Palästinensische Autonomiegebiete

"Mehr als die Hälfte aller Patienten sind jünger als zwölf Jahre" - Interview mit einer Psychologin

Viele Menschen, besonders Kinder, erkranken unter dem Druck der andauernden Gewalt.

Die andauernde Gewalt in den Palästinensischen Autonomiegebieten hat schwerwiegenden Einfluss auf die psychische Gesundheit der Menschen. Besonders Kinder sind betroffen. Angst, Zwangsvorstellungen, Schlaflosigkeit, Alpträume und Bettnässen sind einige der Symptome. Mit Hilfe eines psychosozialen und medizinischen Programms unterstützt Ärzte ohne Grenzen weiterhin jene Menschen, die direkt von Gewalt in diesem vielschichtigen Konflikt betroffen sind oder sie miterleben. Anja Brandal, eine norwegische Psychologin, ist gerade von dort zurückgekehrt. In einem Interview erklärt sie, was die Menschen erleben und wie ihnen Ärzte ohne Grenzen versucht zu helfen, diese Lebensbedingungen besser zu verkraften.

Kannst Du Deine Arbeit beschreiben?

Die Arbeit der Psychologen bedeutet, Menschen, die direkt oder indirekt Gewalt in den Palästinensischen Autonomiegebieten erleben, mit kurzen Psychotherapien zu helfen. Ich habe Kinder, Teenager und Erwachsene unterstützt und mit ihnen in Gruppen oder innerhalb von Familien gearbeitet. Mehr als die Hälfte unserer Patienten sind jünger als zwölf Jahre. In der Regel besuchen wir die Menschen zu Haus, da sie ansonsten weit fahren und Checkpoints überqueren müssten. Falls notwendig, arbeiten wir sehr eng mit unserem Palästinensischen Arzt und Sozialarbeiter zusammen.

Welches sind die wichtigsten Anliegen der Bevölkerung?

In der Region ist wirklich jeder von dem vielschichtigen Konflikt betroffen. Aber einige leiden stärker unter den Auswirkungen der Gewalt als andere, und genau jene wollen wir mit unserem Programm unterstützen. In einigen Teilen in Hebron führen alltägliche Übergriffe zwischen israelischen Siedlern, Soldaten und Palästinensern zu Spannungen. Die meisten Menschen leben mit der permanenten Angst, dass ihnen oder ihren Angehörigen etwas passieren könnte.

Bist Du willkommen, wenn Du Menschen zu Hause besuchst?

In der Regel werden wir von den Familien sehr offen empfangen. Dann kommt die gesamte Familie zusammen für ein erstes Gespräch. Viele Betroffene wollen, dass wir mehr über ihre Situation erfahren, damit wir der Welt erzählen, was in den Palästinensischen Autonomiegebieten passiert.

Welche Symptome hast Du bei den Patienten gesehen?

In einer Umgebung leben zu müssen, in der es zu permanenten Übergriffen und Beleidigungen kommt - solche Erfahrungen beeinflussen die seelische Gesundheit eines Menschen. Nach einem Trauma haben viele Menschen Symptome wie plötzliche, immer wiederkehrende Erinnerungen an das Erlebte, Zwangsvorstellungen, Fluchtreaktionen, Schlaflosigkeit, Alpträume, Konzentrationsprobleme, Angstzustände oder Aggressivität. Manche Kinder entwickeln starke Verlustängste und werden zu Bettnässern. Mit einer kurzen Psychotherapie können wir Patienten unterstützen, Symptome besser zu bewältigen und sie schließlich zu vermindern.

Wie funktioniert diese Bewältigung?

Unsere Hauptaufgabe ist es, ihre Bewältigungsmechanismen, die sie ohnehin haben, zu stärken. Manchen Patienten hilft es, wenn sie mit ihren Familien oder anderen Menschen sprechen, andere beten. Es können Entspannungsübungen helfen und für Kindern sind es oft spielerische Aktivitäten.

Kannst Du uns die Geschichte eines Deiner Patienten erzählen?

Ich arbeitete mit einem vierzehnjährigen Mädchen zusammen, die von israelischen Soldaten angeschossen wurde. Sie war sehr traumatisiert nach dem Vorfall. Sie litt unter Zwangsvorstellungen, hatte Angst, ohne ihre Mutter allein zu Hause zu sein, und sie versuchte zu verdrängen, was ihr passiert war. Wenn sie laute Geräusche hörte oder Soldaten sah, reagierte sie darauf sehr stark.

Während der Therapie sprachen wir über ihre Ängste, ihre Geschichte und wie sie wieder unabhängiger leben kann, ohne die ganze Zeit in Alarmbereitschaft zu sein. Sie entwickelte Wege, sich zu entspannen. Wir sprachen darüber, wie sie reagieren würde, falls ihr so etwas wieder passiert. Es ist eine Herausforderung im Kontext andauernder Gewalt zu arbeiten: Man muss sich immer bewusst sein, dass ein solcher Angriff jederzeit wieder passieren kann.

Im Falle des Mädchens zeigte sich während neuer Vorfälle, dass sie mittlerweile besser mit diesen Situationen zurecht kam. Zwar hatte sie weiterhin Angst, aber sie fand nun Wege, sich zu beruhigen.

Wie ist es, als Psychologin in den Palästinensischen Autonomiegebieten zu arbeiten?

Zu Beginn fand ich es schwer. Ich fragte mich, wie kann ich Menschen psychologische Unterstützung geben und ihre Lage verbessern, wenn sich die allgemeine Situation nicht ändern lässt? Das war frustrierend. Aber dann verstand ich, dass ich ihnen helfen kann, mit schwierigen Erlebnissen besser umzugehen, so dass sie ihren Alltag leben können. Man sieht viele Menschen, die ihr Leben in einer positiven Weise organisieren und ich konnte sehen, dass einige Dank unserer Hilfe besser mit ihren Lebensbedingungen zurecht kamen. Da habe ich verstanden, dass mein Job sehr relevant ist.