Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen berichten aus Gaza

Die israelische Militäroffensive im Gazastreifen hat nach offiziellen Angaben bislang mehr als 500 Menschen das Leben gekostet. Die Hälfte der Opfer sind Frauen und Kinder. Auch Teammitglieder von Ärzte ohne Grenzen haben durch die Bombardierungen Familienmitglieder verloren. Andere mussten ihre Häuser verlassen. Ein palästinensischer Arzt, der für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, und die medizinische Koordinatorin, Cecile Barbou, berichten aus Gaza.

Palästinensischer Arzt:

Gestern Nacht wurde in Gaza eine lokale medizinische NGO angegriffen. In der Nähe meines Viertels wurden vier Krankenfahrzeuge zerstört. Es gab vier Angriffe mit F16-Kampfjets. Bei einem wurde ein Haus in der Nähe meines eigenen getroffen. Zehn Mitglieder einer Familie starben, vor allem Kinder und Frauen. Das war um genau 6.30 Uhr heute früh. Vor einer Stunde wurde dann ein Gewächshaus in der Nähe meines Hauses getroffen. Ein Gewächshaus für Gemüse und solche Dinge. Ich weiß nicht, die Situation ist absolut sonderbar. Keiner versteht, was los ist. Alle sind vollkommen erschöpft. Ich bin erschöpft weil ich eine Familie habe und wir mit Bomben aufwachen und mit Bomben schlafen. Und wir wissen nicht, wann die Bomben kommen.

Cecile Barbou, medizinische Koordinatorin:

Seit Beginn der Bodenoffensive sind vier unserer Teammitglieder direkt verletzt worden. Eine Mitarbeiterin wurde unter ihrem Haus begraben. Sie konnte sich unverletzt befreien und hatte großes Glück. Ein anderer Mitarbeiter musste dabei zusehen, wie die Hälfte seiner Familie starb und konnte den Rest nur unter Mühe evakuieren. Die kleine Tochter einer dritten Mitarbeiterin wurde an der Schulter verletzt. Sie wurde operiert und es geht ihr gut. Von einem anderen wurde die Schwester durch einen Bauchschuss verletzt. Auch sie wurde operiert und es geht ihr gut. Aber die Situation hat sich dramatisch verändert. Bisher waren unsere Mitarbeiter mehr oder weniger sicher. Jetzt sind sie in einer sehr, sehr schwierigen Lage.

Palästinensischer Arzt:

Die Opfer der derzeitigen Bodenoffensive sind überwiegend Zivilisten. Vor allem Kinder. Und die Zahlen steigen. Insgesamt gibt es mittlerweile mehr als 530 Tote. Unter diesen Toten sind 110 bis 115 Kinder. Diese Zahlen sind vom Gesundheitsministerium. Wir sehen, dass der Zugang zu und die Evakuierung von Verwundeten und Toten problematisch ist. Krankenfahrzeuge können sie nicht erreichen, um sie zu evakuieren. Die meisten der Toten starben während der Bodenoffensive. Sie starben an ihren schweren Verwundungen und niemand konnte ihnen helfen, sie retten oder sie zu einem Krankenhaus bringen.

Heute konnten Krankenfahrzeuge die Verwundeten von gestern evakuieren. Die meisten von ihnen sind schwer verletzt. Möglicherweise waren sie ursprünglich nur leicht oder mittelschwer verletzt. Wegen des starken Blutverlustes und der bislang fehlenden Hilfe sind sie nun aber in einem kritischen Zustand.

Innerhalb von zehn Tagen wurden im Shifa-Krankenhaus allein mehr als 300 größere Operationen durchgeführt. Die meisten der Eingriffe waren Amputationen, Gefäß- oder orthopädische Operationen. Ich glaube, alle medizinischen Mitarbeiter sind völlig erschöpft. Sie geben ihr Bestes. Sie arbeiten 24 Stunden täglich. Sie sehen ihre Familien nicht. Das könnte in den kommenden Tagen zum Problem werden. Jeder hat seine Grenzen.