Demokratische Republik Kongo

Pensionär im Kriegsgebiet - Prof. Hans-Peter Richter war für "Ärzte ohne Grenzen" im Kongo

Hans-Peter Richter half Schwerverletzten im Kriegsgebiet im Osten.

2008 ging er als Chef der Uni-Neurochirurgie in Pension, 2009 ging er mit "Ärzte ohne Grenzen" in den Kongo: Drei Monate operierte Prof. Hans-Peter Richter im ostkongolesischen Kriegsgebiet Schwerverletzte.
Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein hochdekorierter Ex-Chefarzt nach seiner Pensionierung eine Bewerbung schreibt. "Das war eine aufwendige Sache", sagt Prof. Hans-Peter Richter, bis Mitte 2008 Leiter der in Günzburg angesiedelten Neurochirurgie der Uni-Klinik Ulm. Und zunächst auch keine erfolgversprechende. "Die bezweifelten, dass ich zu so einem Einsatz tauge." Nein, einen filigranen Neurochirurgen von 65 Jahren wollte die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" nicht unbedingt in die von Krieg erschütterte Region Nord-Kiwu im Kongo schicken.

Doch Richter ("ich wollte etwas Humanitäres tun") ließ nicht locker. Und letztlich war es wohl sein Alter, das den Ausschlag gab, ihn nach Zentralafrika ziehen zu lassen. Die meisten "Ärzte ohne Grenzen" sind jung. "Deshalb nimmt die Organisation auch gerne Leute mit Erfahrung." Die brachte der Mediziner mit. Zum einen, weil er auf ein langes Berufsleben zurückblickt. Zum anderen, weil er als Arzt in den 70er Jahren länger im westafrikanischen Benin für den Deutschen Entwicklungsdienst gearbeitet hatte.

Anfang Januar trat Richter im 100-Betten-Hospital von Mweso seinen dreimonatigen Dienst an. Das Mitte der 90er Jahre gebaute kirchliche Krankenhaus mit angegliederter Ambulanz ist das einzige im Umkreis von 40 Kilometern. Doch die drei in Diensten der Diözese stehenden Ärzte reichen bei weitem nicht aus, um die vielen Verletzten und Kranken zu versorgen. Deshalb unterstützt "Ärzte ohne Grenzen" die Klinik mit vier zusätzlichen Medizinern, Pflegekräften sowie technischem Personal.

Unvorbereitet flog Richter nicht in den Busch. Zuvor hatte er reichlich Fachliteratur durchgeackert, vor allem aber an der Ulmer Uni-Klinik ein dreiwöchiges "Chirurgiepraktikum" absolviert, denn Amputationen oder Kaiserschnitte hatte der Neurochirurg seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht. In Mweso angekommen hieß es, den Schalter auf "Dritte Welt" umzustellen. Narkosegeräte? Fehlanzeige. Röntgenapparate? Ebenso. Das Manko in Sachen Gerätemedizin sei kompensierbar, sagt Richter: "Man kann das wettmachen: Augen auf und richtig nachgucken."

Die chirurgische Station mit ihren 17 Betten war chronisch überbelegt. Zerschossene Beine und Arme - hauptsächlich waren es Kriegsverletzte, die es zu behandeln galt; aber auch zahlreiche Kaiserschnitte und Bauchhöhlenschwangerschaften. "Ich hab alles operiert außer meinem Fachgebiet und Brustkorbeingriffen", sagt Richter, der darüber hinaus für die Organisation klinischer Abläufe zuständig war.

Kein leichtes Unterfangen, denn die Mediziner von "Ärzte ohne Grenzen" wechseln quartalsweise, jeder setzt seine eigene Duftmarke. "Setzt euch mit meinen Vorschlägen inhaltlich auseinander, löst euch von meiner Person", hat Richter dem afrikanischen Team immer wieder gepredigt. Mit Erfolg. "Als das Eis gebrochen war, klappte die Zusammenarbeit wunderbar." Ein Plus sei sicher sein Alter gewesen, glaubt der Mediziner. "Ich habe schon in Afrika gearbeitet, als 95 Prozent von euch noch nicht geboren waren", dieser Satz habe die Krankenhausmitarbeiter schon beeindruckt.

Gleichwohl machte Richter eine neue Erfahrung. Im Gegensatz zum Afrika-Einsatz in den 70er Jahren konnte er sich diesmal nicht frei bewegen, war eingemauert. "Mein Radius betrug 200 Meter. Vom Krankenhaus zum Ärzte-Basislager - mehr war nicht drin." Grund: die völlig verworrene Lage im Krisengebiet. In Nord-Kivu ist die kongolesische Zentralregierung weitgehend abgemeldet. Konkurrierende Rebellenarmeen und Warlords geben in der an Bodenschätzen reichen Provinz den Ton an und bekämpfen sich gegenseitig. Hin und wieder marschiert die ruandische Armee ein. Selbst UN-Mitarbeiter und andere Helfer seien vor Überfällen nicht sicher, sagt Richter, der behauptet, selbst nie Angst gehabt zu haben. "Ich habe mich vorsichtig verhalten und keine dummen Sachen gemacht."

Dass sich die Lage im Kongo stabilisiert, endlich Frieden einkehrt, ist nicht absehbar. Und so stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Hilfseinsätze. "Man kann das nur unter humanitären Aspekten sehen", sagt Richter. "Leid zu lindern macht immer Sinn." Nächstes Jahr will er wieder für drei Monate nach Afrika gehen.