.

lebensqualität: Was erschwert Ihre Arbeit?

Dr. Herzog: Selbstverständlich sind die Arbeitsbedingungen nicht mit denen in einem Krankenhaus hier zu vergleichen: Meist ist es heiß und es gibt keine Klimaanlagen, das heißt, es ist sehr warm im Operationssaal.

 

lebensqualität: Wer bezahlt Ihre Dienste?

Die Projekte von Ärzte ohne Grenzen werden aus Spenden finanziert, die größtenteils von Privatleuten oder Unternehmen stammen. Für die Patientinnen ist die Operation kostenlos. Wir verteilen an die Patientinnen auch Grundnahrungsmittel oder organisieren die Essenszubereitung, denn in den Krankenhäusern, in denen wir operieren, übernehmen das sonst normalerweise Familienangehörige.

lebensqualität: Welche Bedeutung hat ihr Einsatz dort für Sie, wenn Sie an das Stichwort "Lebensqualität" denken?

Für mich ist bei dieser Arbeit bedeutsam, dass ich nicht nur eine Erkrankung erfolgreich operieren bzw. beheben kann, sondern den jungen Frauen auch die soziale Reintegration ermögliche.

lebensqualität: Was möchten Sie unseren Lesern noch mitteilen?

Leider sind Fisteln und die soziale Isolation der betroffenen Frauen in Europa kaum bekannt. Die Patientinnen stehen im Abseits und haben keine Lobby. Ich hoffe, dass sich das ändern wird und mehr Hilfsmöglichkeiten für die Frauen geschaffen werden.