Jemen

Mitarbeiterporträt Dr. Ulrich Dittmer, Anästhesist

"Mein nationaler Kollege, der Oberpfleger Mohammed Saleh, war meine große Stütze im Projekt. Ohne ihn hätten viele Vorhaben nicht umgesetzt werden können", sagt der deutsche Anästhesist Dr. Ulrich Dittmer.

Alter:

64 Jahre

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

Bis Ende 2009 Chefarzt in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung, seitdem Honorararzttätigkeit in verschiedenen Kliniken

Ausbildung:

Facharzt für Anästhesie

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

2012/2013 für eineinhalb Monate im Jemen

Ein Buch, das mich während meines letzten Einsatzes begleitet hat:

Einige Fachbücher, die ich nicht gebraucht habe, weil alle notwendige Literatur von Ärzte ohne Grenzen vorgehalten wurde. Ryszard Kapuscinski "König der Könige - Eine Parabel der Macht", Abraham Verghese "Rückkehr nach Missing". Spielen beide in Äthiopien, aber das ist ja nicht so weit weg vom Jemen. Die Tage waren allerdings so ausgefüllt, dass ich kaum zum Lesen gekommen bin.

Musik, die ich gehört habe:

Jeden Abend im Bett mit Kopfhörern noch eine Viertelstunde Classic Rock über WLAN, 181.fm oder Star FM.

Wie sah dein Berufsalltag im letzten Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Jeden Morgen um 8 Uhr eine halbe Stunde Besprechung im Krankenhaus mit allen Kollegen. Erörtert wurden die Notfall-Behandlungen und Aufnahmen der Nacht, medizinische Probleme, besondere Vorkommnisse, Sicherheitsprobleme, Organisatorisches, Fragen der Logistik und der Arzneimittelversorgung, die allgemeine Lage und die Vorhaben der nächsten Zeit. Jeder konnte die Anliegen aus seinem Bereich vorbringen. Danach zusammen mit dem Chirurgen Visite auf den Stationen und im Kreißsaal. Etwa um halb 10 Uhr begann das OP-Programm. Meist wurden vormittags vier bis fünf Patienten operiert. Je nach Aufwand waren wir damit gegen 13 Uhr fertig und ich konnte zum Mittagessen in unser Mitarbeiterhaus zurückgehen.

Nachmittags verabredeten wir uns meist für 15 Uhr für die Operationen, die wir morgens nicht geschafft hatten oder für aktuelle Notfallversorgungen. Danach nochmal Visite über die Stationen und spätnachmittags war dann das reguläre Programm beendet. Viele Male war ich im Laufe des Tages auf der Intensivstation, habe dort die Patienten behandelt, die Pläne geschrieben und die Pflegekräfte unterwiesen, was viel Zeit in Anspruch nahm. Etwa jede zweite Nacht musste ich zu Notfalloperationen in die Klinik, meist gingen dabei 2-3 Stunden drauf. Fast jeden Abend habe ich auch noch eine Spätvisite auf der Intensivstation gemacht. Bei dem niedrigen Ausbildungsstand der Pflegekräfte war das ungemein wichtig.

Es gab bei den Operationen im Wesentlichen drei Gruppen von Patienten: Gewaltopfer mit Schuss- oder Stichverletzungen, geburtshilfliche Notfälle mit eiligen Kaiserschnitten und Haus-, Spiel- und Verkehrsunfälle - darunter viele Kinder und viele Verbrennungen.

Zusätzlich habe ich kleinere Fortbildungsveranstaltungen für die Pflegekräfte meines Teams gemacht, Arbeitsanweisungen ausgearbeitet, die Ordnung in den Schränken auf der Intensivstation systematisiert und mich um das Formularwesen gekümmert. Im Büro standen dann noch Statistiken, Reports, gelegentlich Beurteilungen und viele informelle Gespräche an.

Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Viel Zeit blieb nicht mehr. Wir, die internationalen Kollegen, haben uns immer zuerst in der Küche getroffen, haben zusammen gegessen und jeder hat von seinem Tag erzählt. Manchmal gab es abends einen Film, über Laptop und Beamer an die Wand geworfen. Viel Zeit habe ich für mein Tagebuch verwendet. Manchmal haben wir uns auf der Dachterrasse getroffen und dort gegessen oder gefeiert oder waren im Gästehaus bei den jemenitischen Mitarbeitern. Nur einmal konnte ich die Stadt Khamir für ein schönes Picknick im Umland verlassen.

Was hast du am meisten geschätzt während deines letzten Projektaufenthalts?

Wir haben Medizin auf einem vergleichsweise hohen Niveau gemacht, ganz viele Leben gerettet, sehr erfolgreich Schwerverletzte und Schwerkranke behandelt, viele Leiden behoben oder zumindest gelindert. Es wurde mit geringem Aufwand ganz viel erreicht. Ein Projekt, das sich medizinisch sehen lassen kann, das keine Frustrationen wegen begrenzter Behandlungsmöglichkeiten, sondern Begeisterung wegen seiner auch in kurzer Zeit spürbaren Weiterentwicklung hervorrief.

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Ich mag es kaum sagen, aber es war so kalt in dem Haus: eine Heizung!

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ich werde weiter als Honorararzt in Deutschland arbeiten und würde gerne wieder jedes Jahr zwischendurch ein bis drei Monate mit Ärzte ohne Grenzen ins Projekt gehen.

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

Die großartige Zusammenarbeit innerhalb des Teams, das zielorientierte Arbeiten ohne Hierarchien. Der angenehme menschliche Umgang miteinander. Es war fast wie in einer Familie.