Tschad

Mangelernährung in der Sahelzone: Mehr Nothilfe benötigt

Versorgung eines Kindes im Ernährungszentrum in Massakory.

In der Sahelzone hat die jährliche Ernährungskrise begonnen, die in Teilen der Region durch Epidemien, politische Instabilität und erhöhte Marktpreise noch zusätzlich verschärft wird. Laut Unicef sollen in diesem Jahr eine Million schwer mangelernährte Kinder behandelt werden - das ist mit Abstand die höchste Zahl in der Geschichte der humanitären Hilfe. Ärzte ohne Grenzen ist dabei, die Notfallhilfe aufzustocken, warnt aber, dass die Mangelernährung in der Sahelzone ein Problem der öffentlichen Gesundheit ist, das nach langfristigen Lösungen verlangt.

In den vergangenen sechs Monaten hat Ärzte ohne Grenzen rund 56.000 schwer mangelernährte Kinder in ihre Ernährungsprogramme in sieben Ländern der Sahelzone aufgenommen. Die Zahl ist, verglichen mit der gleichen Zeitspanne im Vorjahr, etwas höher, bewegt sich jedoch im ähnlichen Rahmen.

"In dieser Region sind Ernährungskrisen wiederkehrend und zyklisch", sagt Michel-Olivier Lacharité, der Programmverantwortliche von Ärzte ohne Grenzen für Mali, den Niger und Tschad. "Aber dieses Jahr haben weitere Faktoren dafür gesorgt, dass die Mangelernährung in bestimmten Gebieten schlimmer ist als üblich. Dazu gehören höhere Marktpreise, die Instabilität im Norden von Mali und Nigeria, und eine Masern-Epidemie im Osten des Tschads."

Zusätzlich hat die besonders heftige Regenzeit im Süden des Nigers und in Teilen des östlichen Tschads zum erwarteten Anstieg von Malariafällen geführt. Für Kinder ist die Kombination aus Malaria und Mangelernährung tödlich. Ärzte ohne Grenzen setzt zusätzliche Mittel für die Soforthilfe ein, um so viele Kinder wie möglich zu behandeln, bevor der Regen die Straßen unpassierbar macht.

Bessere Vorbereitungen

Zum ersten Mal haben in diesem Jahr all die Länder der Sahelzone, die am stärksten von Mangelernährung betroffen sind, schon früh Warnungen ausgesprochen und ab Herbst 2011 gemeinsam mit internationalen Hilfsorganisationen einen ehrgeizigen Notfallplan erarbeitet. Schätzungsweise eine Million schwer mangelernährte Kinder sollen behandelt werden, und die präventiven Lebensmittelverteilungen an Kleinkinder sollen Produkte auf Milchbasis enthalten, die speziell an die Nahrungsbedürfnisse von Kindern angepasst sind.

Es ist unbestritten, dass diese Aktion sowohl die Behörden als auch die Hilfsorganisationen und Geldgeber erneut vor beträchtliche Herausforderungen stellen wird. Aber ein Nothilfe-Einsatz darf nicht die einzige Lösung sein.

"Ein Problem der öffentlichen Gesundheit"

"Mangelernährung ist ein Problem der öffentlichen Gesundheit, und so sollte es auch angegangen werden", erklärt Dr. Susan Shepherd, Kinderärztin und Ernährungsexpertin von Ärzte ohne Grenzen. "Präventionsmaßnahmen und die Behandlung von Mangelernährung ermöglichen es, viele Leben zu retten. Dies sollte Teil der grundlegenden Versorgung für kleine Kinder werden, genau wie Impfungen. Länder, denen es gelungen ist, die Mangelernährung einzudämmen, haben den Menschen Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung und angemessener Ernährung für Kinder verschafft. Es ist entscheidend, nicht nur im Notfall zu handeln, sondern zu längerfristigen Lösungen zu wechseln."

So führt Ärzte ohne Grenzen zwar jedes Jahr weiterhin Einsätze als Reaktion auf Ernährungskrisen durch, sucht aber gleichzeitig auch nach einfacheren und wirtschaftlicheren Methoden, um die Mangelernährung langfristig zu bekämpfen. Es gibt bereits mehrere vielversprechende Strategien: So werden die Behandlung und präventiven Maßnahmen dezentralisiert und von nichtmedizinischem Personal durchgeführt. Es sind vermehrt lokal hergestellte Nahrungsmittel erhältlich, und ein neu entwickeltes System soll ermöglichen, dass Kinder einfacher und kostengünstiger Zugang zu ihrer benötigten Nahrung haben.

Ärzte ohne Grenzen in der Sahelzone

Ärzte ohne Grenzen leitet derzeit 21 Ernährungsprojekte in der Sahelzone. Davon wurden in diesem Jahr neun Projekte als Reaktion auf Ernährungskrisen in Gebieten des Tschads, von Mali, des Senegals und von Mauretanien gestartet. Die Teams der Organisation evaluieren weiterhin die Situation, während in den kommenden Wochen mindestens drei weitere Projekte eröffnet werden sollen.

Von den 56.000 schwer mangelernährten Kindern, die zwischen Januar und Ende Juni 2012 von Ärzte ohne Grenzen in der Sahelzone versorgt wurden, wurden 36.000 allein im Niger behandelt. Auch im Norden von Mali, im Niger, in Burkina Faso und Mauretanien sind Teams im Einsatz, um den durch den Konflikt in Mali vertriebenen Menschen zu helfen.