Brasilien

Leben in Angst - Heilung seelischer Wunden in den Slums von Rio

Landeskoordinator Tyler Fainstat im Gespräch mit einer Anwohnerin.

Complexo do Alemão wird wie Hunderte andere Slums in Rio de Janeiro von schwer bewaffneten Gruppen kontrolliert, die den dortigen Drogenhandel bestimmen. Heftige Kämpfe können jederzeit und überall ausbrechen, entweder durch polizeiliche Übergriffe oder Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen. Aber selbst wenn es ruhig zu sein scheint, leben Tausende Menschen unter der Herrschaft der bewaffneten Gruppen. Sie leben in ständiger Angst, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.
"So ist das hier, Du sollst nichts sehen, hören oder sagen. Wenn es einen Gewaltausbruch gibt, ist jeder selber Schuld. Es ist beängstigend." Elena wohnt in den Slums Complexo do Alemão in Rio de Janeiro, in denen mehr als 170.000 Menschen leben. Alemão steht in starkem Kontrast zu dem Postkartenimage der brasilianischen Metropole: Es ist ein Labyrinth aus steilen, unbefestigten Gassen mit ärmlichen Häusern. Die Slums sind von improvisierten Barrieren umgeben, die zur Kontrolle von Autos aufgestellt wurden, die dort hineinfahren wollen. Weniger sichtbar, aber umso offenkundiger ist die Gewalt, die das Leben der Bewohner beherrscht.

Ärzte ohne Grenzen hatte nach mehreren Kämpfen zwischen der Polizei und bewaffneten Gruppen im Jahr 2007 angefangen, in Complexo do Alemão zu arbeiten. Während einer Polizeiaktion im Juni 2007 waren dort angeblich 17 Menschen an einem Tag getötet worden. Die Bewohner, die in diesem Kreuzfeuer leben, haben keinen Zugang zu medizinischer Nothilfe. Krankenwagen kommen nicht einmal in friedlichen Zeiten in die Slums.

Ärzte ohne Grenzen konzentrierte sich auf lebensrettende Nothilfe und die Einweisung in öffentliche Krankenhäuser außerhalb von Complexo do Alemão. Das Team hatte einen einfachen Wagen in einen Krankenwagen umgebaut, der eng genug war, um durch die schmalen Gassen fahren zu können.

Die Mitarbeiter haben außerdem psychologische Hilfe für die Gewaltopfer angeboten. "Hier geht man davon aus, dass Menschen nicht über die Gewalt sprechen, die sie erleben. Sie sind daher gezwungen, all die tragischen Momente für sich zu behalten. Die psychologische Hilfe, die die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen angeboten haben, hat den Menschen geholfen, ihr Leiden auszudrücken und damit umzugehen", erklärt Douglas Khayat, Psychologe von Ärzte ohne Grenzen in Complexo do Alemão.

Psychologischer Beistand hilft, das Leiden zu ertragen

Die psychologische Hilfe in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen kam für Elena* überraschend. "Ich habe davon ganz zufällig erfahren. Ich war krank und wurde in die Klinik von Ärzte ohne Grenzen gebracht. Nachdem ich die Medikamente bekommen habe, hat mich der Arzt gefragt, ob mich etwas beunruhigt", sagt Elena. "Mein Mann trinkt sehr viel und das macht mich unruhig. Ich habe zugestimmt, einen Psychologen zu treffen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Psychologen gesehen habe, und es hat mir sehr geholfen. Ich kann jetzt auf eine Weise mit Problemen umgehen, wie ich es früher nicht konnte."  Erwachsene leiden neben psychosomatischen Beschwerden unter Depressionen und Angst.  Bei Kindern sind Aggressivität, Verhaltensstörungen und Lernschwierigkeiten normal. Die Gründe dafür liegen oft in der Gewalt. Mehr als ein Drittel der Menschen haben Konfliktsituationen erlebt, und bei einem von fünf wurde ein Familienmitglied getötet.

Schließung des Projekts nach zwei Jahren

Ärzte ohne Grenzen schließt das Projekt in Complexo do Alemão nach zwei Jahren. "Das Projekt war als Nothilfeintervention gedacht und nur für zwei Jahre geplant. Die Menschen sind hier noch immer großem Druck ausgesetzt, und Gewalt ist Teil ihres Lebens. Die Zahl der bewaffneten Angriffe und der Verwundeten in Complexo do Alemão hat aber nachgelassen, so dass es weniger Noteinsätze gibt, die der eigentliche Fokus unseres Projektes waren", erklärt Tyler Fainstat, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Brasilien. "Außerdem gibt es hier mittlerweile einige Gesundheitsdienste für die Bewohner, auch wenn sie nicht mitten in der Gemeinde sind", fügt er hinzu.

Ärzte ohne Grenzen hat von 2007 bis 2009 19.000 medizinische Behandlungen durchgeführt, und 650 Notfälle wurden mit dem umgebauten Krankenwagen transportiert. Die Psychologen haben etwa 1.300 Patienten betreut.