Sudan

Nach der gerichtlichen Entscheidung über die Grenzstreitigkeiten zwischen Nord- und Südsudan wird neue Welle der Gewalt befürchtet

Erst vor etwas über einem Jahr flohen 40.000 Menschen vor heftigen Kämpfen, die die Stadt Abyei an der Grenze zwischen dem Norden und dem Süden Sudans fast komplett zerstörten. In diesem Monat wird der Ständige Schiedshof mit Sitz in Den Haag sein Urteil über die Grenzstreitigkeiten in der Region Abyei vorlegen. Es wird befürchtet, dass diese Entscheidung eine neue Welle der Gewalt auslösen könnte.

"Wir merken in Agok, dass die Situation sehr angespannt ist", erklärte Volker Lankow, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in dem Dorf Agok. "Wir sind äußerst wachsam und können das Team reduzieren, sollte die Sicherheitslage es erfordern. Unsere wichtigsten Aktivitäten werden aber weiterlaufen."

Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen im Mai letzten Jahres kümmerte sich ein Nothilfeteam von Ärzte ohne Grenzen um die Bedürfnisse der vertriebenen 20.000 bis 30.000 Menschen, die aus der Stadt Abyei in das Dorf Agok geflohen waren. "Ein paar Tausend kehrten nach Abyei zurück, aber die meisten wagen es nicht, über Nacht zu bleiben. Sie leben immer noch im Busch rund um Agok. Die Menschen haben Angst, dass in der Stadt erneut Kämpfe ausbrechen", sagte Lankow.

Ärzte ohne Grenzen organisiert die medizinische Versorgung in den Kliniken in Agok und Abyei und hat zwei mobile Teams, die an zwölf Standorten in der Nähe der beiden Städte arbeiten. 117 sudanesische und neun internationale Mitarbeiter versorgen jeden Monat mehr als 2.300 Menschen.

Überleben ist von internationaler Hilfe abhängig

"Wir kümmern uns um die medizinische Grundversorgung und Geburtshilfe für die Vertriebenen, außerdem haben wir ein Ernährungsprogramm, zu dem ein stationäres therapeutisches Ernährungszentrum gehört. Mangelernährung ist hier ein großes Problem", erklärte Lankow. "Im Sudan herrscht zu dieser Jahreszeit großer Nahrungsmittelmangel."

Helle Pedersen, Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen, leitet das Ernährungsprogramm in dem Projekt. "Kinder unter fünf Jahren sind am meisten von der Nahrungsmittelknappheit betroffen. Als ich hier anfing, behandelten wir 275 mangelernährte Kinder. Jetzt, nur fünf Monate später, hat sich diese Zahl verdoppelt."

Seit über einem Jahr leben die Vertriebenen in notdürftigen Unterkünften. Ihr Überleben ist von internationaler Hilfe abhängig. Sie haben vor allem mit Atemwegsinfektionen, Unterernährung, Durchfall und Malaria zu kämpfen.

Mangelernährung ist ein großes Problem

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit dem Jahr 2006 im Krankenhaus in Abyei. Die Mitarbeiter haben im Jahr 2008 nahezu 9.000 ambulante Behandlungen durchgeführt und mehr als 1.200 mangelernährte Kinder betreut. Außerdem hat die Organisation dieses Jahr in der Region Abyei ein Geburtshilfeprogramm gestartet.

Helle Pedersen erzählte: "Vor drei Wochen kam eine Mutter mit ihrem Kind in das Ernährungsprogramm. Ich wollte den Jungen stationär aufnehmen, weil er dehydriert war. Sie meinte, dass das nicht ginge, weil sie noch drei weitere Kinder hätte, die unter einem Baum auf sie warten würden. Die Mutter war am Tag zuvor aus Agok gekommen und wusste nicht, wo sie hin sollte. Eine Freundin hat sie begleitet, die ich fragte, warum sie denn nicht helfen könne. Die Freundin antwortete: ‚Ich bettele auf dem Markt, damit ich selbst überlebe und kann kaum meine eigenen Kinder ernähren, wie sollte ich ihr also helfen können?' Wir versuchten, die Mutter zum Bleiben zu überreden, mussten sie aber gehen lassen. Zwei Wochen später kam sie mit einer massiven Augeninfektion zurück, alles war vereitert. Ich behandelte sie und schaute mir auch das Kind an. Dem Jungen ging es gut. Zum Glück war es ihr gelungen, ihn am Leben zu erhalten. Ich fragte sie, ob sie eine Unterkunft gefunden hätte. Sie verneinte und erzählte, dass sie immer noch unter einem Baum leben würden. Wenn es regnet, würden sie versuchen, sich mit ihrer Kleidung zu schützen. Ich riet ihr, sehr vorsichtig mit dem Wasser zu sein, das sie trinken. Sie antwortete, dass sie nur Sumpfwasser trinken könnten, da sie keinen Kanister hätten. Ich half ihr natürlich und habe ihr eine Plastikplane und einen Kanister gegeben, Das sind genau die Geschichten, die man von den Menschen in dieser Region hört."