Elfenbeinküste

Oft sind die Mütter selbst noch Kinder. Gynäkologin Dr. Marita Anwander aus Hüttenberg arbeitete sieben Monate in der Elfenbeinküste

Marita Anwander

Hüttenberg (gpb). Weltweit haben etwa fünf Prozent aller Schwangeren Komplikationen bei der Geburt. Während in Deutschland und anderen Industrienationen flächendeckend medizinische Notfallversorgung gewährleistet ist, findet man in Entwicklungsländern nur wenige Krankenhäuser oder Ärzte und schlechte Straßen. Hier führen Komplikationen bei der Geburt oft zum Tod der Mutter. Wenn sie überlebt, ist es wahrscheinlich, dass ihr Kind tot geboren wird und sie an einer Geburtsfistel leidet - einer Krankheit, die lebenslanges Martyrium und soziale Isolation bedeuten kann.

Was diese Frauen, die sehr häufig noch Teenager sind, seelisch und körperlich erdulden müssen und wie ihnen durch eine Operation geholfen werden kann, erlebte die Frauenärztin Dr. Marita Anwander (43), die vor wenigen Wochen aus Afrika zurückkehrte, wo sie vier Monate lang in einem Projekt der internationalen Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in einem Krankenhaus an der Elfenbeinküste tätig war. "Das hat mir sehr bewusst gemacht, wie wesentlich es ist, an welchem Ort man geboren wird", fasst die in Hüttenberg ansässige Gynäkologin ihre Erfahrungen zusammen.

Marita Anwander ist gebürtige Allgäuerin aus Isny und hat in Tübingen Medizin studiert, arbeitete in Büren und Münster und war sechs Jahre Oberärztin im Wetzlarer Klinikum, wo sie vor zwei Jahren kündigte, anschließend Vertretungen übernahm und 2006 für sieben Monate ihren ersten Einsatz für "Ärzte ohne Grenzen" in einem Krankenhaus in Haiti absolvierte.

Das Projekt an der Elfenbeinküste, das in wenigen Wochen ausläuft, rief "Ärzte ohne Grenzen" 2003 ins Leben, als dort Krieg und Gewalt das Gesundheitssystem zusammenbrechen ließen: Im Westen war das qualifizierte medizinische Personal größtenteils geflohen, Gesundheitseinrichtungen waren zerstört und geplündert, zudem führte die Aufteilung des Landes unter verschiedenen Konfliktparteien zu Versorgungsengpässen mit Medikamenten und medizinischem Material.

"Ärzte ohne Grenzen" richtete mobile Krankenhäuser ein, baute Ernährungszentren für schwer unterernährte Kinder auf und unterstützte das Krankenhaus in der Stadt Man im Westen des Landes, in dem auch die Hüttenberger Ärztin eingesetzt war.

Unter Krieg und Gewalt hatten auch die Frauen zu leiden. So erzählt Anwander von einem 16-jährigen Mädchen, das bei Kriegsausbruch unter Wehen auf einer Schubkarre zum Gebären in den Busch gebracht wurde. Die Geburt dauerte lange, die Frau brachte das Kind tot zur Welt, als Folge litt sie an einer "geburtshilflichen Fistel". Sehr junge Schwangere mit engem Becken sind häufig Opfer dieser Komplikationen. Während der Geburt - die Presswehen können drei bis fünf Tage dauern - drückt der Kopf des Babys gegen das Becken, unterbricht die Blutzirkulation, das Gewebe stirbt ab und hinterlässt ein Loch zwischen Vagina und Blase, bisweilen auch zwischen Vagina und Rektum. Die Folge ist schwerste Inkontinenz, der Urin tropft unkontrolliert und ständig aus der Scheide, manchmal sogar Fäkalien. In vielen Fällen werden die Nerven, die durch das Becken laufen, geschädigt und es kommt zu Fußlähmungen.

Auch die seelischen Qualen sind unvorstellbar; die Frauen leiden unter dem traumatischen Geburtserlebnis und dem Verlust des Kindes, werden durch den Gestank des Urins von jeglicher Teilnahme an gesellschaftlichem Leben ausgeschlossen, häufig von ihren Familien verstoßen.

Die Wege zum nächsten Krankenhaus sind lang und - besonders nachts - gefährlich. Transport und Operationen kosten Geld, das die meisten kaum aufbringen können. In der Umgebung von Man, wo der erfahrene afrikanische Arzt Dr. Bile seit 2004 Geburtsfisteln operiert, hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass ihnen hier - dank "Ärzte ohne Grenzen" - kostenlos geholfen wird. Seitdem machen sich unzählige Betroffene auf den beschwerlichen Weg dorthin, manche legen Fußwege von 50 Kilometer und mehr zurück.

Richtige Betten gibt es nur für akut Kranke und gewisse Zeit nach der OP

"Ich war schockiert über das Ausmaß", erzählt die Hüttenberger Gynäkologin. Viele Patientinnen warten vor Ort monatelang auf ihre OP, denn das Krankenhaus hat nur zwei Operationsräume, von denen einer immer für Notfälle frei sein muss. Eine Operation dauert fünf bis sechs Stunden. Man "campiert" in improvisierten Unterkünften, die meisten ziehen den kühlen Kachelboden den Plastikmatratzen vor. Richtige Betten gibt es nur für akut Kranke und einige Zeit nach der Operation. Da jede Station lediglich über einen Pfleger verfügt, werden die Patienten häufig von mitgereisten Angehörigen gepflegt und versorgt.

Die Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" leben im Team. Zwar gelten strenge Sicherheitsregeln, doch Mitarbeiter und Fahrzeuge von "Ärzte ohne Grenzen" seien gut erkennbar markiert und würden aufgrund ihrer Neutralität sehr respektiert. Die Hilfsorganisation arbeite sehr effektiv, sagt Anwander. "Die Spenden kommen an, wo sie gebraucht werden, auch kurzfristig."

Die private Nothilfeorganisation war am 20. Dezember 1971 als "Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen" von zwei unabhängigen Ärztegruppen und Journalisten in Paris gegründet worden, um zu helfen, wenn in Kriegsgebieten oder nach Naturkatastrophen das Leben vieler Menschen bedroht ist - ohne nach Herkunft, Religion oder politischer Überzeugung zu fragen. Zudem versteht sich die Hilfsorganisation als Sprachrohr von Menschen in Not gegenüber der Weltöffentlichkeit. Sie arbeitet neutral und unparteiisch und frei von bürokratischen Zwängen. Um diese Unabhängigkeit zu bewahren, finanziert sich "Ärzte ohne Grenzen" mindestens zur Hälfte aus privaten Spenden. 1999 erhielt die Organisation den Friedensnobelpreis in Anerkennung ihrer bahnbrechenden humanitären Arbeit auf mehreren Kontinenten. Dr. Marita Anwander kann sich gut vorstellen, für "Ärzte ohne Grenzen" auch in weiteren Einsätzen dazu beizutragen, die Not von Menschen zu lindern. "Ideal wäre, drei bis vier Monate in Projekten zu verbringen und die übrige Zeit in Deutschland zu arbeiten."